Kapitel 10 – Die Tour

Vergangenheit

Zwei Jahre, unzählige Tage unterwegs und ein weiteres Divine-Mystery-Album zogen ins Land, bevor die Band sich endlich von dieser Plattenfirma lösen konnte. Genau wie Aiden es vorausgesehen hatte, waren auf jene erste Headlinertour weitere Forderungen gefolgt, und man hatte einfach erwartet, dass die Bandmitglieder mitspielten, ohne zu klagen.
Schließlich war Noah mit einem Vertreter der Firma aneinander geraten, weil der Schlagzeuger sich die Haare hatte verdreaden lassen. Der Plattenheini war der Meinung gewesen, die Dreadlocks passten nicht zum Genre und seien «eine Katastrophe für das Image der Band». Noah hatte zurückgeschleudert, dass er sich von niemandem vorschreiben lassen würde, wie er herumzulaufen habe. Danach hatte die Band sich mithilfe von Anwälten und unter großem finanziellen Verlust aus dem Vertrag gekämpft.
Scarlett fühlte sich beschwingt, als sie von der Bandprobe nach Hause kam. Ihre nächste Tour war organisiert, so wie sie es wollten und wann sie es wollten. Außerdem brauchten sie das Geld nun, um die Einbußen aus dem Rechtsstreit wieder hereinzuholen, doch die Verhandlungen mit dem neuen Label liefen und Scarlett brauchte im Augenblick nur noch eine Sache zu klären.
«Hey», sagte sie, als sie Stephen im Wohnzimmer vorfand. Er saß am Tisch und tippte auf seinem Laptop herum.
Scarlett ging zu ihm und legte ihre Arme um seine Schultern.
«Hey», sagte er. «Da ist aber jemand gut drauf.»
«Jep», antwortete sie. «Wenn du eine Minute Zeit hast, würde ich dich gerne etwas fragen.»
«Sicher», sagte er und klickte die Dokumente weg, die er geöffnet hatte.
«Es muss nicht sofort sein», sagte Scarlett, weil sie ihn nicht zu irgendetwas nötigen wollte.
«Nein, ich sehe es ohnehin langsam nicht mehr», sagte er lächelnd.
«Okay.» Scarlett löste sich von ihm und lehnte sich am Tisch an.
Stephen sah sie erwartungsvoll an.
«Ich möchte, dass ihr unsere Supportband seid», erklärte sie.
«Was?», sagte er ein wenig überrascht.
«Ihr macht doch Powermetal», fuhr Scarlett fort. «Das passt.» Sie wollte ihn auch dabei haben, um wieder Zeit mit ihm verbringen und ihre Beziehung etwas aufzuwärmen, aber das wollte sie ihm nicht so direkt sagen.
Stephen schwieg. Sein Blick wanderte in die Ferne und wieder zurück zu Scarlett, während er nachdachte.
«Ich weiß nicht, ob ich so lange Urlaub machen kann im Büro», sagte er schließlich. «Und ich kann das nicht allein entscheiden, ich muss mit den Jungs reden.»
«Ist mir klar», sagte sie. «Tu das und gib mir Bescheid. Wir müssen es bis in zwei Wochen wissen, falls ihr nicht wollt.» Er wirkte noch immer sehr reserviert, weshalb sie die Hand ausstreckte und seine Wange streichelte. «Ich weiß, das kommt etwas plötzlich. Aber du warst immer für mich da und nun möchte ich dir etwas zurückgeben. Und das ist das Mindeste, was ich tun kann.»
Langsam schob er ihre Hand hinunter und hielt sie fest. «Weiß ich doch», sagte er. «Danke, Schatz.»
Er küsste sie, doch Scarlett spürte keine Leidenschaft darin. Nur Routine.

