Leseprobe zu «Länger als die Ewigkeit»

received_499233693980758Vergangenheit

Cindy

Sie saßen im Warteraum auf Holzstühlen, die provisorisch aufgereiht worden waren. Manche der Anwesenden bevorzugten den Boden, andere kramten in ihren schlundartigen Taschen und wieder andere schritten nervös auf und ab. Die Atmosphäre war unruhig, obwohl kaum jemand sprach. Es hallte schrecklich in dem kargen Raum und so hörte Cindy jedes noch so kleine Geräusch wie dreifach verstärkt. Wie um alles in der Welt sollte man sich bei dem Krach bloß entspannen?
Cindy schaute ziellos umher, als ein Typ den Platz neben ihr einnahm. In aller Seelenruhe begann er, sich die Arme zu massieren. Cindys Blick wanderte nach oben und das Erste, was ihr an dem Typen auffiel, waren seine Haare. Dicht und dunkel reichten sie ihm bis über die Ohren. Im Nacken schmiegten sich die leicht abgerundeten, sauber geschnittenen Spitzen an seine Haut. Sein schmales Gesicht wirkte ernst und zielstrebig.
Cindy schielte zu der Öffnung seines Hemdes, die eine winzige Ecke seiner stark behaarten Brust preisgab. Auch seine Unterarme waren mit feinen braunen Härchen bedeckt. Cindy lächelte in sich hinein. Im Vergleich zu den aufgestylten Gecken mit Gelfrisuren und Hühnerhaut, die hier sonst herumliefen, empfand sie den Anblick als willkommene Abwechslung.
Cindy spürte, dass sein Blick auf ihr ruhte, und sah auf. Der Typ ging gemächlich zu Dehnübungen über, während seine kühlen, blauen Augen ihr entgegenblitzten.
«Ist es spannend?», fragte er.
«Wie bitte?»
«Meine Übungen. Ob es interessant ist, zuzugucken.»
Cindy lachte schallend drauflos. Ihr Oberkörper krümmte sich ein wenig. Sie spürte schon die bösen Blicke ihrer Leidensgenossen, als sie sich langsam wieder sammelte. «Der war gut», sagte sie.
Der Typ starrte sie verständnislos an.
«Nein, im Ernst», bekräftigte Cindy ihre Aussage. «Und ja, ich finde es ein wenig seltsam.»
Immer noch dieser humorlose Ausdruck.
«Die Übungen», fügte sie hinzu. «Geht mich ja nichts an, aber ich denke nicht, dass das etwas bringt.»
Eine ganze Weile verging, ehe der Typ antwortete. «Richtig. Es geht dich nichts an.»
«Du bist nicht so ein harter Hund, wie du tust», stellte Cindy fest. Sie sagte es hauptsächlich, um ihn zu triezen, weil er so rüde zu ihr war, aber sie war auch davon überzeugt.
«Ach, und woher weißt du das so genau?» Er hob herausfordernd eine Augenbraue.
«Deine Frisur verrät dich», antwortete sie. «Schön übrigens.»
«Der war gut», sagte er trocken und nickte anerkennend.
«Das war kein Witz.»
Sie genoss die Verwirrung auf seinem Gesicht ein wenig.
«Es ist sehr … untypisch», ergänzte Cindy, als ihr das Schweigen schließlich doch unangenehm wurde.
«Eine Menschenleserin, was?», sagte er.
«Ist das nicht unser Job?»
Er schien tatsächlich einen Moment zu überlegen. «Nicht nur.»
Eine Pause trat ein. Cindy gingen die Ideen aus. Vielleicht hätte sie es einfach dabei belassen sollen, aber sie hätte es schade gefunden, wenn das Gespräch hier zu Ende gewesen wäre. Der Typ faszinierte sie und sie wollte mehr über ihn erfahren.
Er kam ihr zuvor. «Wie heißt du überhaupt?»
«Cindy.» Sie lächelte und streckte ihm ihre Hand entgegen.
«Joshua.» Er schloss seine schlanken Finger um ihre. Seine Hand war warm und sanft.

