Das Licht am Horizont – Eine Kurzgeschichte

Bald wird das Spinoff zu Joshua aus „Der erste und letzte Song“ als e-book erscheinen. Ich freue mich, euch heute vorweg schon einmal die dazugehörige Bonusstory zu präsentieren. Die Geschichte wird nebst dem Kurzroman auch im e-book enthalten sein. Details dazu gibt es bei der Veröffentlichung. Bis dahin wünsche ich euch viel Spass mit dieser Kurzgeschichte.

Triggerwarnung: In dieser Geschichte spielen folgende Themen eine Rolle: Homophobie, homophobe Gewalt, häusliche Gewalt.


 

Das Licht am HorizontDas Licht am Horizont

«Mrs. Lennox erzählt seltsame Geschichten in letzter Zeit», sagte der Vater.
Der Rest der Familie, das bedeutete Joshua und seine Mum, schwieg und aß.
«Als sie unlängst ihre Tochter von dem Abschlussball in der Schule abholte, musste sie noch eine Weile warten. Ihre Tochter hatte sich wohl ein wenig in der Zeit vertan. Mrs. Lennox saß also in ihrem Auto und schaute zum Eingang, denn sie hatte ja nichts anderes zu tun. Dabei hat die ehrenwerte Lady zufällig mitbekommen, wie einige Teenager das taten, was junge Leute in diesem Alter eben so treiben, und an der Seitenwand des Schulhauses entlang schlüpften.»
Joshua richtete den Blick starr auf den Teller und überlegte, ob er den Monolog unterbrechen sollte, entschied sich aber dagegen.
«Mrs. Lennox berichtet von mehreren Pärchen, die sich zu dieser Zeit davonstahlen», fuhr der Vater fort. «Nun ist die Gute eine anständige Frau, die sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischt und sich daher auch kein Urteil über selbige anmaßt. Jedoch kam sie nicht umhin, unter den vergnügten Pärchen auch zwei Jungen zu bemerken, die in ihrem Enthusiasmus offenbar nicht warten konnten, bis sie ein lauschiges Plätzchen gefunden hatten. Beide trugen schwarze Klamotten. Da es dunkel war, konnte Mrs. Lennox nun nichts allzu Genaues erkennen, aber sie schwört, einer der Jungen hätte dichtes, dunkles Haar gehabt. Fast ein bisschen zu viel Haar für so einen adretten Jungen. Weiter meint sie, er müsse über einen Meter achtzig groß gewesen sein. Sieht dieser Junge zufällig aus wie mein Sohn?»
Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. Das Geschirr schepperte, die Gläser klirrten.
«Steve», sagte Mum.
Joshua schluckte ein Kartoffelstück hinunter und versuchte, keine Miene zu verziehen.
«Antworte gefälligst», forderte der Vater. «Und sieh mich an, wenn ich mit dir rede.»
Es folgte ein schneller, fahriger Schlag auf Joshuas Hinterkopf. Er schaute kurz auf, richtete den Blick jedoch wieder auf seinen Teller, als er antwortete. «Nun, Mrs. Lennox ist eine ehrenwerte Lady, wie du sagst. Gewiss wird sie keine falschen Gerüchte verbreiten, wenn sie sich nicht zu zweihundert Prozent sicher ist, was sie gesehen hat.»
Die Gabel spickte Joshua zuerst gegen das Kinn und fiel ihm dann aus der Hand, als der Vater ihn am Ohr packte und seinen Kopf nach hinten riss.
«Machst du dich lustig über mich, Junge?»
«Steve, bitte», sagte Mum bestimmt.
«Halte du dich da raus», bellte der Vater sie an. Er wandte sich wieder Joshua zu. «Ich warte.»
Joshua beherrschte sich mit aller Kraft, die er aufbrachte. Bloß keine Schwäche zeigen. «Nein», würgte er hervor.
«Bist du eine Scheiß-Schwuchtel?»
«Lass ihn los, Steve», mischte Mum sich wieder ein. «Bitte.»
Joshua verstand nicht, warum sie das tat. Erkannte sie die Sinnlosigkeit darin denn nicht?
Der Vater ignorierte die Mutter. Joshuas Reaktionszeit schien dem Vater offenbar zu lange zu dauern. Das Zerren an Joshuas Ohr nahm zu.
«Bist du schwul oder nicht?», fragte der Alte noch einmal.
