Kapitel 6 – Ein schrecklicher Fehler

Gegenwart

Einige Wochen lang lief die Beziehung zwischen Gustaf und Jasmin ganz gut. Sie sprach Gustaf nicht mehr auf seine Vergangenheit an und er ließ es dabei beruhen.
Die beiden fuhren damit fort, London zu besichtigen, diskutierten über Gott und die Welt und verbrachten ganze Nachmittage faul auf den Wiesen der unzähligen Parks der Stadt. Jasmin schoss weiter «heimlich» Bilder von Gustaf und wenn er sie dabei erwischte – also fast immer – zeigte sie ihm das Foto und erläuterte ihm die Details, die nun genau dieses eine Bild so besonders machten.
An regnerischen Tagen saßen sie meistens bei Gustaf zu Hause auf dem Sofa und zogen sich Konzertfilme oder Musikdokus rein. Gustaf erheiterte Jasmin dann jeweils mit Zusatzinformationen, sei es zur Gesangstechnik eines Musikers oder irgendwelchen Geschichten, die in der Doku nicht erwähnt wurden.
Was die andere Sache betraf: Nun, es funktionierte. Jasmin schien endlich zu akzeptieren, dass sie an Gustafs Empfindungen nichts ändern konnte und schaffte sich ihren Spaß im Bett, indem sie mit immer wieder neuen Ideen ankam. Gustaf machte meistens einfach mit. Es war nicht so, dass es ihm gar nicht gefiel, aber es überkam ihn eben auch keine überbordende Freude. Das war auch ganz gut so, denn einer musste ja bei klarem Verstand bleiben, während Jasmin jeweils regelrecht in eine andere Dimension abzutauchen schien.
Gustaf konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so erfüllt gefühlt hatte, als er eines Abends wie vereinbart bei Jasmin klingelte. Statt die Tür zu öffnen, rief sie ihm zu, er solle hereinkommen. Gustaf ging davon aus, dass sie gerade auf der Toilette saß oder in der hintersten Ecke eines Küchenschranks herumkramte, also trat er ein.
Zu seinen Füssen befand sich ein Weg aus hunderten von künstlichen Blütenblättern. Er fragte sich, ob er etwas verpasst hatte, während er die Schuhe abstreifte und die Jacke darauf warf. Nach kurzem Zögern folgte er dem Weg ins Wohnzimmer. Dort stand Jasmin im Halbdunkel neben dem Salontisch, auf dem zwei Weingläser warteten. Eine Reihe von Kerzen erhellte den Bereich um sie herum und warf ihren schwachen Schein auf Jasmins Körper. Sie trug reich verzierte Spitzenunterwäsche, die nach Gustafs Einschätzung ziemlich teuer gewesen sein musste. Zu teuer für sie.
«Was ist los?», fragte er ein wenig verwirrt.
Sie trat zu ihm und legte die Hände auf seine Schultern. «Ich dachte, wir könnten mal etwas Neues ausprobieren», sagte sie. «Etwas … Dramatisches.»
«Dramatisch», wiederholte er und sah sich misstrauisch um. Das traf es ganz gut. Er kam sich vor wie in einem schlechten Film.
«Gefällt es dir?», fragte sie und führte seine Hände zu ihren Brüsten.
Gustaf ergriff Jasmins Unterarme und führte sie langsam von sich weg. «Jasmin, was soll das werden?», wollte er wissen.
«Ist das nicht offensichtlich?», säuselte sie. «Das hier ist ein Raum für Kreativität.»
«Kreativität?»
«Ja, damit wir unserer Fantasie freien Lauf lassen können …»
Er ließ sie los, atmete tief durch und schaltete das Licht ein.
«Es funktioniert nicht», bemerkte Jasmin zerknirscht.
«Jasmin, das …» Er rang nach Worten. Er hatte geglaubt, sie hätte es endlich verstanden, aber das war wohl ein Irrtum gewesen. «Was soll denn funktionieren? Wenn du mit mir schlafen willst, brauchst du es bloß zu sagen.»
Sie nahm eines der leeren Weingläser und spielte damit herum. Als sie wieder sprach, klang sie fast traurig. «Zugegeben hatte ich gehofft, dass die richtige Kulisse dich anregen könnte. Naja, zu … Zu etwas Intuitivem.»
Gustaf stieß einen Seufzer aus. Er machte sich nicht die Mühe, das Geräusch, das dazugehörte, zurückzuhalten.
«Jasmin», sagte er. «Ich dachte, wir wären inzwischen darüber hinweg. Das alles», er deutete mit einer ausladenden Geste um sich, «ist vollkommen sinnlos.»
