Kurzgeschichte: Die Rattenkönigin

Auch das ist eine etwas ältere Geschichte, die ich einmal für einen Wettbewerb geschrieben hatte, dann aber nicht genommen wurde. Ich wünsche euch ganz viel Spass damit!


Die Rattenkönigin

„Wow!“, rief Melanie aus. Begeisterung erhellte ihr Gesicht. „Ihr besitzt tatsächlich ein Dachbodenzimmer!“
Jamie grinste verlegen. „Nun ja, es ist ein Dachboden.“
„Ich habe noch nie ein echtes Dachbodenzimmer gesehen!“
„Ähm, ja“, sagte Jamie mangels einer besseren Antwort. Er hätte geradewegs in die nächste Wand laufen können. Da hatte er sturmfrei, weil seine Eltern in den Ferien waren, die tollste Braut der Stadt tänzelte im Zimmer herum und er wusste nichts zu sagen.
„Setz dich doch“, brachte er heraus, deutete auf das abgewrackte Sofa in der Ecke und reichte ihr eines der Gläser, die er von der Küche mitgenommen hatte. Sie begnügten sich mittlerweile mit Leitungswasser.
„Auf uns!“, sagte er und hob das Glas.
„Auf uns?“, fragte sie und hob die Augenbrauen. Peinliche Stille bahnte sich an.
„Auf Depeche Mode!“, korrigierte sie.
„Auf Depeche Mode!“
Die Gläser klirrten.
„Genießen wir die Stille…“, säuselte er weiter und legte seinen Arm um ihre Schultern.
Einige Minuten lang starrten sie schweigend auf die vollgestellten Regale, die diversen Staubfänger, die am Boden stehenden Bilder und die deplatzierten Kleinmöbel. Mela sank ein wenig tiefer gegen seine Brust. Sie schien auch kein Gesprächsthema zu wissen.
Unter ihnen ächzten die Dielen kaum hörbar. Der typische Geruch von Holz und Staub umgab sie. Jamie rümpfte irritiert die Nase und schnupperte. Da war noch etwas. Verwesung?
„Riechst du das?“, sagte er, um sich zu vergewissern.
„Alkohol“, murmelte Mela, bereits halb in Schlaf gesunken.
„Nein, das andere.“
Er stand auf. Wachgerüttelt von der Bewegung schaute Mela ihn an.
„Was…?“, sie unterbrach sich und schnupperte ebenfalls. „Scheiße, habt ihr eine Katze?“
Jamie tat einige Schritte, um herauszufinden, woher der Gestank kam. „Ja, aber die kommt nicht hier hoch.“
„Trotzdem“, sagte sie und stand ebenfalls auf. „Sehen wir hinter dem Sofa nach.“
Gemeinsam wuchteten sie das Möbel von der Wand weg und sahen skeptisch in den Spalt, der sich auftat. Ihre Blicke trafen sich. Außer einer dicken Schicht Staub war da nichts. Keine seit Wochen tote Maus, kein Vogel oder Siebenschläfer. Nur der Gestank stach ihnen noch immer in die Nasen. Nachdem sie das Sofa an seinen Platz zurückgeschoben hatten, musterte Mela bedeutsam das Bücherregal.
„Nein“, sagte Jamie. „Wir rücken jetzt nicht alle Möbel herum, ganz bestimmt nicht.“
„Hast du einen besseren Vorschlag?“
Für einige Sekunden überlegte er. Sie sah umwerfend aus in der geschnürten Korsage und dem gefächerten Minirock und mit ihrem langen, dunklen Haar, das ihr offen über die Schultern fiel. Natürlich hätte er einen besseren Vorschlag machen können. Sofort schämte er sich für diesen Gedanken. Was könnte ein Mädchen wie sie schon von einem Wirrkopf wie ihm wollen?
