Kapitel 8 – Der Beginn

Gegenwart

Scarlett stand am Fenster und beobachtete, wie Stephen ins Taxi stieg um zu seinem Bruder zu fahren. Er hatte sämtliche Papiere vorbereitet und vollständig ausgefüllt auf den Esstisch gelegt. Scarlett brauchte nur noch zu unterschreiben. Langsam sickerte in ihr Bewusstsein, dass er das wirklich tat. Dass er nicht umkehren würde und dass er ihr nicht noch einmal verzeihen würde.
Das Taxi setzte sich in Bewegung und Scarlett wandte sich ab. Sie ging zum Tisch mit den Scheidungsunterlagen und überflog die Formulare halbherzig. Ihr Blick fiel auf den Stift, der direkt daneben lag, doch sie ergriff ihn nicht. Sie brachte es nicht über sich, noch nicht. Stattdessen schob sie die Sachen beiseite und begab sich in ihr Musikzimmer. Dort ließ sie sich in den Sessel vor dem Plattenregal fallen und studierte ihre Sammlung.
Ihre Aufmerksamkeit wanderte automatisch zu einer nicht besonders professionell gestalteten CD mit der Aufschrift «Dragonslayer». Stephens erste Band. Scarlett erinnerte sich noch ganz genau, wie sie ihn kennengelernt hatte.
Es war an einem Konzert in einem kleinen Privatkeller gewesen, das ungefähr zwanzig Freunde der beiden Bands besucht hatten. Eine davon war Dragonslayer gewesen und die andere Divine Mystery, Scarletts eigene Truppe.
Scarlett stand am Bühnenrand und beobachtete, wie die Jungs von Dragonslayer ihr Equipment aufbauten, als einer von ihnen auf sie zu trat. Er hatte das glatteste, dunkle, lange Haar, das Scarlett je gesehen hatte und war mit schmalen, weichen Gesichtszügen gesegnet.
«Verrätst du mir, woran du gerade denkst?», fragte er.
«Dasselbe wie alle anderen auch», antwortete sie nachdenklich. «Ich stelle mir vor, die Bühne wäre grösser.» Sie musste selbst ein wenig lächeln, als sie es aussprach, doch Stephen erwiderte es einfach nur.
«Wäre es nicht besser, wenn wir einfach mit dem zufrieden sein könnten, was wir haben?», überlegte er.
«Und ein Leben lang mit einem frustrierenden Kellner-Job in diesem Loch von einer Stadt feststecken?», fragte sie zurück.
Er nickte. «Okay, kellnern ist vielleicht nicht so toll. Aber wenn man einen Job hätte, mit dem man zufrieden sein kann. Und was die Stadt betrifft, man könnte immer noch reisen.»
Sie ließ seine Worte einen Moment lang wirken. Tatsächlich hatte sie diesen Gedanken auch schon gehabt, aber sie war überzeugt davon, dass es diesen «zufriedenstellenden Job» für sie nicht gab.
«Nein», sagte sie schließlich. «Das wäre nur ein halbes Leben für mich. Ich könnte niemals mit irgendetwas anderem glücklich werden. Entweder der Traum geht in Erfüllung oder ich könnte genauso gut tot sein, es gibt keine Kompromisslösung.»
«Dann wünsche ich dir viel Glück», entgegnete er, doch er klang aufrichtig und freundlich dabei. Und leiser, wie zu sich selbst, fügte er hinzu: «Und mir auch.»
«Vielleicht haben wir auch beide Glück», entgegnete sie.
Er sah überrascht auf, aber im selben Moment rief ein Kollege nach ihm wegen irgendeinem Kabel, um das er sich kümmern sollte.
«Wir sehen uns später», sagte er und zwinkerte ihr zu.
Nachdem das Konzert zu Ende war blieben sie noch eine Weile, tranken und redeten. Stephen kam tatsächlich noch einmal zu ihr und als sich die Gesellschaft allmählich auflöste, wollte er ihre Telefonnummer wissen.