«Nein.» Joshua versagte fast die Stimme vor Schmerz. Aber es war die Wahrheit. Zumindest in der beschränkten Vorstellungswelt seines Vaters. Wenn Joshua jemanden attraktiv fand, waren ihm dessen Geschlecht oder Genderidentität herzlich egal. Nur ging das leider über das Fassungsvermögen des alten Sackes hinaus.
Als die Hand des Vaters Joshuas Ohr freigab, brach er fast über dem Tisch zusammen, aber er konnte sich im letzten Moment aufrecht halten. Sein Ohr brannte und rund um seine Augen glühte die Haut, doch er kämpfte die Tränen nieder, ehe sie hervortreten konnten. Diese Genugtuung würde er diesem Arschloch nicht zugestehen. Niemals.
Als Joshua eine halbe Stunde später in seinem Zimmer saß und Köpfe mit unterschiedlichen Frisuren zeichnete, klopfte es an der Tür. Joshua hasste es, wenn man ihn bei der Arbeit störte, aber sogleich stellte sich eine gewisse Erleichterung ein, als die Stimme seiner Mutter auf das Klopfen folgte.
«Da ist jemand für dich am Telefon.»
«Okay, ich komme gleich», rief Joshua und setzte einige Striche auf eine Zeichnung. Seit einiger Zeit hatte sich bei ihm eine gewisse Faszination für das Thema eingestellt und er freute sich schon darauf, die Ausbildung zum Frisör zu beginnen. Das gefiel seinem Vater zwar nicht, aber eines Tages würde Joshua den Meisterbrief in der Tasche haben und dann konnte der Alte sich seine Vorwürfe sonstwohin stecken.
Er stand auf und ging ins Wohnzimmer, wo das Telefon auf einer Kommode stand. «Hallo?»
«Josh? Ich bin’s, David.»
«Spinnst -», Joshua biss sich auf die Zunge und beherrschte sich. «Was gibt’s?»
«Nun, ich wollte fragen, wie’s jetzt ist. Ich meine, wir sehen uns doch wieder, oder?»
Joshua warf einen hastigen Blick um die Ecke, um zu prüfen, ob sein Vater in Hörweite war. Mit gedämpfter Stimme antwortete er: «Psst, nicht so laut. Spiel mit, ja?» Und dann, laut und deutlich: «Natürlich können wir uns treffen, um das Projekt fertigzustellen. Wann hast du denn Zeit?»
«Na ja, so schnell wie möglich am liebsten», sagte David etwas verlegen, aber er sprach jetzt leiser.
«Morgen Nachmittag? Gut, das ist perfekt. Ich habe jetzt ja frei, bis die Ausbildung beginnt.»
«Okay. Ich muss aber vorher noch meinem Dad im Laden helfen. So um halb drei?»
«Ja, absolut, absolut, finde ich auch. Ich bringe die Sachen mit. Mit dem Fahrrad.»
«Alles klar, mit Fahrrad. Bei mir?», fragte Dave.
Joshua überlegte kurz. Das war keine gute Idee. «Bei der alten Fabrik», sagte er, wiederum mit gedämpfter Stimme. «Liegt sowieso am Weg.»
«Gut, morgen um halb drei bei der alten Fabrik. Ich freue mich.»
«Ich auch. Bis dann.»
«Bis dann.»
Ein Klicken zeigte an, dass Dave aufgelegt hatte. Joshua atmete erleichtert durch. Sie würden einige Kilometer weit radeln müssen. Er wusste auch schon, wohin.

Sie trafen sich wie vereinbart bei der alten Fabrik. Einst waren hier Stoffe aus aller Welt zu Kleidern verarbeitet worden, doch heute stand hier nur noch das halb verfallene Lagerhaus. Die Bewohner des kleinen Städtchens mieden diese Ecke, da sie einerseits trostlos war und man andererseits munkelte, nachts erschienen merkwürdige Gestalten im Vorhof hinter dem riesigen Gittertor. Die Touristen interessierten sich schlichtweg nicht dafür, Gruseltouren gab es hier keine, und so gab es niemanden auf diesem Straßenabschnitt, der sie hätte beobachten können.
Dave erschien mit zehn Minuten Verspätung. Er schlitterte in einer Vollbremsung heran und stützte sich ab. «Hey. Tut mir leid, in dem Laden war die Hölle los. Fünf Minuten vor Schluss kam noch eine Horde japanischer Touris herein.»
Er machte Anstalten, abzusteigen, aber Joshua unterbrach ihn. «Macht nichts. Lass uns von hier verschwinden.»
