Der Mythos vom plötzlichen Erfolg

Heute möchte ich einmal zu meinen Autorenkolleg*innen sprechen. Genauer, zu allen, die frustriert oder verzweifelt sind, weil „der Erfolg“ ausbliebt oder sie denken, zu wenig zu tun. Ich weiss, wie das ist und ich möchte etwas klarstellen, was mir nun schon länger auf dem Herzen liegt. In letzter Zeit begegnet mir wieder häufig die sogenannte „Aschenputtel-Geschichte“ über Autor*innen. (Auch über andere Künstler*innen, aber ich spreche hier vorwiegend von den Schreibenden, weil ich selbst eine bin.)

Ihr wisst schon, das hier: Autor*in träumte ein Leben lang vom grossen Erfolg, bis eines Tages plötzlich das Glück an die Tür klopfte und ihr*/sein* Roman XX zum Millionen-Bestseller wurde. Häufig sehe ich dann noch den Zusatz: „XX ist ihr erster Roman.“ Bei Autor*innen, die schon etwas länger im Geschäft sind, gibt es ausserdem das: „Inzwischen hat er 10 Romane, 30 Kurzgeschichten und 20 Zeitungsartikel verfasst.“ (Nach den Ausführungen darüber, wie der Lebenstraum eines wunderbaren Tages in Erfüllung gegangen ist). Diese Geschichte gibt es bei Künstler*innen jeder Art, sei es in Literatur, Musik, Film oder woanders.

Solche Biographien haben zwei Aspekte: Zum einen lesen sie sich natürlich schön, tatsächlich ein bisschen wie ein Märchen. Man freut sich für die jeweiligen Personen und darüber, dass es möglich ist. Andererseits lassen diese Geschichten aber auch gerne einige Punkte aus. Das führt dazu, dass es so wirkt, als könne man als angehende*r Autor*in nur hoffen, dass einem dieses Glück ebenfalls zufällt. Genau deshalb hat mich die „Cinderella-Story“ früher oft frustriert. Ich sass da, hoffte auf mein Glück und beneidetete diese Leute, denen scheinbar alles in den Schoss fiel. Ich fühlte mich schlecht, weil ich mich fragte, was ich falsch mache, damit mir dieses Glück verwehrt bleibt. Ich war verzweifelt, weil ich glaubte, bereits alles in meiner Macht stehende dafür zu tun und doch passierte nichts. Dieser Frust wiederum blockierte mich, weshalb ich letztendlich irgendwann gar nichts mehr getan habe. Dann passierte natürlich erst recht nichts mehr.

Deshalb möchte ich euch erzählen, was meiner Erfahrung nach die Wahrheit über die „Aschenputtel-Geschichte“ ist. Sie existiert auch, aber sie ist immer nur ein Teil des Ganzen.

Zunächst einmal machen sämtliche Autor*innen, denen ich je begegnet bin, das schon seit ihrer Kindheit oder Teeniezeit. Wenn ich also eine Kurzbiographie auf der Rückseite eines Buches lese, in der steht, das sei das erste Buch der fünfzigjährigen Autorin, glaube ich das nicht. Vielleicht ist es das erste Buch, das veröffentlicht wurde. Vielleicht ist es aber auch nur das erste Buch, das unter diesem Namen veröffentlicht wurde (die „erste Buch“-Geschichte verkauft sich besser als „XX hat zuvor schon 10 erfolglose Romane veröffentlicht“ ;-)). Vielleicht ist es sogar aber wirklich wahr und es ist das erste Buch – das hundert Mal überarbeitet wurde, bevor es in die Form kam, die wir als Leser*innen in der Hand halten können. Wahrscheinlicher ist aber, dass das ganz und gar nicht das erste Buch besagter Autorin ist und sie schon genauso lange schreibt wie du oder noch länger.

Mein zweites Beispiel von oben, in dem aufgeführt wird, wieviel der Autor schon geschrieben hat, ist ein Trick. Es wird nach der Story über den plötzlichen Erfolg erwähnt, damit der Eindruck entsteht, der Autor habe alle diese Dinge dank diesem Erfolg schreiben können. Vielleicht stimmt das teilweise. Vielleicht stimmt es ganz, dann liegen aber von all diesen Textformen mindestens 10 weitere in seiner Schublade. Wahrscheinlicher ist, dass das seinen ganzen Katalog beinhaltet, also einschliesslich der Sachen, die vor dem „grossen Wurf“ entstanden sind. Denn die meisten Autor*innen sind tatsächlich nicht mehr zwanzig, wenn der Erfolg eintritt. Jene, die es sind: Herzlichen Glückwunsch, das freut mich für euch! Es ist aber eher die Ausnahme als die Regel.