Eine Glocke erklang aus den Lautsprechern bei der Tür. Die Geräusche im Warteraum verstummten nach und nach. Auf das Läuten folgte eine klare Frauenstimme: «Verehrte Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Der diesjährige Londoner Style-and-Art-Wettbewerb beginnt in zehn Minuten. Wir bitten Sie, nun Ihre Arbeitsplätze einzunehmen.»
Cindy zog ihre Tasche unter dem Stuhl hervor und atmete tief durch. Nun war es also so weit. Joshua stand ebenfalls auf, ergriff seine Tasche und wandte sich zur Tür. «Viel Glück», raunte er Cindy zu.
«Danke, ebenfalls», antwortete sie. Er eilte hinaus.
Sie ging ein wenig langsamer. So konnte sie die Ruhe besser bewahren. Die Tür des Warteraumes führte in einen breiten Gang, an dessen anderem Ende eine weitere Tür offen stand. Dort lag die Haupthalle, der Ort, an dem sich alles entscheiden würde. Cindy atmete ein zweites Mal durch und schritt auf ebenjene Tür zu.
Als sie die Halle betrat, brauchte sie erst einmal einen Moment, um sich zu orientieren. Auf einer riesigen Fläche waren hunderte Schminktische in mehreren Bahnen angeordnet. Vor jedem Tisch saß ein Model und wartete. Einige Teilnehmer hatten ihren Platz bereits gefunden und begannen, ihre Utensilien auf der Ablage auszubreiten. Die Spiegel waren mit den Teilnehmernummern beschriftet. Obwohl sie ihre eigene Nummer auswendig kannte, vergewisserte Cindy sich mit einem Blick auf ihre Teilnehmerkarte. Es war immer noch die Siebenundsiebzig.
«Kann ich Ihnen helfen, Madam?»
Cindy blickte auf. Die freundliche Stimme gehörte einer eleganten Dame, die ein Namensschild am Blazer trug. Eine der Aufsichtspersonen.
«Ich kann meinen Platz nicht finden», erklärte Cindy und zeigte der Dame die Karte.
«Die Siebenundsiebzig ist da vorne.» Die Dame zeigte in eine Richtung. Zuerst war Cindy nicht klar, was sie meinte, denn sie sah nur Joshua, der sich in aller Gemütlichkeit einrichtete. Dann fiel ihr Blick auf den Platz neben ihm. In der linken Ecke des Spiegels prangte das Schild mit der Nummer Siebenundsiebzig.
Cindy lächelte die Aufsichtsperson verlegen an. «Danke», sagte sie und huschte zu dem Arbeitsplatz.
Mit wenigen Handgriffen packte sie ihre Sachen aus und hängte sich die Arbeitstasche um, in der ihre bevorzugten Utensilien steckten. Kurz schielte sie zu Joshua hinüber. Er zwinkerte ihr zu. Sie lächelte und wandte sich dann ihrem Model zu.
Die Aufgabe lautete: Trendfrisur Herren. Der Mann, der vor ihr saß, hatte volles, leicht gelocktes, hellbraunes Haar. Sie begutachtete es von allen Seiten, strich mit den Fingern darüber, um die Struktur zu erfühlen.
«Alles klar», sagte sie mehr zu sich selbst. Das Model grinste sie freundlich an. «Wobei es eigentlich schade drum ist.»
Das Model lachte auf. «Nun ja, in meinem Job darf man nicht zimperlich sein.»
«Tja, du machst eben deinen und ich meinen», antwortete sie ebenfalls lachend.
Sie registrierte, dass Joshua sie kurz verständnislos ansah, doch sie ging nicht darauf ein.
Durch die Lautsprecher erklang eine weitere Glocke. Die klare Frauenstimme erklärte, dass der Wettbewerb nun beginne. Darauf folgte eine Art Paukenschlag und die Teilnehmer begannen mit der Arbeit. Es gab einen genauen Zeitplan einzuhalten: Dreißig Minuten für den Schnitt, fünfzehn Minuten für das finale Styling.
