Kapitel 4 – Versuche

Wichtig: Die Darstellungen in diesem Text betreffen die Gefühle von individuellen, fiktiven Personen. Es ist keine allgemeingültige Lehre darüber, wie asexuelle Personen Sex empfinden. Das Erleben jeder realen, asexuellen Person ist ebenfalls individuell und kann mit der nachfolgenden Beschreibung übereinstimmen oder wesentlich davon abweichen. Für Interessierte erzähle ich auf meinem Insta @schreibhexe jeweils montags mehr dazu .

Triggerwarnung: Sexszenen, Ace-Phobie


Kapitel 4 – Versuche

Gegenwart

Jasmin knabberte an seinen Nippeln. Das funktionierte immer ganz gut. Wie erwartet zuckte Gustafs Körper unter der Berührung und ihn überkam ein Gefühl positiver Spannung. Jetzt durfte Jasmin einfach nicht aufhören, dann würde er in ein paar Minuten genug erregt sein, um in sie einzudringen. Es freute ihn, dass sie einen für beide begehbaren Weg gefunden hatten, um dieses Problem zu lösen. Jasmin war ihm wichtig und sie sollte genauso zufrieden sein wie er selbst. Ansonsten hätte das alles keinen Sinn gehabt.
Jasmin hielt inne. «Und?», wollte sie wissen.
«Funktioniert, weitermachen», sagte er.
Sie widmete sich wieder ihrer Aufgabe und er spürte, wie sein Körper immer stärker reagierte, während Jasmin in eine fast tranceartige Ekstase zu verfallen schien. Unvermittelt tastete sie mit der Hand nach seinem Geschlechtsorgan und sogleich stieß sie ein vergnügtes Kichern aus. Sie schwang ein Bein über seinen Körper, so dass sie auf ihm saß und begann dann, ihre Position anzupassen, bis alles passte und ihre beiden Körper miteinander verschmolzen.
Jasmin stöhnte animalisch. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen vergaß sie die Welt völlig. Sie ging in der Sache auf wie eine überschwängliche Blume und Gustaf freute sich für sie. Ihm selbst hingegen gefiel zwar die enorme Nähe, die in diesem Moment zwischen ihnen herrschte, aber seine Gefühle beschränkten sich auf körperliche Reize. Er roch den Schweiß, den sie beide verströmten, bemerkte, wie die Luft im Zimmer allmählich stickiger wurde und außerdem blendete ihn das Licht.
Er hatte heute einen kreativen Flow unterbrochen, um Jasmin zu treffen, und am liebsten wäre er nach dem Abendessen einfach mit der Gitarre und einem Schreibblock auf das Sofa gesessen, um das Stück fertig zu komponieren. Außerdem lief im Bandchat eine Diskussion über die Setlist für die kommende Tournee. Das mussten sie jetzt festlegen, damit sie entsprechend Proben konnten. Gustaf hätte sofort damit loslegen können, aber er wusste auch, dass hetzen nichts nützte. Den Haushalt hatte er auch ein wenig schleifen lassen in den letzten Tagen, wegen dem kreativen Flow.
All das ging ihm durch den Kopf, als Jasmin einen letzten, sehr lauten Seufzer ausstieß. Es klang, als stünde sie kurz vor einem schmerzhaften Tod, doch sie sagte nichts, wartete einfach nur, bis ihre Stimme verklungen war, ehe sie sich langsam von Gustaf löste.
Gustaf hatte eigentlich damit gerechnet, erleichtert zu sein, aber stattdessen fühlte er sich nicht wesentlich anders als vorher.
Jasmin ließ sich auf ihre Bettseite sinken. Weil er nicht sicher war, ob ihre beängstigenden Geräusche nun etwas Positives oder etwas Negatives bedeutet hatten, drehte er sich zu ihr um.
«Alles in Ordnung?», wollte er wissen.
Sie sah ihn sehr lange an, aber sie antwortete nicht. Stattdessen stellte sie eine Gegenfrage. «Hat es dir gefallen?»
Gustaf war ein wenig verwirrt. War nicht er derjenige, der sie fragen sollte, nach dieser unheimlichen Show?
«Sag mir zuerst, ob es dir gut geht», sagte er.
«Nein, es geht mir beschissen», entgegnete sie. «Jetzt sag schon.»
«Das verstehe ich nicht.»
«Sag.»
«Ja.»
«Wirklich?»
«Ja.»