Also sagte er nur: „Wenn wir im Raum herum gehen…“
Und machte es vor. Doch Mela schien sich mehr für die Gegenstände zu interessieren. „Ein Glasengel, ist ja freakig“, hörte er sie sagen, während der Geruch stärker wurde. Er hielt inne. Es kam von der leicht losen Diele unter seinen Füssen.
„Hey, ich glaube, ich hab’s“, sagte er.
Er ging in die Hocke und zerrte an dem Stück Holz, bis es quietschend hoch sprang.
„Boah!“
In Melas Stimme entluden sich Ekel und Abscheu. Jamie hielt sich den Arm vor die Nase.
„Da liegt tatsächlich eine tote Ratte“, sagte er in den Stoff seines Pullovers. „Wir müssen sie wegschaffen.“
Er bedeutete Mela, ihm zu folgen, als er die Treppe hinunter ging, um die Arbeitshandschuhe seines Vaters aus dem Schrank zu holen. Auf keinen Fall würde er dieses Ding mit bloßen Händen anfassen. Mela besorgte derweil eine Mülltüte aus der Küche. Zurück auf dem Dachboden streifte er die Handschuhe über und griff nach dem toten Tierkörper. Er fühlte sich befremdlich, weich und schlaff an. Vorsichtig hob Jamie den Kadaver heraus.
„Wie kommt das denn dahin, frage ich mich?“
Mela zuckte nur mit den Schultern. Als Jamie sich zu ihr umdrehte, um den Kadaver in den von ihr aufgehaltenen Sack zu werfen, spannte sich die Ratte plötzlich an, riss die blutroten Augen auf und biss Jamie mit voller Kraft in den Arm. Trotz des Handschuhs schrie er auf. Aufgeregtes Quieken erklang hinter ihm. Getappse. Das Scharren von Krallen.
„Jamie“, sagte Mela und blickte zu der aufgerissenen Diele.
Eine, zwei, drei weitere Ratten kamen darunter hervorgekrochen. Sie besaßen blutrote Augen und ihr braunes Fell stand zerzaust in alle Richtungen ab.
„Scheiße, was passiert hier!“, rief Jamie aus, während er versuchte, das in seinem Arm festgebissene Tier abzuschütteln. Doch schon hatte ein zweites seinen Stiefel erwischt, Gott sei Dank hatte er die Schuhe anbehalten!
Rasch griff Mela nach einem Messing-Kerzenständer aus dem Regal hinter ihr und zog ihn der Ratte an seinem Fuß über. Dann drosch sie auf seinen Arm ein. Er keuchte kurz auf, doch die Ratte fiel zu Boden.
„Sorry“, sagte sie.
„Keine Sache.“
Weitere Ratten quollen unter dem Boden hervor.
„Los, weg hier!“
Sie rannten zur Tür, Jamie schlug sie hinter sich zu und lehnte sich dagegen.
„Was machen wir jetzt?“
„Warum greifen die uns an?“
„Keine Ahnung, Stühle und so sind unten.“
„Die können wir jetzt nicht hochschleppen, bis dahin…“
Hinter Jamie schepperte es. Die Vibration der wackelnden Tür fuhr ihm durch Mark und Bein. Seine Knie wurden weich.
„…sind sie durch“, schloss Mela ihren Satz.
Einen Augenblick lang starrten sie sich ratlos an.

Sie verbarrikadierten sich im Keller. Nachdem Jamie den letzten Hocker vor die Tür geschoben hatte, setzte er sich erschöpft auf den Boden. Ein Berg aus Bilderrahmen, Kartons und Holzschutt türmte sich hinter ihm. Es musste reichen. Viel mehr hatten sie nicht.
Mela seufzte und setzte sich ebenfalls.
Von draussen hörte man wie aus der Ferne Gepiepse und Getrappel.
„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich durchgefressen haben“, statuierte er unnötigerweise.