«Wo wollen wir denn hin?» Dave wirkte ein wenig verwirrt, aber er schien genug zu verstehen, um keine dümmeren Fragen zu stellen.
«Zur Küste», antwortete Joshua.
Daves Augen weiteten sich zu beinahe unwirklicher Grösse.
«Es lohnt sich», fügte Joshua mit einem Lächeln hinzu. «Versprochen.»
«Nun gut, wenn du meinst.»
Joshua wendete das Rad in Richtung stadtauswärts und fuhr los. Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte er sich, dass Dave ihm folgte, dann trat er in die Pedale.
Innerhalb weniger Minuten hatten sie die äußeren Grenzen des Städtchens erreicht. Hier gab es nur noch Wohnsiedlungen, die immer spärlicher wurden, bis sie schließlich ganz endeten und der Weg zwischen grünen, braunen und gelben Feldern hindurchführte. Joshua bog von dem Kiesweg auf eine asphaltierte Straße ab, die ebenso von Land und Wiese umgeben war. Nur ab und zu begegneten sie einem Auto. Die Straße war praktisch gerade, wodurch sie schnell vorankamen, bis Joshua abbremste, um einen weiteren Feldweg zu nehmen. Dieser war nicht so schön beschaffen wie der erste, mehr ein festgetretener Pfad als etwas anderes.
«Scheiße, Mann, ist das dein Ernst?», fragte Dave.
«Es ist nicht mehr weit», entgegnete Joshua nur.
Sie holperten über den Weg und schließlich kamen die steilen Klippen in Sichtweite. Dahinter erstreckte sich das Meer bis zum Horizont. Der Himmel schimmerte im milchigen Licht der Sonne und lediglich ein paar Schleierwolken unterbrachen die blaue Leinwand.
«Wow», rief Dave aus. «Wie schön es ist!»
«Ja.»
Joshua strampelte bis fast auf die Höhe einer Klippe, wo er einige Meter an der Biegung entlangfuhr, ehe der Hang wieder ein wenig abfiel. Eine Ansammlung von Steinen schob sich in sein Sichtfeld. Die Wiese endete praktisch ohne Übergang und die Steine türmten sich in einem Bogen den Hang hinab, bis hinunter zum Strand. Joshua stieg ab und lehnte sein Fahrrad gegen den Steinhaufen. Dave hielt ebenfalls an und tat es ihm gleich.
Joshua nahm die Wolldecke, die er mitgebracht hatte, vom Gepäckträger. «Komm», sagte er und führte Dave zwischen die Steine.
«Da hinunter?», fragte Dave ungläubig.
«Ja. Es gibt einen Weg. Komm schon.»
Joshua suchte kurz nach dem Beginn des Weges, fand ihn aber rasch wieder. Er trat in das Steinfeld hinein und kletterte dem Weg entlang den Hang hinab. Dave folgte ihm mit vorsichtigen Schritten. «Hätte ich das gewusst», sagte er, «hätte ich etwas zu essen mitgebracht.»
«Ach, was, wir können auch später noch essen», erwiderte Joshua. «Ich konnte dir am Telefon nichts sagen, meine Eltern sind da … schwierig.»
«Oh, verstehe. Da wird mir wieder klar, was für ein Glück ich habe.»
Joshua wusste nicht, was er darauf antworten sollte, also ließ er es bleiben.
Als sie den Strand endlich erreicht hatten, ging Joshua weiter zu einer Kerbung im Fels. Der Wind zerrte an seinem Haar und das Meer peitschte so laut gegen den Sand, dass es ein Gespräch unmöglich machte. Joshua trat um die Kerbung herum und hielt inne. Die kleine Höhle lag immer noch genauso da, wie er sie vor einigen Jahren verlassen hatte. Sie befand sich weit weg genug vom Wasser, dass sie nicht befürchten mussten, überflutet zu werden, und gleichzeitig drang Licht hinein.
«Wow», sagte Dave neben ihm. «Woher zur Hölle kennst du diesen Ort?»
«Ich war vor ein paar Jahren schon einmal hier. Mit einem Mädchen aus meiner damaligen Klasse, das in einem Dorf in der Nähe gewohnt hat.»
Dave starrte ihn ungläubig an.
«Es ist nichts gelaufen, falls du das denkst», sagte Joshua ein wenig ungehalten. «Wir waren zwölf. Wir hatten ein Schulprojekt. Ein richtiges.» Joshua zwinkerte seinem Freund zu.
«Okay.» Dave lachte.
«Komm.» Joshua ging ganz hinein und breitete die Wolldecke aus. «So ist es doch gleich viel gemütlicher.»