Sie ließ sich auf den Rücken fallen und seufzte laut. «Wie weiß ich, ob das stimmt?»
«Was?» Gustaf wusste langsam nicht mehr, was er sagen sollte. Er hatte doch kaum etwas gemacht, womit hatte er sie dann verletzt?
«Du weißt genau, was ich meine.» Die Enttäuschung war ihrer Stimme deutlich anzuhören.
«Nein», erwiderte er, weil es die Wahrheit war. «Hör zu, wenn ich dich verletzt habe, tut es mir leid, ich dachte, du würdest es kommunizieren, wenn etwas nicht in Ordnung ist …»
«Oh Mann, Gustaf!», rief sie aus und setzte sich auf. «Du könntest mich nicht einmal verletzen, wenn du es versuchen würdest, so passiv wie du bist!»
Er stützte sich seitlich auf einen Arm. «Das ist leider alles, was ich dir geben kann, Jasmin. Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt, was das betrifft.»
«Das kann nicht dein Ernst sein», erwiderte sie.
Gustaf setzte sich ebenfalls auf. «Wir haben inzwischen regelmäßig Sex. Immer, wenn wir uns treffen, um genau zu sein. Das wolltest du doch? Was gefällt dir jetzt daran wieder nicht?»
Sie machte eine wegwerfende Geste mit der Hand. «Das ist kein … Mensch, Gustaf, es macht keinen Spaß, wenn du geistig abwesend bist dabei. Ganz ehrlich? Ich fühle mich, als würde ich es mit einem Roboter tun! Es ist irgendwie sinnlos!»
Dem hatte Gustaf nichts entgegenzusetzen. Er war nun einmal keine Ausgeburt an Leidenschaft, jedenfalls nicht, wenn der Anblick der anderen Person es nicht in ihm auslöste. Was wiederum praktisch nie passierte. Auch nicht, wenn er wirklich echte Gefühle für die Person hegte.
«Außerdem», fuhr Jasmin fort, «sagst du mir nie, dass du mich schön findest oder mich begehrst oder … Du weißt schon, ab und zu mal ein Spruch, eine Bemerkung, irgendetwas. Ist das zu viel verlangt?»
Gustaf blickte nach unten, damit er sie nicht ansehen musste. Er hielt es für das Klügste, bei der Wahrheit zu bleiben. Eine Wahrheit, die bereits so viele seiner vergangenen Partner und Partnerinnen vertrieben hatte.
«Es wäre gelogen», erklärte er leise.
«Siehst du, das verstehe ich nicht», sagte Jasmin und schluckte den Kloss in ihrem Hals herunter.
Er sah sie wieder an. «Wie ich es geahnt habe», entgegnete er und stand auf, um seine Klamotten einzusammeln.
«Gustaf», sagte sie mit erstickter Stimme. «Ich will eine Lösung für das Problem finden, aber du musst mir helfen. Was brauchst du? Ein Foto, einer Frau, die genau dein Typ ist? Schöne Unterwäsche, Hilfsmittel?»
«Hör auf, Jasmin», sagte er während er sich anzog, ohne aufzublicken.
«Was kann ich denn sonst tun?», fragte sie verzweifelt.
«Das Problem ist, dass du nicht damit umgehen kannst», sagte er. «Es ist genau das eingetreten, was ich befürchtet habe. Dasselbe wie bei allen anderen.» Er zog das T-Shirt über und richtete sich auf. Jasmins Augen waren verwässert und ihre Lippen zitterten. «Für euch gehören Liebe und Sex zusammen“, fuhr er fort, «aber für mich nicht.»
«Manchmal würde ich echt gerne in deinen Kopf sehen», sagte sie mit Grabesstimme.
«Leb wohl, Jasmin», gab er zurück und verließ ihre Wohnung.
Dieses Mal versuchte sie nicht, ihn aufzuhalten. Es hätte auch nichts gebracht. Gustaf eilte mit zielstrebigen Schritten zur U-Bahn-Station. In dem klapperigen Zug fiel ihm wieder einmal die triste Einsamkeit auf, die durch diese Stadt waberte wie der Smog. Er umschmeichelte die wenigen Menschen, die um diese Zeit noch unterwegs waren, wie ein unangenehmer Geruch. Eine Frau mittleren Alters mit Businessoutfit und einer Sorgenfalte auf der Stirn. Ein junger Mann mit weiter Hose, so vertieft in seine Musik, dass er den Bettler nicht bemerkte, der sich ihm näherte. Gustaf hatte sich schon sehr lange nicht mehr so verbunden mit diesen Leuten gefühlt wie heute.


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