„Was dann?“, sagte sie. „Wir können die nicht alle mit Pfannen niederhauen.“
Jamie sagte nichts. Zumal die alten Eisentöpfe sich auf dem Haufen befanden, der die Tür blockieren sollte.
Stattdessen begann er ein anderes Thema: „Ich schätze, so hast du dir unser erstes richtiges Date nicht vorgestellt, was?“
Vorwurfsvoll runzelte sie die Stirn. „Was soll das denn jetzt?“
Ihre Worte stachen ihm ins Herz wie tausend Nadeln. Aber er wäre nicht Jamie Taylor gewesen, wenn er sich das hätte anmerken lassen. „Wie, was soll das jetzt? Ich versuche hier bloss, nicht den Kopf zu verlieren.“
„Nein, das habe ich nicht“, antwortete sie kalt. „Ehrlich gesagt habe ich mir ein Date mit dir bis vor wenigen Stunden noch überhaupt nicht vorstellen können. Das hier ist…“
Jamie hob die Augenbrauen. Play it cool.
„Etwas anderes“, sagte sie nur ein klein wenig zu keck.
„Ah, verstehe.“
Das Quietschen und Fiepen im Haus wurde lauter und kam näher. Gemeinsam sterben würden sie, so viel stand fest.
Vom hinteren Regal her drang ein heiseres Lachen hervor. Die beiden standen innert Sekunden auf ihren Füssen und nahmen Abwehrhaltung ein.
„Wie niedlich“, sagte die fremde Stimme.
„Wer bist du?“, sagte Jamie und konnte das Zittern in seiner Stimme nicht verbergen.
„Ich?“
Die Gestalt trat hinter dem Regal hervor. Sie war nicht besonders hübsch mit ihrem dreckverklumpten, zerzausten Haar und den alten, pelzigen Klamotten, die in schweren Fetzen von ihrem Körper hingen. Platzwunden und Schürfungen bedeckten die blossen Stellen ihres Körpers.
„Oh, ich habe viele Namen“, fuhr sie fort. „Doch die meisten nennen mich einfach nur: Königin.“
Das letzte Wort war mit einem zischenden laut verbunden. Sie machte einen Satz, packte Jamie am Kragen und beäugte ihn eingehend. Angestrengt versuchte er, seinen Kopf so weit wie möglich von ihr fern zu halten. Ihr Mundgeruch war bestialisch.
„W-wie bist du hier reingekommen?“, fragte er.
„Oh, das. Das war ein Kinderspiel. Du hast keine Vorstellung, wie viele Ritzen und Öffnungen in diesen alten Häusern verborgen sind. Endlich ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Nach 354 Jahren.“
„Der richtige Zeitpunkt, wofür?“, fragte Mela. Angespannt und mit wachsamem Blick stand sie neben Jamie, jederzeit zur Verteidigung bereit.
„Meine Brut!“, zischte die Fremde.
„Deine…“ Schlagartig wurde Jamie bewusst, dass sie gar keine Klamotten trug.
Die Ratten schabten und kratzten an der Tür.
„Du bist eine Rattenkönigin“, sagte er fassungslos.
Sie lachte amüsiert. „Nicht eine! Die. Kommt her meine Süssen!“
Mit einem Fingerzeig brachte sie den Möbelberg vor der Kellertür zum Einsturz. Mit einem kalten Luftzug und einem ohrenbetäubenden Krachen fiel die Tür in den Raum und Dutzende und Aberdutzende von Ratten strömten in den Keller, verteilten sich, stoben Jamie und Mela um die Füsse.