Er ließ sich auf die Decke plumpsen und Dave warf sich neben ihm hin. Einen Moment lang starrten sie schweigend auf die heranpreschenden Wellen hinaus. Joshua spürte Daves Haut auf seiner eigenen, als Dave mit den Fingern darüber tastete. Zuerst die Hand, dann den Unterarm, dann die Wange. Joshua wandte sich Dave zu. In seinen Augen lag ein nebliger Glanz und sein Gesicht wirkte vollkommen entspannt.
Wie schon auf dem Abschlussball sog Joshua jedes Detail der hübschen Züge auf: die scharf geschnittenen Wangenknochen, das schmale, dreieckige Kinn, die geschwungenen Lippen, die blauen Augen. Alles an Daves Körper stimmte, nichts wirkte schief oder fehl am Platz und doch sah er keineswegs aus wie ein Posterboy. Seit er klein gewesen war, half Dave seinem Vater im Laden, schleppte Kisten und schob Regale herum, und das sah man. Sein Gesicht war voller Nuancen, seine Hände groß und kräftig.
Joshua beugte sich vor, um Dave zu küssen. Er legte die Hände um den Kopf seines Freundes, zog ihn noch näher zu sich heran und küsste ihn, bis seine innere Wand zusammenbrach. Hier beobachtete sie niemand.
Danach lagen sie nebeneinander auf der Wolldecke. Joshua war immer noch nackt, denn dank der Wärme der Decke empfand er den Wind nicht als kalt, sondern als angenehm auf seiner Haut. Dave erging es wohl anders, denn er hatte Hose und T-Shirt bereits wieder angezogen. Mit langsamen Bewegungen zeichnete Dave Joshuas Muskeln nach.
«Das sollten wir jeden Tag machen», sagte er.
«Ich fürchte, das wird nichts», antwortete Joshua. «Wenn mein Vater herausfindet, dass wir uns treffen, prügelt er mich windelweich.»
«Hat ihn doch nicht zu kümmern. Es sind Sommerferien, alle treffen Freunde. Den Rest muss er ja nicht wissen.»
«Er hat seine Augen und Ohren überall. Er weiß von dem Abend des Abschlussballs.»
«Wie kann er das wissen?»
«Mrs. Lennox hat uns gesehen.»
«Blöde, alte Quasselstrippe.»
«Ja», sagte Joshua. «Du darfst mich auch nicht mehr anrufen.»
Dave lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. «Wie stellst du dir das denn vor?»
«Ich rufe dich an.»
Schweigen. Dann: «Tust du das dann auch wirklich?»
Joshua hob den Kopf, um Dave anzusehen. Er saß da, die Hand auf Joshuas Rücken, und verzog keine Miene. Dennoch sah Joshua die Skepsis in seinem Blick.
«Hör mal», sagte er. «Ich bin hier derjenige mit der beschissenen Situation, klar? Und ich halte meine Versprechen. Da kannst du jeden aus der Schule fragen.»
«Entschuldige», sagte Dave. «Es ist nur … Ich finde das ein bisschen schwierig.»
«Glaubst du etwa, ich nicht?»
Dave antwortete nicht. Er nahm seine Hand von Joshuas Körper und legte sich wieder hin. Eine Weile lang kamen die einzigen Geräusche vom Meer, einigen Möwen und den Atemzügen der beiden. Während Joshua Dave so betrachtete, überkam ihn wieder dieses unaufhaltsame Verlangen. Er hob die Hand, um Daves Gesicht zu streicheln, doch Dave blieb nicht lange still. Nach kaum mehr als einem Wimpernschlag waren sie wieder eng miteinander verschlungen.

Sie waren mit dem Sonnenuntergang nach Hause gefahren, um noch genug Licht für den Weg zu haben. Die Fahrradlampen waren Joshua zu unzuverlässig. Es war bereits dunkel, als er sein Elternhaus betrat. Er schätzte, dass seine Eltern bereits im Bett waren. Mit gezielten Handgriffen versorgte er das Fahrrad in der Garage, schloss die Verbindungstür auf und verstaute die Wolldecke im Keller.
Anschließend stellte er seine Schuhe im Foyer ab und machte sich auf den Weg in sein Zimmer. Aus der Küche drang Licht. Joshua trippelte so leise wie möglich daran vorbei, doch es half nichts.
«Stehen geblieben, Junge», bellte der Vater.
