Kapitel 5 – Wut

Gegenwart

Gustaf saß mit der Gitarre, einem Schreibblock und einem Aufnahmegerät auf dem Fußboden seines Wohnzimmers und versuchte, die Textfetzen auf dem Papier mit einer brauchbaren Melodie zusammenzubringen. Immer wieder musste er unterbrechen, weil er den Faden verlor.
Der Streit mit Jasmin ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte wirklich starke Gefühle für sie und wollte nicht, dass es vorbei war. Es musste einfach einen Weg geben. Sex sollte nicht alles sein, was zählte, es sollte noch nicht einmal relevant sein. Jasmin sah das aber nun einmal ein wenig anders und Gustaf hatte keine Ahnung, wie er sich darauf einstellen sollte. Vielleicht war es auch besser so. Doch Gustaf wollte einfach nicht glauben, dass das ein so großes Hindernis war, nicht dieses Mal. Alles andere stimmte doch, oder etwa nicht?
Er begann gerade wieder Gitarre zu spielen, als sein Handy auf dem Tisch vibrierte. Zuerst wollte Gustaf es ignorieren, aber das Geräusch ging ihm dermaßen auf die Nerven, dass er doch nach dem Telefon griff. Er hielt einen Moment inne, als er den Namen auf dem Display sah, doch das Telefon schepperte munter weiter. Er drückte den Annahmeknopf.
«Hi», sagte Jasmin.
«Hey», antwortete er.
«Wie geht es dir?»
Eine Floskel. Er verstand nicht, warum die Leute dauernd mit diesen leeren Worthülsen um sich werfen mussten.
«Was willst du?», fragte er deshalb.
«Reden», antwortete sie.
Gustaf atmete so leise wie möglich ein und aus, um sich zu sammeln, doch ehe er etwas sagen konnte, erklang Jasmins Stimme erneut.
«Und … Mich entschuldigen», erklärte sie. «Es tut mir leid, dass ich … Dich mit einem Roboter verglichen habe. Ich schätze, ich war etwas überfordert mit der ganzen Situation.»
«Schon vergessen», sagte er leise. «Nun, weißt du, ich wünschte mir, es würde funktionieren mit uns. Aber ich habe keine Ahnung, wie.»
«Ich werde mich zurücknehmen», antwortete sie schnell.
Das überraschte ihn. Sie, die so genau wusste, was sie wollte. Sie, die sich einfach nahm, was sie brauchte.
«Wie meinst du das?», fragte er verunsichert.
«Ich werde mich zusammenreißen», führte sie aus. «Du hast recht, es sollte nicht so sein, dass das zwischen uns steht. Es darf nicht alles kaputtgehen deswegen. Deshalb werde ich mich zurückhalten. Ich möchte, dass es für dich auch in Ordnung ist.»
Nun musste er ein wenig lächeln. «Jasmin, es war für mich die ganze Zeit in Ordnung. Es wird bloß nicht mehr sein, ich kann das nicht steuern.» Ihm fiel etwas ein. «Ich könnte aktiver sein», erklärte er. Schließlich gab es keine Regel, dass man einen Körper anziehend finden musste dafür.
«Nein, hör mal, ich will nicht, dass du dich zu irgendetwas gedrängt fühlst, das bringt nichts.»
«Dann darfst du mir aber auch keinen Mangel an Leidenschaft vorwerfen.»
«Nie wieder, versprochen.»
«Okay.»
«Okay?»
«Lass es uns versuchen», stellte er klar.
«Ja, das würde ich gerne.» Sie klang beinahe erleichtert.
«Ich komme am Freitag ins Johnny’s», sagte er.
«Gut.»
«Bis dann.»
«Bis dann.»