Mit flinken Fingern bearbeitete Cindy den Schopf des Models. Sie hatte sich im Vorfeld Gedanken darüber gemacht, was sie umsetzen wollte, und sich dabei an den Frisuren der zurzeit erfolgreichen Rockbands orientiert. Starsailor, Placebo, Franz Ferdinand und Co. Je nach Beschaffenheit des Haares hätte sie ihre Vorstellungen anpassen müssen, doch ihr Model war einfach perfekt. Je weiter sie sich vorarbeitete, umso sicherer wurde sie, dass das Glück auf ihrer Seite war.
Nach einer Weile bemerkte Cindy, wie Joshua seinen Platz verließ. Sie blickte auf und sah, dass er zum Zeitnehmer ging und mit ihm sprach. Der Zeitnehmer nickte, kam herüber und stoppte die Uhr. Joshua begann, seinen Arbeitsplatz aufzuräumen, und zog sich zurück. Das Model blieb sitzen.
Cindy ermahnte sich in Gedanken, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Sie konnte sich später noch fragen, wie zur Hölle der Kerl so schnell fertig geworden war und es dabei auch noch so gut hingekriegt hatte! Doch zunächst musste sie ihr eigenes Werk fertigzustellen. Sie widmete sich wieder der Arbeit, aber sie kam langsamer voran als bislang. Zum Glück fehlten nur noch wenige Handgriffe.
Exakt in der Sekunde, in der die Glocke erklang, die das Ende der vorgegebenen Zeit verkündete, schaltete Cindy den Föhn aus. Sie legte das Gerät hin, räumte ihren Arbeitsplatz auf, schulterte ihre Tasche und verließ die Halle. Nun würde die Jury die Frisuren der Models begutachten und den Startnummern Punkte zuteilen. Um Streitigkeiten zu vermeiden, erfuhren die Teilnehmer ihre Punktzahl erst ganz am Schluss, wenn die Rangliste verkündet wurde.
Da es im Warteraum bereits keinen freien Platz mehr gab, setzte Cindy sich an der Wand auf den Boden. Sie starrte zur Decke. Jetzt lag es nicht mehr in ihrer Hand.
Am Rand ihres Blickfelds tauchte eine schwarz gekleidete Gestalt mit dichtem, dunklem Haar auf. Cindy wandte Joshua das Gesicht zu. Er tigerte hin und her und dehnte die Arme.
«Du weißt schon, dass es vorbei ist, oder?», sagte sie.
Er sah sie herausfordernd an. «Ausdehnen. Ist wichtig, damit man keine Krämpfe bekommt.»
«Aha.»
Große Augen musterten sie. «Sicherlich.»
«Ich bezweifle es zwar immer noch, aber lassen wir das.»
«Wie ist es bei dir gelaufen?», fragte er.
«Ich denke, ganz gut», antwortete sie. «Aber letztendlich entscheidet das die Jury.»
Joshua nickte und ließ sich neben ihr nieder. «Es ist echt scheiße, dass sie einem die Punktezahl nicht verraten.»
«Ich weiß gar nicht, ob ich das wirklich so genau wissen will», entgegnete sie. Dann stellte sie die Frage, die ihr auf der Zunge brannte: «Wie hast du das gemacht?»
«Was?»
«Na, dass du so schnell warst.»
«Ach so. Keine Ahnung, ich übe viel.»
Cindy schwieg und Stille legte sich über sie. Ein diffuses Wirrwarr von Stimmen erfüllte den Raum und Cindy verstand nicht ein einziges Wort. Sie fühlte sich wie in einer Glaskugel, allein mit ihren Gefühlen.
Joshuas Stimme drang durch die unsichtbare Wand. «Wir können hier nichts mehr tun. Aber ich könnte etwas zu essen vertragen. Kommst du mit?»
Es dauerte einen Moment, bis Cindy kapierte, was er gerade gesagt hatte. Nachdem die Energie, die das Adrenalin der Nervosität ihr verliehen hatte, abgeklungen war, fühlte ihr Kopf sich schwer und träge an. Doch das Wort «essen» hätte sie wahrscheinlich auch im bewusstlosen Zustand noch begriffen.
Wie ein Roboter sagte sie: «Ja. Ja, das wäre toll.»

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s