Einige Monate später gingen die beiden Bands gemeinsam auf Tournee. Die Eltern des Divine-Mystery-Gitarristen Aiden besaßen einen Van, in den sie die Instrumente, die Verstärker und die Kabel packten und die Bandmitglieder flankierten diesen «Tourbus» mit zwei Privatautos. Die meiste Zeit fuhr Aiden den Van, doch manchmal, wenn Aiden besonders müde war, übernahm auch Stephen.
Scarlett und Stephen waren beim Tourstart bereits ein Paar und für Scarlett war es die bis dahin schönste Zeit ihres Lebens. Sie bespielten verruchte Clubs und abgehalfterte Kneipen, Pubs und Kellerbars, von Dublin über Belfast, Glasgow und Edinburgh bis nach London und zurück.
Sie erzählte ihm nichts von ihren gelegentlichen Ausrastern. Manchmal verlor sie die Kontrolle über ihre Gefühle. Sie wusste nicht genau warum oder was sie dagegen tun konnte, aber sie hielt es nicht für wichtig genug. Solange nichts passierte, war ja alles in Ordnung, oder?
Die wichtigsten Eckpunkte ihrer Kindheit erwähnte sie allerdings: Dass ihre Mutter eine verdammte Kokserin gewesen war und ihr Vater ein Business-Hai, der sich für nichts anderes interessierte. Lange hatte Scarlett ein recht gutes Verhältnis zu ihrem Vater gehabt: er hatte sie mit Geschenken überschüttet und ihr immer wieder bestätigt, was für ein toller Mensch sie war und dass sie eines Tages viel erreichen würde. Jedoch hatte er leider andere Vorstellungen von Erfolg als sie und nachdem sie ihm von ihrem Traum erzählt hatte, hatte er sie aufs Übelste beleidigt und in ihrem Zimmer eingeschlossen, damit sie zur Besinnung komme. Scarlett war abgehauen, sobald sie das Geld zusammen gehabt hatte. Seitdem lebte sie in einer kleinen WG mit einer Studentin zusammen.
Es war Stephen, der ihr vorschlug, zu ihm zu ziehen. Scarlett gefiel die Idee und kaum ein halbes Jahr nach ihrem Einzug bei ihm passierte es ihr zum ersten Mal in seiner Anwesenheit.
Sie kochte ein ausgiebiges Menü, weil sie gutes Essen zu zweit romantisch fand. Dafür hatte sie Stephen extra aus der Küche verbannt. Wenn nur diese doofe Tomatendose sich öffnen ließe! Scarlett werkelte mithilfe eines Dosenöffners am Verschluss herum, doch der Deckel gab immer nur wenige Millimeter nach. Diese Dinger waren einfach nicht für Linkshänder gedacht! Sie würgte und zog an der Dose und als sie es endlich schaffte, eine passable Öffnung hervorzubringen, spickte der Deckel auf einmal auf und die Soße spritzte Scarlett ins Gesicht, auf ihr T-Shirt und einige Wandplatten.
Das war zu viel. Scarlett hatte schon während der Prozedur die Geduld verloren und sie war davon ausgegangen, einfach mit ihrem Plan weitermachen zu können, wenn das Ding erst einmal auf war. Nun lag die Hälfte des Inhalts auf der Anrichte verteilt, weshalb sie ihn nicht mehr gebrauchen und das ganze Geköch wegwerfen konnte.
Scarlett konnte nicht mehr an sich halten. Ihr Unmut wurde so groß, dass sie ein übermächtiges Bedürfnis überkam, ihren Ärger an irgendetwas auszulassen. Am besten an der Ursache des Problems. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, ergriff sie wie automatisch die Dose und schleuderte sie mit einem gewaltigen Schrei gegen eine andere Wand. Der letzte Rest der Soße platzte heraus und verteilte sich meterweit über den weißen Verputz.
Wie von Sinnen starrte Scarlett auf die Sauerei. Ihre Energiereserven waren aufgebraucht.
Mit polternden Schritten kam Stephen herangeeilt. Er starrte einen Moment lang entgeistert auf den Fleck, der nun den Boden erreicht hatte, und wandte sich dann Scarlett zu.
«Es tut mir leid», sagte sie schnell, ehe er den Mund öffnen konnte.
Stephen legte seine Hände auf ihre Oberarme. «Ist nicht schlimm», sagte er. «Hey, geht es dir gut?»
«Ich mache es wieder gut», sagte sie kraftlos und schob seine Hände weg. Sie fühlte sich wie ein Roboter, als sie einen Lappen aus dem Schrank holte und zu putzen begann.
«Hey.» Stephen hielt sie zurück. «Lass das, ich mach das schon.»
«Nein, ich habe es angerichtet, ich werde es aufräumen.»
«Scarlett.»
Sie sah ihn an.
Er nahm ihr den Lappen aus der Hand. «Hör zu, ich denke, du solltest dich ein wenig entspannen. Ich übernehme hier.»
Dafür war sie so dankbar, dass sie ihn machen ließ und im Wohnzimmer aufs Sofa plumpste. Das war nicht der Abend, den sie sich vorgestellt hatte.

Später hatte Stephen mit ihr reden wollen, doch sie hatte abgewinkt, erklärt, dass ja nun alles wieder gut wäre und sie schon damit klarkäme. Das hatte sie bis anhin schließlich auch getan. Er hatte ihr gesagt, wenn sie reden wolle, wäre er für sie da, aber sie hatte nicht darüber gesprochen. Sie hatte es nicht gekonnt. Es war ihr irgendwie zu peinlich gewesen.
Heute wusste Scarlett, dass an diesem Tag ihre Fehler begonnen hatten. Nicht, weil sie unter Daueranspannung litt, nicht, weil sie emotional instabil war, wie sie später herausgefunden hatte. Sondern, weil sie nicht mit ihm gesprochen hatte. Weil sie entweder geschwiegen oder gelogen hatte, immer wieder und wieder. Sie hatte geglaubt, sie hätte es wieder gut gemacht, nicht das mit den Tomaten, alles andere. Aber wie es schien, hatte sie sich geirrt.


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