Kurzgeschichte: Fahrt in die Nacht

Es war lange still hier. Das lag daran, dass ich fleissig an meinem neuesten Buchprojekt gearbeitet habe, Infos dazu sollten bald folgen. In der Zwischenzeit habe ich eine weitere Kurzgeschichte für euch. Etwas hoffentlich Entspannendes in diesen aufwühlenden Zeiten. Ich hoffe, dass die Geschichte euch hilft, eure Gedanken ein wenig zu schönen Dingen schweifen zu lassen.

Verliert nicht den Kopf, konzentriert euch auf das, was immer noch gut ist und das, was ihr selber in jedem bestimmten Moment tun könnt. #stayhome und bleibt gesund!


Fahrt in die Nacht

Havannah. Hitze, Sommer, Sonne, Strand. Das Bild über dem Bett erinnerte sie an alle diese Dinge. Es war ein schönes Motiv, ganz in Orange-Tönen gehalten mit Palmen auf den Seiten und dem Meer im Vordergrund. Es war ein warmes Bild. Feuer. Es war wie Feuer, genau wie er. Vulkanausbruch hätte es wohl besser getroffen.
Sie schaute auf die Uhr. Es war halb zwölf. Er war erst vor vier Stunden gegangen, doch sie hielt es schon jetzt nicht mehr aus. Wie sollte sie bloss die ganze verdammte Woche überleben? Sie drehte sich um, damit sie das Bild nicht mehr sehen musste. Es half auch nichts.
Ihr kam eine Idee. Sie lachte auf und vergrub das Gesicht in der Bettdecke. Nein, das war zu verrückt. Das konnte sie nicht tun. Sie mussten beide morgen arbeiten. Lustig wäre es bestimmt. Doch was, wenn es ihm nicht gefiel? Was, wenn er wütend würde? Sie drehte sich noch einmal um. Warum sollte er wütend werden? Das Bild fiel ihr wieder ins Auge. Sie seufzte leise und dachte daran, wie schön es wäre. Gleichzeitig wäre es wohl das Verrückteste, was sie je getan hatte.
Sie schaute auf die Uhr. Zwei Minuten waren vergangen. «Ach, komm Scheiss drauf», sagte sie vor sich hin, stand auf und zog sich an. Sie ergriff ihre Handtasche und die Autoschlüssel im Hinausgehen.
Dann fuhr sie. Obwohl sie schnell unterwegs war, dauerte es eine halbe Ewigkeit. Bis sie ankam würde es eins sein, mindestens. Aber das war ihr jetzt egal. Sie konnte einfach nicht warten, sie konnte einfach nicht Zuhause herumsitzen und nichts tun. Sie musste ihn sehen. Jetzt, sofort. Es war wie in diesem absurd-romantischen Lied. Bei dem Gedanken kicherte sie, fasste sich aber sogleich wieder. Sie musste sich auf die Strasse konzentrieren. Zwar war sie weit und breit die einzige unterwegs, aber sie sollte wohl trotzdem vorsichtig sein.
Endlich kam sie zu der Ausfahrt. Sie bog ein, steuerte das Dorf an, in dem er wohnte und kurvte durch die Wohnsiedlung. Es war verrückt. Was sie hier tat, war vollkommen verrückt. Sie stellte das Auto auf einen freien Besucherparkplatz stieg aus und ging zu seiner Wohnung. Das Haus besass eines dieser alten Treppenhäuser, die mit einem ebenso alten Schliesssystem ausgestattet waren, bei dem die Tür nicht automatisch schloss. Somit konnte man sie einfach öffnen und hineingehen.
Sie stellte sich vor seine Tür. Einen Moment lang zögerte sie. Noch war es nicht zu spät. Noch konnte sie sich einfach umdrehen und wieder gehen. Andererseits war sie nicht so weit gefahren, um dann so kurz vor dem Ziel einen Rückzieher zu machen. Nein, sie würde das jetzt tun. Sie hob die Hand und klingelte. Es dauerte eine Weile. Nichts passierte. Sie klingelte noch einmal. Als nach einigen Sekunden wieder nichts kam, legte sie die Hand auf die Klinke. Sie fühlte sich wie ein Einbrecher. Darüber hätte sie gelacht, wenn sie nicht überzeugt gewesen wäre, dass das jeder im Haus gehört hätte. Vorsichtig, als könnte sie etwas kaputt machen, drückte sie die Klinke herunter.
Die Tür sprang auf. Das überraschte sie ein wenig, aber sie fand es gut. Mit leisen Schritten schlich sie hinein. Sie zog die Schuhe aus und ging ins Schlafzimmer. Da lag er. Gott, er war so schön! Sie ging auf ihn zu, setzte sich auf den Bettrand und beugte sich über ihn. Sanft streichelte sie sein Haar. Er bewegte sich. Sie wich ein wenig zurück, als er sich umdrehte und sie ansah.
«Was machst du hier?», sagte er schlaftrunken.
«Ich musste dich sehen», antwortete sie.
Er lächelte.
Sie beugte sich nach vorne, legte ihre Hand auf seine Wange und zog ihn zu sich heran.
Ein schrilles Geräusch unterbrach sie. Genervt sah sie auf. Sie schlug die Hand auf den Wecker. Es war nur ein Traum gewesen. Dieser Scheiss-Wecker hatte sie aus ihrem verdammten Traum gerissen! Sie drehte sich auf den Rücken und sah im Augenwinkel das Bild über sich. Havannah. Ihre letzten Ferien. In Wahrheit hatte der Traum bereits am letzten Abend jenes Urlaubs aufgehört. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn sie einmal ein bisschen Glück gehabt hätte!

 

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