„Diese Friseure sind doch alle schwul“ und andere falsche Vorstellungen

Als ich mein neues Buch im persönlichen Umfeld vorstellte, liessen die Fragen nicht lange auf sich warten. Eine davon war: „Dein Protagonist ist Friseur und verheiratet mit einer Frau?“ Ich bestätigte das und prompt folgte: „Aber müsste er nicht eigentlich schwul sein? Diese Friseure sind doch alle schwul?“ Ähm, nein und nein.

Zuerst ist einmal ist Joshua, der Protagonist des Buches, nicht schwul, sondern pansexuell. Das bedeutet, dass man sexuelle Anziehung unabhängig vom Geschlecht der anderen Person empfindet. Sprich, ihm ist es egal, ob jemand männlich, weiblich, nonbinär oder dazwischen ist. Er findet Menschen attraktiv und nicht Geschlechter.

Was den Beruf angeht, nun da ist es wie in jedem anderen Beruf auch. Es mag eine Tendenz geben, dass mehr Frauen als Männer diesen Beruf ergreifen, aber das ist dann auch schon alles. Die Berühmten unter den Friseuren sind übrigens meistens Männer, woran das liegen könnte, würde wahrscheinlich ein eigenes Thema füllen. Und ja, einige von ihnen sind sogar tatsächlich schwul – und jetzt?

Jetzt zeigt das alles wunderbar, wie tief solche Vorurteile in unseren Köpfen verankert sind. Das betrifft uns alle, auch mich selbst. So ging ich vor einigen Monaten auf einem Festival zur Toilette und suchte erst einmal geschlagene zwei Minuten lang die zwei Schilder mit dem Männchen und dem Weibchen drauf. Bis mir klar wurde, dass es diese beiden Schilder dort nicht gab, weil nämlich der wünschenswerte Zustand herrschte: Alles frei für alle, Waschbecken draussen vor dem Trailer, lediglich Urinale abgetrennt. Was nämlich einem binär erzogenen Menschen mit einem Weltbild von zwei Geschlechtern normal vorkommt, ist für Transgendermenschen eine echte Hürde. Und was würde es uns binär erzogenen Menschen ausmachen, wenn diese Grenzen aufgelöst wären? Nichts!

Ich dachte, ich bin relativ aufgeklärt – oder bemühe mich zumindest darum, es zu sein – schliesslich kenne ich mittlerweile einige LGBTQ*-Menschen und entspreche selbst auch nicht gerade der sogenannten Norm. Trotzdem habe ich automatisch nach diesen zwei Schildern gesucht. Weil ich mit einem Vorurteil, einer falschen Vorstellung aufgewachsen bin, in der es nur zwei Geschlechter gibt und in der männliche Friseure einfach schwul sein müssen. Als Kind hörte ich sehr oft den Spruch „So etwas ist für mich einfach kein richtiger Mann“ oder „eine Frau sollte das und das tun/sein (oder auch nicht)“. Wörter wie „Schwuchtel“, „Mannsweib“ und andere unlustige Bezeichnungen gehörten zu meinem Alltag. Diese Sprache erschien mir genauso harmlos und normal, wie die zwei Toilettenschilder.

Ich habe zum ersten Mal angefangen, das infrage zu stellen, als ich die Band Placebo cool fand. Allein die Tatsache, dass es einen Künstler (bzw. drei, weil drei Bandmitglieder) brauchte, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass an dieser Weltanschauung irgendetwas nicht stimmen konnte, sagt einiges aus. Später kamen noch andere Künstler*innen aus verschiedensten Bereichen dazu. Fremde, die ich nie persönlich getroffen habe, haben mir gezeigt, dass mehr existiert als die zweigeschlechtliche Welt, mit der ich aufgewachsen war, und dass niemand über die Definition von „richtiger Mann“ oder „richtige Frau“ entscheidet, ausser wir selbst.

Das war 2004 oder so. Wir haben jetzt 2019 und wie man sieht, sind solche falschen Vorstellungen immer noch weit verbreitet. Wenigstens sind diese Dinge jetzt auch in den Massenmedien ein Thema, auch wenn sie eigentlich schon lange vom Tisch sein sollten. Oder, um mich meinen eigenen Buchcharakteren anzuschliessen: Wir sind doch alle einfach Menschen!

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