Kapitel 7 – „Wir müssen reden“

Gegenwart

Scarlett räumte gerade die letzte Schüssel in den Schrank, als sie im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Das konnte nur Stephen sein. Sie hatte ihn gar nicht nach Hause kommen gehört, aber bei all dem Geklapper und Geschepper, das die Putzaktion verursacht hatte, verwunderte sie das nicht sonderlich.
Sie wandte sich zu ihm um. Er lehnte im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt.
«Hey», begrüßte sie ihn. «Alles perfekt sauber», erklärte sie. «Ich dachte, wir könnten wieder einmal etwas richtig Schönes kochen, eine Gemüselasagne oder so.»
Sein Gesicht blieb geradezu unheimlich ruhig, während er sie von oben bis unten musterte, als ob er sie gar nicht kennen würde. Scarlett spürte, dass etwas nicht stimmte und es ärgerte sie, dass er nicht einfach den Mund aufmachte.
«Stimmt etwas nicht?», fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
«Wir müssen reden», konstatierte er mit Grabesstimme.
Scarlett ließ die Arme sinken und verschränkte sie ebenfalls vor der Brust. «Worüber denn?»
Nun wich er ihrem Blick aus. Das bedeutete, dass es ihm unangenehm war. Sie hoffte bloß, es ginge nicht wieder um die Sache mit Goldie Aberdeen. Das hatten sie doch geklärt oder etwa nicht?
«Ich will die Scheidung», sagte Stephen in die Stille hinein.
Scarletts Herz erstarrte zu Eis. Einen Moment lang betrachtete sie ihren Mann wie durch einen Schleier, der alles überdeckte und unscharf werden ließ.
«Was?» war das einzige, das sie herausbrachte, als sie ihre Stimme endlich wiederfand.
«Ich kann nicht mehr, Scarlett», erklärte er. «Ich halte das einfach nicht mehr aus. So kann es nicht weitergehen.»
«Ist es wegen Goldie?», fragte sie, fühlte sich aber immer noch wie versteinert.
Stephen seufzte langgezogen. Er senkte den Blick.
«Ich habe dir doch gesagt, das hat nichts zu bedeuten», fuhr sie fort, von einem plötzlichen Aktionsdrang ergriffen. «Es war nur ein Kuss, nichts weiter, ich war ein wenig angetrunken und … Mensch, Stephen, was soll ich tun, außer dich um Verzeihung zu bitten? Ich kann es nun einmal nicht rückgängig …»
Er hob die Hand und Scarlett hielt inne. Er war noch nie der Typ für viele Worte gewesen, doch heute kam Scarlett seine Zurückhaltung so schrecklich vor wie noch nie. Das durfte nicht wahr sein. Er konnte sie doch nicht wirklich verlassen wollen!
«Es ist nicht nur das», sagte er langsam. «Es ist die ganze Situation, sieh dich doch einmal um. Wir leben nur noch aneinander vorbei. Du machst mit einem anderen herum, wenn du unterwegs bist, und ich erfahre es über einen Dritten! Ich schlage die Zeit im Büro tot und frage mich, wie es wäre, ein anderes Leben zu haben, Scarlett. Ich denke darüber nach, wieder auszugehen, Leute kennenzulernen, zu Reisen, verrückte Dinge zu tun. Wie früher. Stattdessen sitze ich hier und … Warte darauf, dass du Zeit für mich hast.»
Scarlett war, als hätte man ihr ein Messer in die Brust gerammt. Wut stieg in ihr auf. Wie konnte er nur so verdammt unfair sein?
«Niemand zwingt dich, sinnlos vor dich hin zu vegetieren», warf sie ihm entgegen. «Niemand hat behauptet, du müsstest zu Hause sitzen und warten! Du kannst tun und lassen was immer du willst, ich halte dich nicht auf! Ich habe nie versucht, dich von irgendetwas abzuhalten!»