An diesem Freitag war das Johnny’s beinahe leer. Lediglich die Dartspieler-Gruppe rund um einen Stammkunden namens Mort saß in der hinteren Ecke der Halbmondbar und auf der anderen Seite unterhielten sich zwei Frauen angeregt miteinander. Jasmin stand neben der Dartgruppe hinter der Bar und beteiligte sich gelegentlich an der dortigen Diskussion. Gustaf ging zu der Ecke, um sie zu begrüßen.
Jasmin kam kurz in den Gästeraum und umarmte ihn.
«Ich dachte schon, du kommst nicht mehr», sagte sie.
«Wir hatten noch eine Bandprobe», erklärte er. «Hat sich ein bisschen hingezogen.»
Gustaf setzte sich neben der Dartgruppe auf einen freien Hocker.
«Hallo zusammen», sagte er.
Kollektives «Hi» antwortete ihm.
Jasmin holte ihm ein Bier. Einen Moment lang standen sie sich schweigend gegenüber und keiner wusste so recht, wo er anfangen sollte.
«Wie war dein Tag?», fragte Gustaf, weil er es sinnvoll fand, sich so normal wie möglich zu verhalten.
«Gut», sagte sie. «Ich habe Fotos von einer jungen Frauenband gemacht. Das war eine total angenehme Gesellschaft. Die Bilder sind richtig schön geworden, ich kann sie dir später zeigen, wenn du willst.»
«Auf jeden Fall», antwortete er.
«Und wie laufen eure Tourvorbereitungen?», fragte sie.
Sie wurden unterbrochen, als die Tür des Lokals mit viel Gepolter und Geschepper aufging. Ein junger Mann mit Polohemd und aufgestylter Frisur trat hindurch und wackelte zur Bar. Dort baute er sich mit geschwellter Brust auf und rief: «Bekommt man hier noch was zu trinken, oder was?»
Jasmin ging gemütlich zu ihm hinüber.
«Wenn du anständig mit mir redest, gerne», sagte sie bestimmt.
«Willst du etwas verkaufen oder nicht, Schlampe?», bellte der Typ.
«Vorsicht!», rief Gustaf dem Fremden zu. Er hatte es bereits geahnt, als der Kerl die Bar betreten hatte, doch jetzt standen alle seine Sinne auf Alarm.
Jasmin warf Gustaf einen mahnenden Blick zu. «Keine Sorge, ich mach das schon», sagte sie und drehte sich wieder zu dem ungehobelten Kerl um. «Wenn du keinen freundlicheren Ton anschlägst, bekommst du hier gar nichts. Mach dich vom Acker.»
Der Mann taumelte einen Schritt näher. «Ich will jetzt etwas zu trinken. Vodka, aber ein bisschen plötzlich!»
«Hör zu, ich will keinen Ärger hier drinnen», erklärte Jasmin ruhig. «Ich gebe dir deinen Vodka und dann will ich Ruhe, ja?»
«Sei nicht so frech, Mädchen!», rief der Fremde aus.
Sein Arm schnellte hervor und seine Faust traf Jasmin direkt ins Auge. Ihr Kopf fuhr zur Seite und Gustaf hörte, wie sie nach Luft schnappte, bevor sie wieder aufsah. Sie presste die Hand auf die wunde Stelle und verharrte einen Moment mit abgewandtem Gesicht.
Das reichte Gustaf. Er erhob sich von seinem Hocker und tippte dem Brutalo auf die Schulter. Dieser drehte sich um und sah Gustaf herablassend an.
«Such dir gefälligst jemanden, der gleich stark ist», fauchte Gustaf. Wenn er eins nicht haben konnte, war es Gewalt an Unschuldigen. Das konnte er nicht einfach so stehen lassen.
Der Fremde machte ein paar Schritte zur Seite. Gustaf trat in die entgegengesetzte Richtung. Wie die Aasgeier, schoss es ihm durch den Kopf, doch das spielte keine Rolle. Der Typ hatte es nicht anders verdient. Gustaf nickte fordernd zur Tür. Er registrierte, dass Jasmin die Szene inzwischen beobachtete, aber auch das war ihm egal. Der Fremde sollte bezahlen für das, was er soeben getan hatte.
«Du zuerst», keifte der Typ mit überheblicher Miene.
Gustaf ging in die Richtung, tat so, als würde er an dem Mann vorbeiziehen, packte ihn jedoch an der Schulter, als der nicht damit rechnete, und schubste ihn unsanft zur Tür hinaus.
Als sie den Gehsteig erreicht hatten, holte Gustaf aus und rammte dem anderen die Faust in den Bauch. Der Fremde stieß einen Wutschrei aus und krümmte sich übertrieben, doch das kümmerte Gustaf nicht. Er war inzwischen auf hundertachtzig und er würde nicht aufhören, ehe dieser Dreckskerl seine Lektion gelernt hatte.
Der Fremde richtete sich auf und wollte ausholen, doch Gustaf ergriff seine Hand zuerst und hielt ihn lange genug zurück, um ihm einen Schlag ins Gesicht zu versetzen. Der Fremde stöhnte auf und zerrte seine Hand aus Gustafs Umklammerung. Er schaffte es, Gustaf zu ohrfeigen, doch Gustaf sammelte sich sogleich wieder und holte erneut aus. Dieses Mal blutete der Fremde. Gut so.
Der Fremde machte keine Anstalten zu einem Gegenangriff mehr. Stattdessen stand er keuchend da und starrte Gustaf entrüstet an. «Du hast mir die Nase gebrochen!», rief er empört.
«Wenn du noch einmal auf meine Freundin losgehst, breche ich dir noch mehr!», bellte Gustaf zurück. Der Typ sollte ruhig Angst haben.
In diesem Moment kamen Jasmin und die anderen hinaus. Sie rannte zu Gustaf hinüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
«Gustaf!», sagte sie. Er hörte sie wie durch einen Schleier.
«Hey, hör auf.»
«Scheint ihr ja zu gefallen», keifte der Fremde.
«Halt dein freches Maul», fauchte Gustaf und trat noch einmal einen Schritt auf den Mann zu.
«Gustaf! Hey!», sagte Jasmin lauter. Der Druck ihrer Hand wurde stärker.
Auf einmal fühlte sich Gustaf, als würde eine Art Bann von ihm abfallen. Langsam drehte er sich zu Jasmin um. Sie starrte ihn schockiert und ungläubig an und da wusste er, dass er es zu weit getrieben hatte. Er hatte gerade jemanden zusammengeschlagen, um sie zu verteidigen! Das war nicht gut und ganz sicher nicht das, was sie wollte.
«Es reicht», sagte sie, doch er hörte die unterschwellige Angst aus ihrer Stimme heraus.
Der Fremde grinste frech. Er öffnete den Mund und Gustaf bereitete sich schon auf eine neue Konfrontation vor, als Mort sich zwischen ihn und den Fremden stellte.
«Gaanz ruhig, Leute!»
Gustaf entspannte sich.
Mort schritt indessen in aller Gelassenheit zu dem Fremden und legte ihm eine Hand auf den Rücken. «So, Junge, ich denke, es ist besser, wenn du nach Hause gehst.»
«Teufel, werde ich. Ich bin dem Arsch da noch etwas schuldig.» Der Fremde wollte auf Gustaf zustürmen, doch Mort hielt ihn zurück als wäre er aus Stoff. «Keine gute Idee, Junge. Sonst müssen wir die Polizei anrufen, und das wollen wir nun wirklich nicht.»
Gustafs Körper begann zu zittern. Er betete, dass es aufhörte, aber gleichzeitig wusste er, dass er es nicht kontrollieren konnte. Es war immer dasselbe. Wenn die Wut erst einmal abflaute, blieb nur noch Erschöpfung und ein undefinierbarer Schrecken zurück.
Ein zweiter Mann aus der Dartgruppe trat auf seine andere Seite und legte ihm ebenfalls eine Hand auf die Schulter. Das hatte etwas Beruhigendes. «Hey, alles in Ordnung, Mann», sagte er sehr ernst. «Alles in Ordnung, lass gut sein.»
Gustaf wollte schon etwas entgegnen, doch der wissende, verständnisvolle Blick des Mannes brachte ihn zum Schweigen. Endlich ebbte auch der letzte Rest des Wahnsinns ab und Gustaf konnte wieder klar sehen.
Sofort drehte er sich zu Jasmin um. «Geht es dir gut?»
«Ja, nur ein leichtes Brennen, das ist in ein paar Stunden vorbei», antwortete sie.