Joshua blieb wie angewurzelt stehen, als er die Präsenz des Alten im Rücken spürte. Langsam drehte er sich um. «Ist Mum schon im Bett?», fragte er kühn.
«Sie ist bei einer Freundin», sagte der Vater knapp.
Joshuas Mut fiel in sich zusammen.
«Die wirklich wichtige Frage ist jedoch», fuhr der Vater fort, «wo bist du gewesen?»
«Ich war mit einem Freund unterwegs. Für ein Projekt.»
«Von zwei Uhr nachmittags bis jetzt.»
«Ja», antwortete Joshua eisern.
«Was ist denn das für ein Projekt?» Das letzte Wort betonte der Vater besonders stark.
Joshua war klar, dass er in de Falle saß. So weit hatte er nicht gedacht. «Ein Ferienprojekt.»
«Veralbere mich nicht, Junge», sagte der Vater. Er klang nun bedrohlich und fummelte an seinem Gurt herum.
«Geheimprojekt», erklärte Joshua schnell und hoffte, sein Vater würde es dabei belassen.
Der Alte zog den Gurt aus den Schlaufen seiner Hose. Joshua wich zurück, traute sich jedoch nicht, sich umzudrehen und davonzulaufen. Er wäre ohnehin nicht weit gekommen.
«Weißt du, Junge, ich würde dir ja gerne glauben. Nur leider wart ihr ein wenig unvorsichtig, du und dein Freund.» Auch dieses Wort betonte er extra. «Der gute alte Riley aus dem Pub hat euch nämlich aus der Stadt radeln sehen. Er war zu Besuch bei seiner Schwägerin. Wollte gerade ins Auto steigen, als zwei Jungen an ihm vorbeisausten. Seine Beschreibung passt exakt genau zu der von Mrs. Lennox. Ein dunkelhaariger Junge und ein blonder, zusammen unterwegs Richtung Osten. Wo es nur Wiesen und Bauernhöfe gibt. Willst du mir erzählen, das war Teil eures Projekts?»
Der Vater schrie Joshua die Frage ins Gesicht, holte aus und ließ den Gurt auf ihn niedersausen. Joshua krümmte sich unter dem Schmerz zusammen.
«Gerüchte und Vermutungen!», rief er. «Sie wissen nichts, überhaupt nichts! Und du weißt auch nichts.»
Der Gurt peitschte Joshua ins Gesicht. Ihm kamen die Tränen.
«Was fällt dir ein, du ungezogener Bengel!», schrie der Vater und schlug erneut zu. «Gehst heimlich diesen krankhaften Neigungen nach und lügst mir dann auch noch ins Gesicht? Untersteh dich, so mit mir zu reden.»
Noch ein Schlag und noch einer und noch einer. Joshuas Beine verließ die Kraft und er sackte zusammen, doch sein Vater war noch nicht fertig.
«Du wirst diesen Jungen nicht mehr treffen, verstanden?» Schlag. «Ab jetzt wirst du mir genau Bericht erstatten, wann du wohin zu gehen gedenkst, und ich werde das überprüfen. Und wenn du mich noch einmal anlügst, kommst du mir nicht mehr so glimpflich davon!»
Schlag. Joshua hob die Arme vor das Gesicht, um sich zu schützen. Der Vater fuhr unbeirrt fort: «Sei froh, dass ich dich nicht in eine Anstalt stecke! Ich werde dich schon von dieser Krankheit kurieren, darauf kannst du Gift nehmen, Junge!» Noch ein Schlag, der Joshuas Oberarm und Schulter aufriss. «Hoffentlich ist dir das eine Lehre!»
Joshua zitterte am ganzen Leib, während er auf den nächsten Schlag wartete, doch die Attacke blieb aus. Der Vater stand noch einen Moment schnaufend da, ehe er sich schweigend in die Küche zurückzog. Joshua wartete einige Minuten, bis er sich sicher war, dass der Alte nicht zurückkommen würde. Langsam kämpfte er sich hoch. Er musste sich an der Wand abstützen, jede Faser in seinem Körper schien zu schmerzen und seine Beine gehorchten ihm genauso wenig wie seine Arme. Trotzdem schaffte er es taumelnd und stolpernd in sein Zimmer. Dort ließ er sich bäuchlings auf das Bett fallen und schluchzte ins Kopfkissen. Er krallte die Finger in die Matratze.
In einem Monat würde er sein eigenes Geld verdienen und eine Möglichkeit finden, aus diesem Haus zu verschwinden. Und dann würde ihm nie wieder jemand wehtun, nie wieder.

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