Kapitel 9 – Das vierte Album

Vergangenheit

Man sagt, das dritte Album entscheidet darüber, ob eine Band es schafft oder nicht, aber das vierte, das vierte bringt den Erfolg. So war es auch bei Divine Mystery.
Nach dieser kleinen selbst organisierten Tour mit Freunden war eine renommierte Plattenfirma auf die Band aufmerksam geworden. Sie hatten einen Vertrag bekommen und von da an war es aufwärts gegangen. Ihre Fanbase hatte sich mit jedem Album ein wenig vergrößert, bis die Plattenfirma schließlich ein so großes Budget für Divine Mystery bereit hatte, dass sie ihnen den legendären Produzenten Frode Baardson vermittelten. Mit ihm nahm die Band ihr viertes Album «This Is The Mystery», betitelt nach dem gleichnamigen Song, auf und mit dessen Veröffentlichung schoss die Band in den Olymp ihres Genres empor.
Scarlett war zu dieser Zeit glücklicher als je zuvor. Stephen jedoch wurde mit jedem Tag bitterer.
«Du glaubst nicht, was für Neuigkeiten ich habe», sagte sie einmal, als sie nach Hause kam. «Wir sind in den Rock- und Metal-Albumcharts. Platz 5 in Großbritannien, Platz 4 in Deutschland, Platz 7 in Italien, 12 in den Niederlanden, und das beste: In Norwegen sind wir sogar die Nummer 1.»
«Wow», sagte er. «Das ist super.»
«Das ist der Hammer!», rief Scarlett, doch als er nur verhalten lächelte, bemerkte sie, dass er ihre Freude nicht teilte.
«Stimmt etwas nicht?», fragte sie vorsichtig.
«Nein, nein, alles bestens.»
Scarlett beschloss, nicht weiter nachzuhaken. Wenn er etwas auf dem Herzen hatte, war es an ihm, ob er es ihr anvertrauen wollte oder nicht.
«Ich dachte, wir könnten ausgehen», sagte sie, um die Atmosphäre aufzulockern. «Nur wir zwei in einem schönen Restaurant …»
«Ehrlich gesagt, würde ich lieber einen gemütlichen Abend zu Hause machen», erwiderte er brüsk und deutete mit dem Kinn zum Herd, wo er Wasser aufgesetzt hatte.
Scarlett suchte innerlich nach dem nächsten Kaninchenloch, weil sie es in ihrem Enthusiasmus nicht bemerkt hatte. «Okay», sagte sie schnell. «Ich bin im Musikzimmer, wenn du mich suchst.»
Stephen nickte, doch ansonsten antwortete er nicht. Scarlett hatte das Gefühl, wie erfolgreicher sie wurde, umso mehr entfernte er sich von ihr. Sie konnte nicht den Finger drauflegen, doch irgendetwas an ihrem Leben schien ihn zu stören. Ihr war klar, dass sie nur noch selten zu Hause war und dass ihre gemeinsame Zeit zunehmend abnahm.
Aber sie konnte keinen Gang zurückschalten, nicht jetzt, da alles so gut lief. Wenn sie sich nicht voll und ganz auf den Job konzentrierte, würden Divine Mystery in ein paar Jahren wieder im Pub um die Ecke landen. Scarlett jedoch, wollte die Welt. Sie wollte es mit den ganz Großen im Symphonic Metal aufnehmen, so gut sein wie sie, so viele Konzertkarten verkaufen wie sie, so viel Aufmerksamkeit bekommen wie sie. Das war im Moment das Wichtigste. Mit Stephen würde sich alles wieder einrenken, sobald die Situation wieder ein wenig stabiler geworden war, da war Scarlett sich sicher.