Hinzu kommt, dass der „plötzliche“ Erfolg oftmals überhaupt nicht so plötzlich, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit ist. Der schöne Spruch „Ich habe nur zehn Jahre gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden“ kommt nicht von ungefähr. Das ist die Realität, wie sie in den meisten Fällen zutrifft. Erfolg wächst langsam, Stück für Stück. Viele schreiben lange für eine kleine, eingefleischte Fanbase, bevor sie die Bestsellerlisten erorbern. Fans sind Menschen, die man für sich gewinnt, und sie  müssen gefunden, angesprochen und vom Buch überzeugt werden. Um die Leser*innen zu finden und anzusprechen, muss man neben dem Schreiben Werbung machen und mit potenziellen Fans kommunizieren. Um ein überzeugendes Buch zu schreiben, braucht man Übung, viel Übung. Man kann nicht beim ersten Manuskript schon alles perfekt machen. Sportler gewinnen auch nicht nach dem ersten Training gleich den Weltmeisterpokal.

Ausserdem gibt es noch weitere Faktoren, die den Erfolg eines Buches oder eines Autors*/einer Autor*in beeinflussen. Sichtbarkeit zum Beispiel. Für Sichtbarkeit braucht man Werbung, für sich selbst werben muss man lernen (oder sollte ich sagen kann man, denn glaubt mir, ich hielt es auch einmal für unfassbar schwierig). Die wenigsten Menschen können sich einfach so auf einen Platz stellen und rufen: „Schaut her, was ich zu verkaufen habe!“ Das würde auch nicht funktionieren. Treffsichere Werbung erfordert Mut und ein Gefühl für die Käufer*innen und beides wird durch Wissen, Willenskraft und Übung erworben und nicht bei der Geburt mitgeliefert. Das wäre ja auch zu schön, oder?

Zeitgeist, Publikumsnerv, Weltlage, nennt es, wie ihr wollt. Aber was um uns herum geschieht, welche Themen die Menschheit beschäftigen und nur schon unsere eigene persönliche Lebenssituation beeinflussen unser Konsumverhalten, insbesondere wenn es um Unterhaltung geht. Bücher sind sowohl Unterhaltung als auch Konsumgut. In bestimmten Zeiten laufen manche Inhalte besser als andere und in anderen Zeiten ist es genau umgekehrt. Das können wir weder vorhersehen noch beeinflussen. Wir können aber unser Angebot bereithalten. Auch das ist etwas, was gerne übersehen wird. Erfolgreiche Menschen haben meistens eine Reserve an Material bereit, das sie dann, wenn die richtige Zeit dafür da ist, abliefern können. Und gleichzeitig produzieren sie natürlich neue Sachen, um das auch weiterhin zu tun. Manchmal präsentieren sie aber auch einfach etwas, das ihr Umfeld für lächerlich gehalten hat, und kommen damit gut an. Oder auch nicht. Sie haben keine Angst davor, auf die Nase zu fallen, denn sie können jederzeit wieder aufstehen.

Erfolgreiche Menschen haben auch Connections. Ja, ich weiss, das klingt so blöd. Als würde man dauernd auf irgendwelchen Society-Partys herumhängen, Champagner nippen, allen die Hand schütteln und den Namen in jeder Ecke deponieren. Wer möchte so jemand sein? Keine Angst, das müsst ihr nicht, denn so ist es nicht. „Connection“ heisst „Verbindung“ und ist auch nichts anderes. Wie mehr Kontakt man zu anderen Leuten hat (also Verbindungen), sei es zu Autorenkolleg*innen, Cover-Designer*innen, Verleger*innen, Blogger*innen, (egal, so lange sie mit Büchern zu tun haben), umso grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere, potenziell wichtige Leute auf einen aufmerksam werden. Menschen, die „plötzlich“ erfolgreich werden, haben häufig irgendwann eine Person kennengelernt, die ihnen dazu verholfen hat. Oder mehrere. Solche Hilfe kann wiederum sehr unterschiedlich aussehen: Seien es Influencer*innen, die einen reisigen Fandom auf dich aufmerksam machen, sei es ein*e Lektor*in eines Publikumsverlages, sei es ein Veranstalter, der dir eine grosse Bühne gibt.

Alle diese Faktoren spielen eine Rolle (und wahrscheinlich gibt es noch mehr, über die ich noch nichts weiss). Erfolg ist kein Wunder, sondern die Frucht jahrelanger, konstanter Arbeit. Und längst nicht bei allen tritt dieser vermeintlich magische Moment ein, in dem das eigene Buch zum absoluten Bestseller wird. Man kann auch in kleinerem Rahmen Erfolg haben und er muss auch nicht zwangsläufig kommerzieller Natur sein. Wenn man zum Beispiel etwas schafft, was man vorher noch nie geschafft hat, ist das ein Erfolg.

Also, das sind meine Worte für alle, die jetzt da draussen sind und Frust schieben, weil „der Erfolg“ ausbleibt: Macht euch nicht selbst fertig, ihr seid nicht „schuld“ an eurer aktuellen Situation oder „zu schlecht für das alles“. Gebt nicht auf. Es gibt keine Garantie (auch für mich nicht, ich habe ja erst angefangen), aber es ist möglich. Wenn es nicht klappt, könnt ihr zumindest auf das zurückschauen, was ihr geschaffen habt. Und ich weiss ja nicht, wie ihr das seht, aber für mich ist eins sicher: Das wird mehr sein als gar nichts.

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