Die offene Beziehung in der Realität – Zwei Erfahrungsberichte

Die offene Beziehung hat einen schweren Stand in unserer Gesellschaft. Die einen betrachten sie als eine Art Patentlösung, die anderen verteufeln sie als Zerstörerin traditioneller Werte. Doch das greift beides nicht weit genug. Wie bei den meisten Dingen ist in Wirklichkeit alles etwas komplexer. Was eine offene Beziehung ist, weiss fast jeder. Eine Beziehung zwischen zwei Menschen, bei der die Freiheit, sexuelle Erfahrungen auch ausserhalb der Beziehung zu machen, eine Rolle spielt. Die Diskussion findet nicht nur unter Paaren, sondern auch in der Gesellschaft und Politik statt.

Steht die sexuelle Erfahrung etwa „über“ der romantischen? Stellt das die Verbindung zwischen zwei Menschen nicht grundsätzlich in Frage? Ist es überhaupt möglich, jemanden zu lieben, wenn man gleichzeitig auch Sex mit anderen hat? Gibt es keine Eifersucht? Was, wenn einer davonläuft? Wie soll denn das überhaupt funktionieren? Fragen wie diese stehen den Für-Argumenten gegenüber: Sexuelle Freiheit, Entfaltung, Rücksicht auf die Individualität des Menschen, Erlangen und Ausleben wichtiger Erfahrungen. Auch im Jahr 2020 ist das Thema vielerorts noch diskussionsgrundlage.

In den Unterhaltungsmedien existieren diese wie auch andere alternative Beziehungsformen hingegen kaum. Hier geht man nach wie vor gerne auf Nummer sicher und beschreibt das klassische „Mann und Frau“-Muster, am besten monogam glücklich bis ans Lebensende. „Verkauft sich besser“, behaupten Hollywood und Verlage, ob das wirklich stimmt, steht in den Sternen. Hier und da gibt es vielleicht eine*n Autor*in oder eine Filmproduktionsfirma, die sich aus dem Schema F herauswagen und das Thema aufgreifen, doch dann weiss man meistens wenig davon, weil es kaum vermarktet wird. Weil ich das Thema auch interessant fand, einigt sich das Paar aus meinem Kurzroman „Länger als die Ewigkeit“ ebenfalls auf eine offene Beziehung mit drei Regeln. Zunächst scheint das die Lösung all ihrer Probleme, aber das Ganze geht nicht ewig gut.

Doch wie ist das eigentlich in der Realität? Wie könnte eine offene Beziehung aussehen? Was für Vor- und Nachteile gibt es und was sind die Beweggründe dafür? Ich habe euch hier zwei echte, anonymisierte Erfahrungsberichte, die einen guten Eindruck geben:

Bericht 1

Für mich persönlich waren Sex und Liebe schon immer sehr unterschiedliche Dinge. Natürlich muss eine gewisse Sympathie da sein für die Leute, mit denen ich mir sexuellen Kontakt vorstellen könnte und vermutlich immer möchte ich mit einer Person, die ich liebe auch intim werden. Aber das eine muss nicht zwangsläufig auch zum anderen führen. Darum verstehe ich nicht, warum Sex so viel Gewicht und Bedeutung zugesprochen wird.

Mir war aber immer klar, dass meine Partner das nicht genau so sehen, weshalb ich das Thema nie auf den Tisch brachte. Erst in meiner letzten (inzwischen beendeten) Beziehung hatte ich das Gefühl, dass wir beide da ähnlich ticken. Wir waren etwa ein Jahr lang zusammen, bevor wir entschieden, dass wir es mit einer offenen Beziehung versuchen möchten. Weder er noch ich hatten damit Erfahrungen gemacht.

Wir haben uns nur die eine Regel gesetzt, dass wir uns gegenseitig davon erzählen. Für mich war der Gedanke dahinter, dass am Erzählen ja nichts dabei sein sollte, wenn die Sache nichts bedeutet hat. Inzwischen würde ich das vielleicht anders handhaben. Diese Gespräche waren eigentlich immer etwas seltsam, weil wir beide nicht recht wussten, wie viele Details man jetzt erzählen und wie man »richtig« darauf reagieren soll. Ich glaube, uns beiden wäre es genauso recht gewesen, wenn wir auf die Klausel verzichtet hätten. Grundsätzlich war es zum Beginnen aber vermutlich ganz gut, damit auch wir beide wussten, woran wir so waren. Aber wenn die Sache keine Bedeutung hat und kein Grund zur Eifersucht besteht, spielt es meiner Meinung nach eigentlich auch keine Rolle, ob man die Geschichte mit seinem Partner teilt oder nicht.