An diesem Abend gingen sie zu ihm nach Hause. Jasmin bestand darauf, da ihrer Meinung nach sonst immer nur er den weiten Weg hatte.
Als sie auf dem Sofa saßen und sich einen Konzertfilm anschauten, sprach sie ihn darauf an. «Das, was da in der Bar passiert ist», begann sie zögerlich. «Das hat mich etwas verwirrt.»
Gustaf sah sie an. Sie wirkte vollkommen ruhig. Was sollte er ihr bloß erzählen? Dass er an solchen Wutanfällen litt, seit er denken konnte? Dass er manchmal die Kontrolle über seine Gefühle verlor und ihm das unheimlich war?
«Gustaf», beharrte sie. «Bitte rede mit mir. Ich würde gerne verstehen … Ich meine, dachtest du wirklich, ich würde mich darüber freuen?»
Das war eine gute Vorlage. «Nein», antwortete er. «Ehrlich gesagt, dachte ich nicht viel in dem Moment.»
«Kommt sowas öfter vor?»
«Manchmal», gab er zu.
«Weißt du, woran das liegt oder … Ich meine, vielleicht würde es helfen …»
«Ja, weiß ich. Also, das heißt, ich habe eine Vermutung. Aber es nützt nichts, das zu wissen.»
Es hatte mit seiner Kindheit zu tun. Mit seinem Vater, bestimmt. Nur der alte Sack konnte die Wut und den Schmerz verursacht haben, den Gustaf in sich trug, denn seine Mutter und seine Schwester waren es nicht gewesen.
Jasmin blickte zu Boden und dachte lange nach. Gustaf fragte sich, was in diesem Moment in ihr vorging. Wie länger sie schwieg, umso sicherer wurde er, dass das nicht das einzige war, das sie beschäftigte. Bestimmt hatte sie auch die Narbe an seinem Oberschenkel gesehen. Sie hatte seinen nackten Körper so oft ausführlich erforscht, sie musste sie gesehen haben. Warum hatte sie bisher nichts gesagt?
«Es beunruhigt dich, nicht wahr?», sagte er.
«Ja», antwortete sie.
«Die Narbe auch, oder?»
«Hängt sie damit zusammen?», fragte sie vorsichtig.
«Nein», sagte er wahrheitsgemäß. «Das heißt, ich weiß es nicht so genau.» Darüber konnte er jetzt nicht sprechen. Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu, doch Jasmin ließ sich nicht so leicht abwimmeln.
«Gustaf?»
«Was, denn?», fragte er so sanft wie möglich.
«Muss ich Angst haben vor dir?» Sie versuchte, es wie einen Witz klingen zu lassen, aber das gelang ihr nicht.
Gustaf drehte sich zu ihr um und nahm ihre Hände in seine. «Hör zu, ich kann jetzt gerade nicht darüber reden, okay?», sagte er. «Aber ich kann dir versichern, dass ich niemals, hörst du, nie, auf dich losgehen würde. Auf niemanden, den ich mag. Das musst du mir glauben.»
Sie sah ihn eindringlich an, doch dann nickte sie ernst. «Okay.»


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