Mela schluckte einen Schreckensschrei hinunter. Jamie erstarrte in Entsetzen. Vor Mela wollte er es nicht zeigen, aber er fürchtete diese Scheiß-Dinger wie nichts anderes auf der Welt. Seine Mutter hatte ihm immer aus diesem furchtbaren Märchenbuch vorgelesen, in dem unter anderem auch eine Geschichte namens „Die Rattenkönigin“ enthalten war. Es handelte sich dabei um eine grausige Gestalt, halb menschlich, doch überwiegend Untier, die nach Rache sann, da ihr Lebensraum von den Menschen zerstört worden war. Sie drang in unbeobachteten Momenten in die Häuser der Menschen ein, um dort Zuchtstätten für ihre Soldaten zu errichten. Ratten, die stärker, grösser und schneller waren als gewöhnliche Kanalratten. In dem Märchen war dies natürlich alles viel harmloser und kindgerechter dargestellt worden. Auch ein Happy End, in dem die Menschen letztlich siegten, blieb nicht aus. Doch irgendwann hatte Jamie aufgehört, an derartige Dinge zu glauben.
Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
„Du bist ein Märchen“, sagte er, wenn auch nur, um sich selbst zu überzeugen.
„Märchen entstehen aus der Angst der Menschen, mein Süsser“, sagte sie und strich mit einem schlanken, krallenbewehrten Finger über seine Wange. Nur mit grösster Willensanstrengung behielt er seine unbewegte Miene bei. „Und Angst ist etwas sehr Reales, findest du nicht? Du brauchst nicht so zu gucken, ich kann es riechen. Ein ganz eigener Duft, weisst du?“
Jamie schluckte, sagte aber nichts.
„Wozu brauchst du uns?“, fragte Mela.
Die Rattenkönigin wandte sich von Jamie ab, liess ihn endlich los und stolzierte zu seiner Nicht-Freundin.
„Ihr werdet uns nun einen ganz angenehmen kleinen Imbiss abgeben.“
Mela wollte weglaufen, doch Jamie hielt sie zurück. „Warte. Wir kämen nicht einmal die Kellertreppe hinauf.“
„Richtig“, sagte die Rattenkönigin.
„Warum das alles?“, sagte Jamie, vor allem, um Zeit zu schinden.
„Ist es nicht offensichtlich, du Dummkopf!“, zischte sie und schleuderte ihm zwischen den Zähnen eine grässliche Fahne Gestank entgegen. „354 Jahre habe ich gesucht. Vor 354 Jahren, waren wir ausgerottet worden von einem elenden Flötler!“
„Ich dachte…“
„Ja. Er kam wieder zurück! Nach dem Gefallen, den wir ihm in Hameln getan haben, nachdem die Stadtbürger ihn betrogen hatten, kam er nach all dieser Zeit zurück und stellte sich erneut gegen uns. Er hätte sich seiner Wurzeln zurückbesonnen und möchte für seine Tat in Hameln Busse tun. Es wieder gut machen, sagte er. Er wurde uns zum Verhängnis. Nur einige Wenige konnten entkommen. Wir mussten uns verstecken, um unsere Population wieder zu beleben. Ich musste von vorn beginnen. Als ich vor einigen Wochen dieses Haus fand, habe ich Soldaten postiert, zeugungsstarke Tiere, um genau zu sein. Doch der Flötler hat vorausschauend gehandelt, damals. Er hat sich in die moderne Musik eingeschlichen und dafür gesorgt, dass jede Flöte uns in einen tiefen, hilflosen Schlaf versetzen kann. Ich musste selbst aufpassen, nicht von diesem grässlichen Gedudel deiner Eltern erwischt zu werden. Ich schlief draussen, ausser Hörweite. Als sie endlich weg waren, sah ich meine Chance und dann seid ihr nach Hause gekommen.“
„Du warst die ganze Zeit da?“ Jamie gingen die Ideen aus.
Die Rattenkönigin lachte nur heiser.
In diesem Moment griff Mela den Nordic Walking-Stock seines Vaters und schwang ihn der Rattenkönigin gegen den Schädel. Diese ging benommen zu Boden. Für einige Sekunden herrschte Totenstille. Einige Dutzend Augen starrten sie an. Jamie und Mela warfen sich einen Blick zu.