«Aber du hast mich auch nie in irgendetwas unterstützt.»
«Ach, nein?», blaffte sie. «Wer hat denn ein halbes Leben lang versucht, dir zu deinem beschissenen Glück zu verhelfen? Wer hat dich mit auf Tour genommen? Wer hat dich jedem verdammten Plattenheini von hier bis Russland vorgestellt, der uns über den Weg gelaufen ist? Und wer hat am Ende entschieden, doch lieber im Büro zu bleiben? Hör bloß auf, die Wahrheit so zu verdrehen!»
«Die Wahrheit ist, dass wir jeden Tag nur noch streiten!», rief er aus. «Und wenn wir das nicht tun, sehen wir uns kaum! Das ist doch keine Beziehung, das …»
«Was denn?», forderte sie.
Er atmete schwer aus und machte eine abweisende Geste. «Keine Ahnung, vergiss es. Mein Entschluss steht fest. Ich werde die Papiere vorbereiten.»
Als er sich abwandte, um zu gehen, wurde Scarlett klar, was sie soeben getan hatte. Sie hatte ihn aufhalten wollen, doch stattdessen hatte sie ihn nur noch weiter weg gestoßen. Genauso, wie sie es immer tat. Mit einigen schnellen Schritten war sie bei ihm und legte ihm eine Hand auf die Wange.
«Stephen, warte», sagte sie. «Hey, es tut mir leid, ich wollte nicht … Ich will, dass wir wieder glücklich sind, ich will, dass alles wieder normal wird.»
«Es gibt kein Normal, Scarlett», sagte er mit erstickter Stimme.
«Bitte, bleib hier, lass uns reden», erwiderte sie. «Ich tue alles, was du willst, aber bitte geh nicht.»
«Und wie lange wird es dieses Mal halten?», fragte er traurig.
Darauf wusste Scarlett keine Antwort. Ja, sie hatte gewiss einige Versprechen gebrochen in den letzten fünfzehn Jahren, aber sie hatte immer versucht, es wieder gutzumachen. Warum reichte das auf einmal nicht mehr?
«Stephen», keuchte sie, während heiße Tränen sich ihren Weg auf ihre Wangen bahnten. «Bitte.»
«Es geht nicht, Scarlett», flüsterte er schwer. «Es ist einfach zu viel, verstehst du das denn nicht? Ich zerbreche, wenn ich so weiterleben muss.» Damit schob er ihre Hand beiseite und ging davon.
Scarlett folgte ihm nicht mehr. Sie hätte ohnehin nicht gewusst, was sie noch hätte sagen sollen.
Die Haustür knallte zu. Scarlett zuckte zusammen und dann ließ sie sich an Ort und Stelle auf den Boden sinken und weinte hemmungslos. Das hatte sie nicht gewollt. Nicht das. Wie sollte sie leben ohne ihn? Wie konnte sie einen Ort «zu Hause» nennen, an dem niemand auf sie wartete? Nein, bestimmt würde er ihr morgen erklären, es wäre alles bloß eine wahnwitzige Idee gewesen, weil er noch sauer war wegen Goldie. Der Gedanke hätte Scarlett zum Lachen gebracht, wenn sie nicht gewusst hätte, dass er völlig absurd war. Stephen redete nie Unsinn. Einen solchen Wunsch wie eine Scheidung hätte er niemals ausgesprochen, wenn er davor nicht lange darüber nachgedacht hätte. Er meinte es genau so, wie er es gesagt hatte, und Scarlett hätte ihn am liebsten irgendwo festgebunden.
Seine anderen Worte hatten sich jedoch genauso in ihr Gehirn eingebrannt. «Ich zerbreche, wenn ich bleibe.» Zerbrechen. Und sie war schuld daran. So ein Mensch hatte sie nie werden wollen und nun sass sie hier. Damit würde sie klarkommen müssen, und zwar alleine.


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