Die Frage nach dem Sinn – Warum ich die Fortsetzung meiner Reihe vorerst auf Eis lege

Als ich vor eineinhalb Jahren „Der erste und letzte Song“ veröffentlicht habe, dachte ich, so etwas würde mir nicht mehr passieren. Ich dachte, ich würde nie wieder ein Projekt beginnen und dann mittendrin abbrechen, weil mir der Enthusiasmus dafür verloren geht. Nun ist aber genau das passiert. Voller Begeisterung bin ich letztes Jahr in mein „Dean & Debra“-Projekt gestartet, das das dritte Buch aus der „London-Flight“-Welt hätte werden sollen. Jetzt muss ich es auf Eis legen und ich kann noch nicht einmal behaupten, dass ich das schweren Herzens tue, denn es wäre gelogen. Da ich weiss, dass einige von euch Debra im „Song“ sehr gemocht haben und ihre Geschichte gerne gelesen hätten, möchte ich euch die Gründe genauer erklären.

Mit dem „Song“ hatte ich einen Sinn gefunden, der über die reine Freude an einer Geschichte und Selbstverwirklichung hinausging. Etwas Wichtiges, nach dem ich mich richten konnte. Bei diesem Buch war das, dem Thema Asexualität eine weitere Stimme zu geben, zu helfen, darüber aufzuklären und anderen asexuellen Menschen eine Identifikationsfläche zu bieten. Das alles ist mir nach wie vor wichtig, aber darum geht es hier nicht. Stattdessen möchte ich über die tausend weiteren Ideen für Geschichten rund um die „London Flight“-Welt reden, die ich hatte. Oder habe. Eine davon („Länger als die Ewigkeit“) ist bereits als E-Book erschienen, an weiteren, darunter das „Dean & Debra“-Projekt, arbeite ich zurzeit eigentlich.

Eigentlich. Es mangelt mir nicht an Inhalt oder Plot. Die Liebe zu den Charakteren ist da und eine Message gibt es in meiner Planung auch. Trotzdem fällt es mir seit Monaten unglaublich schwer, weiterzumachen. Meine Motivation dafür ist aufgrund eines Erlebnisses, das ich im Februar hatte, ziemlich tief in den Keller gesunken und anfangs dachte ich, das hätte bloss mit dieser ganz anderen, neuen Idee zu tun, die man am liebsten sofort umsetzen würde, wie das bei Autor*innen halt so ist mit der Inspiration. Doch das Loch blieb. Ich habe am „Dean & Debra“ weitergearbeitet in der Hoffnung, wenn der Flow zurückkäme, würde auch die Begeisterung zurückkommen. Ich habe das Konzept geändert und die Message noch einmal überdacht und versucht, so eine neue Dynamik zu finden, die mich antreiben würde. Nur leider hat das nicht funktioniert.

Und dann kam der Coronavirus. Unser aller Leben wurde auf den Kopf gestellt und obwohl mein Alltag noch weitgehend normal weiterläuft, kam ich ins Nachdenken. Auf einmal erschien mir die Fortsetzung der „London Flight“-Geschichten erst recht abwegig. Ich frage mich, ob diese Geschichten einen Sinn haben, ob sie jemandem etwas bringen werden, ob reiche und berühmte Leute uns Normalverdiener*innen überhaupt das bieten können, was ein Buchcharakter bieten soll. Eine Identifikationsfläche, zu erfahren, dass man nicht allein ist mit den eigenen Problemen, sich verstanden fühlen zu können. Denn sind wir ehrlich: Wenn man ein paar Millionen auf dem Konto hat, gibt es keine Existenzssorgen, egal ob nun wegen einem Virus oder etwas anderem. Wenn man etwas anbietet, das von ein paar Millionen Leuten gekauft wird, muss man nicht fürchten, das einem irgendeine Situation das Genick bricht. Und falls doch, hätte man ja noch das Geld. Natürlich haben diese Leute andere Sorgen und das war es auch, was mich daran für lange Zeit faszinierte. Die Idee, dass Erfolg nicht zwangsläufig zu Glück führt und das Geld einem dabei auch nicht hilft.

Doch nun frage ich mich, ob das relevant ist. Ob es Sinn macht, weiterhin über reiche Musiker zu schreiben, deren Lebensrealität doch so weit von unserer eigenen entfernt ist, innere menschliche Probleme hin oder her. Ich frage mich, ob es nicht besser ist, über „normale“ Leute zu schreiben, Leute, die ähnliche Situationen wie wir durchleben und ähnliche Probleme haben. Zum Beispiel über jemanden, der zum Beispiel jetzt um seinen Job fürchten muss. Nur als Beispiel. Oder über jemanden, der einer schlechten Situation nicht einfach so entrinnen kann, weil er eben nicht sowieso genug Kohle hat. Oder über jemanden, dem du auf der Strasse, im Büro, beim Take-Away nahe deiner Arbeit oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln tatsächlich begegnen könntest. Wäre das nicht viel interessanter? Wäre das nicht viel näher an uns selbst und somit wichtiger?

Wenn ich mir ansehe, welche Kunst mir inzwischen gefällt, sind das Geschichten über das Leben – und zwar das, das ich und alle meine Freunde und Bekannten führen. Geschichten über „normale Leute“. Geschichten über „echte“ Situationen. Wenn ich mir so meine letzten paar Flashfictions anschaue, merke ich, dass ich schon seit einiger Zeit immer mehr in Richtung „reale Realität“, wenn man so will, abdrifte. Ich weiss nicht genau, wann oder wie sich das verschoben hat, aber ich bin sicher, dass die aktuelle Weltlage nicht die alleinige Schuld daran trägt. Sonst würde ich das hier nicht so breittreten.

Sicher ist aber, dass ich mich selbst und euch, liebe Leser*innen, anlügen würde, wenn ich das „Dean & Debra“-Projekt ohne Begeisterung weiterschleppen und euch schliesslich ein halbgares Buch präsentieren würde. Es tut mir sehr leid für alle, die sich darauf gefreut haben. Es tut mir leid, dass ich es so früh angekündigt habe (wobei ich da auch noch sicher war, dass es fertig wird). Vielleicht finde ich den nötigen Enthusiasmus irgendwann wieder, vielleicht vermisse ich die „London Flight“-Musiker und ihre Bekannten irgendwann so sehr, dass ich doch noch weitermache. Aber zum jetzigen Zeitpunkt weiss ich das einfach nicht.

Was ich euch aber definitiv versprechen kann, ist dass die Musikergeschichten noch nicht ganz verschwinden, auch wenn sie nichts mehr mit der Reihe zu tun haben. Denn mein „Sleaze Symphony“-Projekt steht in den Startlöchern zur Veröffentlichung und das wird euch eine Weile erhalten bleiben. 😉 In diesem Sinne werde ich mich jetzt erst einmal um die anderen Projekte kümmern, die mit der „echten“ Realität, und dann hoffe ich, dass ihr mich auch zu diesen neuen Kapiteln meines Autorenlebens begleiten werdet.

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