Mela reichte ihm den zweiten Walking-Stock und gemeinsam setzten sie über die Nager hinweg. Fellknäuel über Fellknäuel trippelte quiekend auf sie zu. Um sich schlagend und keuchend, arbeiteten sie sich Rücken an Rücken aus dem Keller. Liefen die Treppe hinauf. Eine Woge fiepender und schabender Geräusche erhob sich hinter ihnen. Sie erreichten die Haupttür, schlugen sie hinter sich zu und stolperten auf die Strasse.
„Fuck!“, schrie Mela, beinahe hysterisch. „Was machen wir jetzt?“
Jamie blickte gehetzt um sich. Die Strassenlaternen waren bereits ausgeschaltet worden und ein dichter Wolkenmantel lag wie eine schwarze Decke über dem Himmel. Die Haustür schepperte. Graue, fellige Körper drängten sich an den Fenstern.
Jamies Blick fiel auf den schmalen Weg, der der Hauswand entlang in den Garten dahinter führte.
„Die Scheune“, sagte er zu Mela. „Mein Dad hat dort einen Benzinkanister gelagert und Streichhölzer sollten auch noch irgendwo rumliegen.“
Ungläubig starrte sie ihn an. „Du willst das Haus abfackeln? Meine Handtasche ist noch da drin!“
„Hier geht es um mehr als deine Handtasche, verdammt! Hast du eine bessere Idee?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Okay, komm.“
Sie eilten um das Haus und über die ausgetretene Wiese auf die kleine Holzhütte zu. Jamie brach die Tür auf. Der moderige Geruch von Holz, Staub und alten Werkzeugen schlug ihnen entgegen. Und es war dunkel, fast noch dunkler als draussen.
„Such du nach den Streichhölzern“, sagte Jamie und trat hinein.
„Okay.“
Er kauerte sich nieder und tastete sich vorsichtig an den Wänden und Regalen entlang. Als seine Augen sich an die neue Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er die Umrisse diverser Regale, Kisten und Eimer, in denen allerhand Utensilien verstaut waren. Arbeitshandschuhe, luftleere Fussbälle, Fahrradpumpe… Das zerbeulte Ding von Kanister würde nicht allzu schwer zu finden zu sein. Da! Seine Finger trafen auf kaltes, glattes Metall. Im Hintergrund nestelte Mela in einem Regal herum.
„Hey, bessere Idee“, sagte sie.
„Was?“
„Du fragtest, ob ich eine bessere Idee habe, die habe ich jetzt.“
Sie hob etwas Grosses, schwer Knisterndes vom Regal.
„Was ist das“, fragte Jamie, stand auf und wandte sich ihr zu, obwohl das natürlich nicht viel brachte. Er sah lediglich ein schwarzes Ding dort, wo in etwa ihr Brustbereich sein müsste.
„Sieht aus wie eine Blache“, sagte sie. Eilig legte sie das Ding auf den Tisch und griff zum Regal. Ein Flackern kündigte einen spärlichen Lichtschimmer an. Sie hielt das Streichholz über das schwarze Ding.
„Tatsächlich.“ Jamie mutmasste, dass es in Wirklichkeit eher dunkelgrün war, aber das tat nichts zur Sache. Es handelte sich um ein Stück Plastik, das normalerweise zur Abdeckung von Gemüsebeeten diente.
„Perfekt“, sagte Mela. „Wenn wir das Ding mitnehmen, können wir die Tür öffnen, die Ratten flambieren und uns dann unter dem Schutz dieser Blache zu einem Telefon vorkämpfen. Dann können wir die Feuerwehr rufen. So geht nur ein Teil kaputt.“
„Okay“, sagte Jamie nur. Er konnte ja schlecht zugeben, dass der Plan wesentlich besser war, als seiner. Doch einen konnte er noch drauf setzen: „Aber dann nehmen wir den Hintereingang.“
Mela schwang das Plastik über die Schulter und steckte die Streichholzschachtel in die Tasche ihres Rocks, während Jamie den Kanister hervor wuchtete. Unter seiner Führung eilten sie zum Haus zurück und traten vorsichtig in den Flur beim Hintereingang.
