Drama vs. Realität: Ein ewiges Dilemma

(Warnung: Dieser Artikel enthält eventuell Spuren von unbeabsichtigter Schleichwerbung, die als Beispiele getarnt werden. Die Autorin wurde dafür weder bestochen noch erpresst oder sonstwie manipuliert.)

Es gibt zwei Sätze, die ich in Bezug auf Bücher oder auch Serien sehr oft Höre:

„Das gefällt mir nicht, das ist mir zu wenig realistisch.“

„Ich finde das so genial, weil es so realistisch ist.“

Letzteres habe ich auch immer gerne gesagt und meinte damit eigentlich etwas anderes, nämlich „lebensnah“. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, wie ich herausgefunden habe. Realistisch würde heissen, dass sich eine Geschichte zu hundert Prozent an erwiesene Fakten hält. Lebensnah hingegen bedeutet menschlich, also, dass die Charaktere echt wirken, weil ihre Gefühle, Probleme und Geschichten aus dem Leben stammen und reale Menschen sich damit identifizieren können.

Aber ein*e gute*r Autor*in kann das ja miteinander verbinden, oder? Klar, könnte man. An dieser Stelle möchte ich auf eines meiner Lieblingszitate verweisen:

“If the real world were a book, it would never find a publisher. Overlong, detailed to the point of distraction-and ultimately, without a major resolution.” – Jasper Fforde, Something Rotten

(Dt.: „Wenn die reale Welt ein Buch wäre, würde es niemals veröffentlicht. Überlänge, Details bis zur Ablenkung und vor allem: Ohne endgültige Auflösung.“)

Das musste ich auch bei meiner Recherche zu „Der erste und letzte Song“ feststellen. Ich wollte das Musikerleben möglichst „realistisch“ darstellen und zeigen, wie es wirklich wirklich ist. Ich hatte nun schon einiges an Vorwissen aufgrund diverser Biographien, die ich gelesen habe, aber schnell musste ich feststellen, dass das nicht reichte. Also recherchierte ich mich dumm und dämlich, bis ich letztendlich bei irgendwelchen Videos über Studiotechnik für Tech Nerds gelandet bin, von denen ich natürlich nichts verstanden habe.

So gewappnet machte ich mich ans Manuskript, immer noch in der festen Absicht „100% realistisch“ zu bleiben. Doch dann hatte ich ein neues Problem. Wäre ich in jedem Detail, jeder Handlung und jedem Dialog bei der wirklichen Realität geblieben, würde in dem Buch sozusagen nichts passieren. Wir hätten zwei Musiker*innen, die sich die Zeit um die Ohren schlagen, bis ihr neues Album erscheint, nachdem ja alles vorbereitet ist. Okay, fast alles, aber die paar Szenen, die da noch geblieben wären, konnten einfach keine 280 Seiten füllen. Die Lovestory alleine – Ja, da war die nächste Herausforderung. Erstens wollte ich nicht primär eine Lovestory schreiben und zweitens muste ich die beiden Charaktere irgendwie aufeinander treffen lassen, und aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit die ersten Male so zufällig wie möglich. Also habe ich die Realität zugunsten des Dramas ein wenig zurecht gebogen. Skandal? Nein, das machen alle.

Ein Beispiel. Im mittelalterlichen England gab es im Königshaus den sogenannten „Steward Of The Stool“, der*die Toilettenträger*in des*der jeweiligen König*in. Diese Person musste der regierenden Person den Topf hinterhertragen, damit die regierende Person ihr dringendes Geschäft überall und jederzeit verrichten konnte. Es klingt zwar unglaublich, aber diese Stellen waren überaus beliebt. Diese Angestellten waren stets in der Nähe des*der Regent*in, waren in ihren geheimsten Momenten dabei und öfter mit ihnen allein als alle anderen Angestellten. Eine grossartige Voraussetzung, wenn man es auf Macht und Einfluss abgesehen hat, nicht wahr? Oder etwa auf einen hinterhältigen Mordanschlag … Das wäre doch ein interessanter Stoff für eine Geschichte. Trotzdem gibt es in Büchern und Serien mit mittelalterlichem (oder pseudomittelalterlichem) Setting nie eine Person in dieser Position als Perspektivträger*in. Denn: Die Angelegenheit ist ekelerregend und hässlich. Wer will so etwas lesen? Man muss sich vor Augen halten, dass der Toilettengang in einer solchen Geschichte häufig vorkommen und ausreichend beschrieben werden müsste, um die Geschichte auch schön plastisch zu machen. Wollt ihr als Leser*innen das so genau wissen? Ich nicht, glaube ich.

Ein Gegenbeispiel. Die Krimiserie „The Mentalist“ wird gerne für ihren angeblichen Realismus gelobt. Entschuldigung, aber das ist Quatsch. Lebensnah sicherlich, ja, aber realistisch ist diese Serie keineswegs. Das fängt mit der Darstellung des Arbeitsplatzes der Hauptfiguren an. Kein Büro, das ich je von innen gesehen habe (und das sind doch einige) funktioniert so, wie in der Serie dargestellt. Der Lift führt direkt in die Büroräumlichkeiten jede*r kann darin ein- und ausgehen wie er möchte, alles ist verglast, jede*r sieht jede*n und die Mitarbeiter*innen haben seltsamerweise nur äusserst selten einen PC auf dem Schreibtisch. Ach, ein Sofa steht auch noch mitten im Grossraumbüro wie praktisch! Und das bei einer Polizeieinheit! Die Verhörzimmer schliessen sie nie ab und einen Dachboden haben sie auch, muss ja ein echt altes Gebäude sein … Aber von aussen ist es einfach ein moderner Backsteinblock.

Ich könnte jetzt ewig so weitermachen, aber das würde nichts bringen. Ich glaube, es ist erkennbar, worauf ich hinaus möchte. Achtet mal darauf, wenn ihr irgendeine Serie guckt oder ein Buch lest, pickt euch irgendetwas heraus, womit ihr euch auskennt. Das ist echt lustig. Aber zurück zum realen Ernst der Sache. Realismus in Geschichten ist also schwierig, um nicht zu sagen, unmöglich, ohne dass die Spannung verloren geht. Ist das schlimm? Nein, ich finde nicht. Ich denke, als Autor*in muss man einfach entscheiden, wo man den Schnitt macht und welche Einbussen an Realität man in Kauf nehmen möchte. Und als Leser*in, ob man sich davon die Freude an einer Geschichte verderben lassen möchte oder eben nicht.

 

P.S.: Wenn ihr euch mal eine Serie mit einem richtig realistischen Büro anschauen wollt, kann ich euch „Manhunt: Unabomber“ empfehlen. Das ist auch recht witzig, eben weil es (also die Darstellung des Büros, über alles andere weiss ich nicht Bescheid) so realistisch ist. 😉

 

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