Es vergingen einige Wochen, in denen Stephen kaum ein Wort sprach. Scarlett erzählte ihm von ihren Erlebnissen mit dem Erfolg – von den Interviews, den Konzerten, den Fans, die sich um Autogramme rissen, unmöglichen Videoregisseuren und Vertretern des Plattenlabels. Stephen hörte ihr zwar zu, aber meistens kam außer einem knappen Nicken keine Antwort.
Scarlett wusste nicht, was sie tun sollte. Gerne hätte sie die Situation geändert. Sie wünschte sich, dass alles wieder so wurde, wie am Anfang und dass sie wieder glücklich sein konnten miteinander. Wie aber sollte sie wissen, was Stephen empfand, wenn er nicht mit ihr darüber sprach? Wie sollte sie sich verhalten, wenn sie nicht wusste, wie es ihm wirklich ging?
Im Sommer ging Scarlett mit der Band auf Festivaltour und wenn sie Stephen anrief, um ihn an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen, wirkte er abwesend und desinteressiert. Irgendwann hörte sie auf, ihn anzurufen.
Als ihr Manager der Band schließlich offenbarte, dass die Plattenfirma eine eigene Headlinertour für sie organisieren wollte, brach Jubel im Tourbus aus. Aiden und Scarlett sprangen mit einem Freudenschrei auf und umarmten zuerst sich und danach alle anderen. Homie war wie immer zurückhaltend, doch Scarlett erkannte an seinem Gesicht, dass er innerlich feierte. Benny und Noah drückten sich die Hände wie zwei Freunde, die gerade einen Wettbewerb gewonnen hatten und selbst Gabriel, das Küken in der Band, konnte sein Grinsen nicht unterdrücken.
«Sie bezahlen alles», erklärte der Manager. «Die Auslagen, die Organisation, die Bühnenoutfits. Ihr braucht im Grunde nur zu sagen, was ihr wollt. Die Route ist geplant, die Verträge zu den Veranstaltern sind unterwegs.»
Augenblicklich kehrte Ruhe ein zwischen den Bandmitgliedern. Aiden sah den Manager eindringlich an.
«Das heißt dann also, wir werden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt?», vergewisserte er sich.
Der Manager zuckte die Schultern. «Sie gehen davon aus, dass ihr das wollt. Da ihr das jetzt Vollzeit macht, habt ihr ja keine anderen Pläne für den Herbst …»
«Das wissen die nicht», entgegnete Aiden ein wenig ungehalten.
«Ich habe ihnen gesagt, dass ich euch lieber erst fragen würde, aber sie haben einfach abgewunken und angefangen, zu planen. Man könnte es natürlich abblasen, aber darüber werden sie nicht glücklich sein.»
Aiden machte eine wegwerfende Geste.
«Okay, okay», mischte Scarlett sich ein. «Es ist nicht so schlimm, oder? Ich meine, es stimmt, dass wir das wollen. Es stimmt, dass wir keine anderweitigen Verpflichtungen haben. Also sollten wir es einfach annehmen und uns freuen. Wir können später noch mit denen darüber diskutieren, wie so etwas in Zukunft zu laufen hat.»
«Wenn wir jetzt einfach Ja und Amen sagen, werden die uns auch danach wie Marionetten behandeln», erwiderte Aiden. «Irgendwann werden sie uns vorschreiben, wie unsere Musik zu sein hat.»
«Und das werden wir uns nicht gefallen lassen», beharrte Scarlett.
«Scarlett hat Recht», sagte Noah. «Wir sollten das Geschenk erst einmal annehmen und dann können wir beim nächsten Mal immer noch verhandeln. Sind wir doch ehrlich: Wir brauchen diese Tour.»
Aiden seufzte laut.
Der Manager blickte etwas unsicher im Bus umher, bevor er weitersprach. «Sie haben noch eine Bedingung», erklärte er.
Aiden und Scarlett tauschten einen Blick aus. Scarlett sah hilfesuchend die anderen an, doch Homie zuckte nur die Schultern, Noah und Benny wirkten genauso ratlos und Gabriel schwieg wie immer.
«Das wäre?», fragte Scarlett und stemmte die Hände in die Seiten.
«Die Vorband soll vom Label sein», sagte der Manager. «Sie schauen, wer geeignet ist.»
So etwas war zwar üblich, aber Scarlett störte sich inzwischen auch daran, dass der Band hier sämtliche Entscheidungen vorweg abgenommen worden waren. Sie musste an Stephen denken und daran, wie sehr er sich nach einer solchen Gelegenheit sehnte. Außerdem hätte sie ihn gerne dabeigehabt. Nun, sie würde wohl erneut ohne ihn auf Tour gehen müssen.


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