Die Sache mit der Diversität oder vom mangelnden Mut der Autor*innen

In letzter Zeit lese ich immer häufiger Artikel über die fehlende Diversität in Romanen und darüber, was Autor*in beim Bemühen darum alles falsch machen kann. Ihr wisst, wovon ich rede: Themen wie Hautfarben, Kulturen, LGBTQ+, Personen mit körperlichen Einschränkungen, usw.

Erst kürzlich las ich einen Beitrag, in dem sich jemand über mangelnden Mut seitens Autor*innen bei ebensolchen Themen beschwerte, gleichzeitig jedoch ein Buch, das ein solches Thema enthält, bis ins Kleinste auseinandernahm. Wenn ich als Autorin so etwas lese, muss ich sagen: Ja. Da verliere ich tatsächlich den Mut. Denn ich habe Angst vor genau dieser Reaktion. Ich möchte die Gruppen, die diese Themen betreffen, ja unterstützten und nicht ihnen auf die Füsse treten oder gar schaden.

Es ist eine Tatsache, dass man als Autor*in nicht ausschliesslich über Dinge schreiben kann, mit denen man sich bis ins Detail auskennt. Würden wir das tun, wäre die Literaturlandschaft ganz schön karg. Dürften nur noch Leute, die zu bestimmten Gruppen gehören, auch über diese schreiben, gäbe es noch weniger Diversität in Büchern und eine ganze Menge wichtiger und notwendiger Repräsentation würde fehlen. Es braucht auch Menschen ausserhalb dieser Gruppen, die bereit sind, sie – uns – zu unterstützen und Geschichten mit diesen Themen zu erzählen.

Es stimmt, dass dabei Fehler passieren können. Selbst ich, als jemand der selbst asexuell ist und doch einige Dinge über das Thema weiss und einige andere asexuelle Menschen kennt, habe Mühe, korrekt über asexuelle Personen zu schreiben. Denn: Es gibt nicht die eine Erfahrung, die eine Person, die alle widerspiegelt, der eine wichtige Punkt, den man beachten sollte. Es ist komplex und individuell und es gibt gefühlte tausend Abstufungen und Feinheiten. Das ist bei allen Diversitätsthemen so. Sie gehen tief und es gibt Details, die man auch durch ausführliche Recherche nicht herausfindet, wenn einen nicht ein Mitglied der Gruppe darauf hinweist.

Schreiben an sich ist schon schwierig. Die richtigen Worte zu finden und richtig verstanden zu werden ist eine Herausforderung, und auch wenn man sich die grösste Mühe gibt, kann es immer noch schiefgehen. Das beginnt bereits damit, dass zwei Menschen völlig unterschiedliche Vorstellungen von demselben Begriff haben können. Ein Metalhead hat eine andere Defintion von „langem Haar“ als jemand, der sich nie mit solcher Musik und dem damit verbundenen Denken befasst. Das ist ein sehr einfaches Beispiel, das zeigt, wie leicht etwas anders wahrgenommen werden kann, als der*die Autor*in es beabsichtigt hat. Schreibe ich „Typ mit langen Haaren“ denke ich höchtwahrscheinlich an etwas anderes, als die meisten Leser*innen. Ich kann es natürlich definieren, aber dann habe ich das nächste Problem: Wie ist „lang“ definiert? Ob ihr es glaubt oder nicht, aber darüber wird tatsächlich diskutiert. Ein einfaches Beispiel zu einem einfachen Thema.

Deshalb möchte ich hier ein Wort für Autor*innen einlegen, die über marginalisierte Gruppen schreiben, ohne selbst Teil davon zu sein. Ich bin überzeugt davon, dass jede*r seriöse Autor*in beste Absichten hat und diese Themen seriös recherchiert. Selbst wenn man so zumindest die gröbsten Schnitzer reduzieren kann, besteht immer noch ein Restrisiko. Selbst wenn man Senistivity Reader hat, besteht noch ein Restrisiko, denn auch Sensitivity Reader können in Bezug auf bestimmte Themen innerhalb ihrer Gruppe unterschiedlicher Meinung sein. Also, liebe Menschen, möchte ich um ein wenig Grosszügigkeit und Gnade bitten.

Um das klarzustellen: Falsche Repräsentation kann gefährlich sein, das ist keine Frage. Aber wenn Autor*innen mit guten Absichten niedergeschrien und fertiggemacht werden, bis sie ihre Bücher vom Markt nehmen, umschreiben oder ganz aufhören, solche Themen darin aufzunehmen, ist niemandem geholfen. Was aber auf jeden Fall nützt, ist, wenn man Schreibenden hilft, es richtig zu machen. Sagt nicht nur, was eurer Ansicht nach falsch ist, sondern auch, wie es eurer Ansicht nach richtig wäre. Schreibt Blogartikel darüber, was man bei einem bestimmten Thema alles beachten kann und sollte. Folgt dem Aufruf nach Sensitivity Readers, wenn ihr einen seht. Statt einer Verrissrezi, schreibt den*die Autor*in an und gebt konstruktive Kritik ab.

Das ist echte Abhilfe und wenn wir uns alle ein bisschen Mühe geben, können wir die Diversität in Romanen und die damit verbundene Repräsentation verbessern. Wenn wir aber nur Herumschreien und Jammern, verschrecken wir vielleicht Leute, die eigentlich auf unserer Seite stehen. Das ist kontraproduktiv, denn dadurch gäbe es noch mehr cis-white-hetero-Romane, da sich alle Autor*innen dieser Gruppe auf die sichere Seite begeben und nur noch über das schreiben, was sie kennen. Und wir wollen ja nicht weniger Repräsentation, sondern mehr.

 

 

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