In unserer fast vierjährigen Beziehung haben wir beide vielleicht jeweils drei oder viermal mit anderen Partnern geschlafen. Unsere Trennung hatte nichts mit der offenen Beziehung zu tun, obschon dies gegen Ende natürlich ein weiterer Stressfaktor war. Zu dem Zeitpunkt war aber eigentlich klar, dass die Beziehung vorbei ist. Ich könnte mir auf jeden Fall vorstellen, wieder offene Beziehungen einzugehen.

Für mich besteht der Vorteil einer offenen Beziehung darin, dass nicht alle Erwartungen von einer einzelnen Person erfüllt werden müssen. Menschen, die bi- oder pansexuell sind, Fetische haben oder Menschen lieben, die generell einen ausgeprägteren Sexualtrieb haben als sie selber, fühlen sich in einer Beziehung diesbezüglich wohl häufig eingeengt und beschnitten. Da finde ich es definitiv besser, wenn eine Person seinen oder ihren Sehnsüchten befriedigend nachgehen kann, anstatt sie ganz vergraben zu müssen, oder der Partner sich bereit erklärt, Sachen mitzumachen, die ihm oder ihr selber nicht wirklich Spass machen. Schlussendlich sollten eigentlich alle Parteien zufriedener daraus hervorgehen.

Es gibt kein Schema F, nach dem so eine Beziehung funktioniert. Es ist extrem wichtig, dass beide Parteien kommunizieren können, was ihnen wichtig ist und was ihre eigenen Wünsche und Grenzen sind. Aber um ehrlich zu sein gilt das auch für jede andere Beziehung. Auch in einer monogamen Beziehung ticken beide Partner nicht genau gleich. Für jemanden ist es Fremdgehen, wenn man im Ausgang mit einer anderen Person flirtet, für andere ist das völlig okay. Jemand möchte gerne viermal in der Woche Sex haben, anderen genügt einmal im Monat.

Eine offene Beziehung ist schlussendlich auch nur eine Beziehung, die eigenen, von allen Partnern festgelegten Regeln folgt. Und das klappt ab und zu besser und ab und zu weniger gut wie bei jeder anderen Beziehung auch.

Bericht 2

Wir waren beide noch sehr jung. Zwar wollten wir eine Beziehung, wollten uns aber auch noch nicht so richtig fest binden. Also haben wir uns für eine offene Beziehung entschieden.

Die Regel war, immer ehrlich zueinander zu sein. Sprich, den „Seitensprung“ offenzulegen und Bescheid zu sagen, wenn man zum Beispiel in einer Nacht nicht nach Hause kam. Damit man sich keine Sorgen machen musste. Wir wollten auch keine polyamore Beziehung, also waren längere Affären und weiteren Beziehungen nebenan ebenfalls nicht drin.

Für mich war das zu dem Zeitpunkt ideal. Ich hatte jemanden, mit dem ich eine richtige Beziehung hatte, in der ich Halt fand. Ich habe meinen Partner auch sehr gemocht. Gleichzeitig konnte ich experimentieren und mich ausleben.

Es hat dann später nicht mehr funktioniert, weil er begann, zu lügen und ich merkte, dass er eine zweite Freundin hatte. Die wusste gar nicht, dass er schon eine andere Beziehung hatte! Da habe ich gesagt, das mache ich nicht mehr mit und wir haben uns schliesslich getrennt. Für mich war das ein Vertrauensbruch. Hätte er mir früher Bescheid gesagt, hätten wir darüber sprechen und eine Lösung finden können, die für alle Involvierten gepasst hätte, aber so war es für mich einfach nicht mehr möglich.

Ob ich heute noch einmal eine offene Beziehung haben könnte, weiss ich nicht. Grundsätzlich bin ich offen dafür, aber ich habe auch das Gefühl, ich brauche es in dem Sinne nicht mehr. Zurzeit reicht mir die einfache Beziehung mit einer Person, emotional und körperlich.

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