Vergleichsweise wenige Augen starrten sie an. Jamie öffnete den Kanister und schüttete den Ratten die darin enthaltene Flüssigkeit ins Gesicht. Mela entzündete ein Streichholz und warf es. Vor ihnen flammte alles auf.
Sofort warf Mela die Blache über. Jamie hielt die Ecke auf seiner Seite fest, den Kanister in der anderen Hand. Sie schafften es bis ins Wohnzimmer. Es überquoll fast vor zerzausten Fellwürsten. Die Königin stand in ihrer Mitte und blickte die beiden wütend an. Jamie schüttete ihnen Benzin entgegen. Mela liess ihre Ecke der Blache für eine Sekunde los, um ein weiteres Streichholz zu entzünden. Sofort ergriff sie das Ding auf ihrem Rücken wieder und sie rannten weiter. Die Königin kreischte hinter ihnen. Meter um Meter kämpften sie sich voran.
Instinktiv wählten sie die Treppe zum Dachboden. Die Königin folgte ihnen. Jamie schüttete ihr von der Treppe aus Benzin auf den Kopf, ein weiteres, flackerndes Streichholz folgte. Ein fürchterliches Krächzen erfüllte das Haus, als sie hinauf rannten. Endlich auf dem Dachboden angekommen, schlugen sie die Tür hinter sich zu und lehnten sich dagegen.
„Warte!“, rief Jamie, als Mela in den Raum vorpreschte. Hastig blickte er sich um. Seine Nicht-Freundin stand bereits exponiert in der Mitte des Raumes, als sie realisierte, was er meinte. Sie hielt auf der Stelle inne und drehte den Kopf zu allen Seiten. Von den Ratten keine Spur.
„Sie müssen uns alle nach unten gefolgt sein“, keuchte sie und eilte zu ihrer Handtasche, die neben dem Sofa am Boden lag. Die Tür schepperte hinter Jamie. Eilige kramte Mela ihr Handy hervor, tippte die Nummer ein und erklärte der Dame auf der anderen Seite in kryptischen Sätzen das Problem.

Eine halbe Stunde später sassen sie auf der anderen Strassenseite auf einer Mauer, während die Feuerwehr den Brand löschte und die toten Ratten in Säcke steckte. Man hatte ihnen Wärmedecken gegeben. Woher der Arzt gekommen war, der sie untersucht hatte, wussten sie nicht so genau. Nun waren sie wieder für sich, beide noch ein wenig zitternd und froh darüber.
„Scheiße, das war ganz schön knapp“, sagte sie endlich.
Jamie lächelte, wurde jedoch sofort wieder ernst. „Du hast mein Haus gerettet“, sagte er nur. „Naja, den Grossteil davon.“
„Nein, ich habe dich gerettet.“
Ihr Ton war neckisch und liebevoll zugleich. Er erwiderte nichts. Ihm fehlten sowieso die passenden Worte. Aber er schaute sie an. Ihr Blick blieb unbewegt. Die tiefen, dunklen Augen schienen ihn zu prüfen, zu durchschauen.
„Das, was ich gesagt habe“, begann er und starrte wieder zu Boden. „Vorhin, das…“
„Lass es“, unterbrach sie ihn knapp.
Jamie zuckte innerlich zusammen. Er hatte es vergeigt.
„Du hörst mir jetzt zu, okay?“, fuhr sie fort. „Das war das verrückteste, abgedrehteste und weiss Gott spannendste Date, das ich je hatte. Vielleicht gebe ich dir noch eine Chance.“
Sie kniff ihn spielerisch in den Unterarm. Jamie lachte auf und zog den Arm weg.

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