«Das glaube ich einfach nicht», sagte sie und trat erneut näher. «Es kann doch nicht sein, dass es nichts gibt, was etwas in dir auslöst, nichts, was dich anmacht oder … Ach, ich weiß doch auch nicht, irgendetwas musst du doch empfinden, wenn du das hier siehst!» Sie deutete energielos auf ihren Körper.
Tatsächlich fand er sie durchaus schön, aber das war für ihn wirklich kein Grund, mit ihr ins Bett zu steigen. Jedenfalls nicht aus Eigeninitiative. Ihm fehlte einfach das Bedürfnis danach, mit ihrem Körper irgendetwas anderes zu tun, als ihn anzusehen.
Er überlegte kurz, entschied dann aber, das nicht noch einmal auszuführen. Es hatte einfach keinen Sinn. Wenn sie es jetzt noch nicht verstand, würde sie es nie verstehen.
«So kann es nicht weitergehen», sagte er schließlich.
«Was?», fragte sie entgeistert.
Er zwang sich, ihr in die Augen zu blicken. «Ich sage, es ist vorbei.»
Einen Moment lang schwieg Jasmin einfach nur, während sich ein Schatten über ihr Gesicht legte und ihr das Blut aus den Wangen entwich.
«Gustaf, ich wollte nur …»
«Du wolltest helfen, ich weiß. Aber es gibt nichts zu helfen, Jasmin! Es ist keine verdammte Krankheit, die man heilen kann!»
«Das habe ich nie gesagt!», entgegnete sie. «Ich dachte, wenn ich deine Blockade lösen könnte, dann würde es …»
«Was?», fuhr er ihr ins Wort. «Besser? Sprich es ruhig aus!»
«Anders.»
Gustaf verlor nun auch noch den letzten Nerv. Es machte ihn wahnsinnig, dass auch diese Beziehung daran scheitern musste, genau wie alle anderen. Warum konnten sie ihn nicht einfach so akzeptieren, wie er nun einmal war?
«Sieh es endlich ein, Jasmin», brachte er mit einem letzten Rest Selbstbeherrschung hervor. «Es wird niemals anders sein. Es gibt nichts, was du oder ich ändern könnten und ich will es auch gar nicht! Ich will einfach nur meine Ruhe.»
Er spürte, wie wieder diese unsägliche Wut in ihm brodelte, gepaart mit diesem undefinierbaren, umfassenden Schmerz.
«Für mich ist das auch nicht gerade einfach!», rief Jasmin aus. «Mensch, ich brauche nun einmal ein bisschen Sinnlichkeit und einen Mann im Bett und keine Maschine!»
«Ach, dann bin ich also kein richtiger Mann für dich, gut zu wissen», blaffte er zurück.
«So habe ich das nicht gemeint», sagte sie schnell, aber im selben Moment musste ihr klarwerden, dass es zu spät war, denn ihre Worte verebbten im Nichts.
«Weißt du, du bist nicht die erste, die das macht», erklärte er. «Ihr denkt, ihr müsst einfach nur den richtigen Knopf finden und dann funktioniert alles so, wie ihr euch das vorstellt. Das ist aber nicht die Realität.»
«Das stimmt nicht», beharrte sie. «Ich habe nie versucht, dich zu ändern, ich wollte nur die Situation verbessern.»
Gustaf machte eine wegwerfende Geste. «Ich bin Teil der Situation, kapierst du das denn nicht?» Er hielt es nicht mehr aus. Er musste hier raus und zwar bald.
Jasmin stand da wie vom Blitz getroffen. Zitternd und ratlos. «Es … Es tut mir leid», stammelte sie. «Ich … Gustaf, ich wollte dir nie wehtun, bitte, das … Glaub mir das, bitte.»
«Hör zu, ich werde jetzt gehen», sagte er und seine Stimme verließ ihn fast dabei. «Ich mag dich wirklich sehr, aber ich kann das einfach nicht mehr. Es geht nicht. Du wirst jemanden finden, der besser zu dir passt.»
«Gustaf», sagte sie mit erstickter Stimme, aber sie hielt ihn nicht auf, als er sich umdrehte, in seine Schuhe schlüpfte und mit der Jacke auf dem Arm nach draußen ging.
Die kalte Nachtluft schlug ihm entgegen. Er zog die Jacke an, weil es regnete. Der U-Bahnhof war nicht weit weg, doch Gustaf ging in die andere Richtung und wanderte eine Weile lang ziellos umher. Wieder einmal schien er die einzige Menschenseele in diesen gottverlassenen Straßen zu sein und weil der Regen es sowieso verbarg, ließ er zu, dass sich seine Anspannung in Tränen entlud.


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