Einige Monate später kam Stephens‘ Band Wolfhunter mit Divine Mystery auf Tournee. Scarlett freute sich, ihn um sich haben zu können, doch die Realität holte sie bald ein.
Im Bus herrschte meistens ein solches Chaos, das kaum Raum für Zweisamkeit blieb. Die gelegentlichen Partys endeten meistens damit, dass jemand sauer wurde und alles beendete, weil er endlich schlafen wollte und von Sex war schon gar keine Rede. Die Jungs erlaubten es sich gelegentlich, Partnerinnen in ihre Bettnische einzuladen, doch Scarlett fand die Vorstellung, mit ihrem Mann zu schlafen, während es alle anderen hören konnten, zu seltsam.
Kuscheln war möglich, aber nur draußen in der Lounge, wenn sie wach waren. Das Busbett war Stephen offenbar zu eng, behauptete er jedenfalls, und Scarlett war sowieso froh, wenn sie genug Schlaf bekam.
Die Konzerte liefen gut. Zwei Drittel aller Shows waren ausverkauft und die Leute gingen ab wie Raketen.
Einmal nach einem solchen Abend saßen sie im Bus noch friedlich beieinander und tranken Bier.
«Habt ihr die beiden Frauen in der ersten Reihe gesehen, die getanzt haben?», sagte Scarlett.
Der Schweiß lief ihr immer noch das Gesicht herunter, aber das war ihr egal. Sie war zu aufgekratzt, um an irgendetwas anderes zu denken. Die Zeiten wurden für die Band wieder besser und das war mehr wert als alles andere.
Aiden lachte auf. «Ja, die waren echt witzig.» Er wirkte ein wenig müde und seine blonde Mähne klebte ihm an Gesicht und Hals.
«Sie hatten Freude, das ist schön», pflichtete Homie ihnen bei.
«Ach, Leute, ihr habt keine Ahnung, wie glücklich ich bin», erklärte Scarlett und lehnte sich an die Wand. Das hier war das Leben, so sollte es sein.
Sie warf Stephen einen Blick zu, doch er saß nur schweigend da und starrte in die Leere. Wiederum wirkte er unglücklich, ja geradezu gestresst. Sie fragte sich, was in ihm vorging, beschloss aber, dass jetzt kein guter Moment zum Reden war.

Am nächsten Tag konfrontierte sie ihn vor der Show auf dem Parkplatz der Konzerthalle. Am Himmel zogen dunkle Wolken vorbei und der Wind zerrte an ihren Haaren und ihrer Jacke.
«Du bist merkwürdig still in letzter Zeit», stellte sie fest.
Stephen nickte langsam, sagte aber nichts.
Scarlett trat näher und legte die Hände auf seine Schultern. «Schatz. Wenn irgendetwas ist, dann sprich mit mir darüber. Bitte.»
«Es ist nicht so wichtig.» Er schob ihre Hände weg. Etwas an seinem Tonfall gefiel ihr nicht.
«Erzähl keinen Unsinn», entgegnete sie. «Ich sehe dir doch an, dass es dir nicht gut geht. Ich merke doch, dass dich etwas beschäftigt. Und ich wünsche mir, dass du das alles hier genießen kannst, aber das tust du offensichtlich nicht.»
Er holte tief Luft und seufzte. «Wie denn, Scarlett? Eure Fans interessieren sich einen Scheissdreck für uns. Hast du mal hinter dem Vorhang hinausgesehen, wenn wir die Bühne betreten? Da sind kaum Leute.»
Sie öffnete den Mund, schloss ihn jedoch gleich wieder. Alles, was sie hätte sagen können, hätte absurd geklungen.
«Genau», schleuderte er ihr entgegen. «Dagegen kannst du nichts tun.»
«Doch», sagte sie schnell, weil sie das Gefühl hatte, reagieren zu müssen. Es war ein schwacher Versuch, aber vielleicht half es. «Wir können den Zeitplan nach hinten verschieben, so dass mehr Leute schon eingetroffen sind …»
«Das bringt doch nichts», unterbrach er sie. Die Verzweiflung war ihm deutlich anzuhören.
«Das weißt du nicht», sagte sie sachlich.
«Es geht nicht nur um die Leute, Scarlett», beharrte er. Als er weitersprach, wurde seine Stimme lauter und trauriger. «Glaubst du, es fällt mir leicht, zuzusehen, wie du den Traum lebst, während ich mich abrackere, ohne Ergebnisse zu sehen? Ich bin es leid, die zweite Geige zu spielen, Scarlett. Andere Männer werden von ihren Frauen in ihren Ambitionen unterstützt. Ich hingegen …» Er machte eine wegwerfende Geste.
Scarlett verstand die Welt nicht mehr. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Warf er ihr das wirklich vor? Wirklich?
«Ist das dein Ernst?», sagte sie verächtlich. «Unterstütze ich dich etwa nicht? Ohne mich wärst du gar nicht hier, das ist dir hoffentlich klar.» Es war raus, bevor sie darüber nachdenken konnte, aber vielleicht war es auch ganz gut so.
«Richtig, ohne dich wäre ich vielleicht schon ganz woanders», entgegnete er barsch.
«Echt jetzt?» Sie schnaubte wütend und stemmte die Hände in die Seiten. «Ich bin jetzt also der Klotz an deinem Bein?» Sie hob den Zeigefinger in einer anklagenden und zugleich abwehrenden Geste. «Niemand hat dich gezwungen, uns in der Anfangszeit nachzureisen oder unseren Merch zu verkaufen oder zu Hause auf mich zu warten! Niemand zwingt dich, in deinem Scheissbürojob zu bleiben. Niemand entscheidet das, außer du ganz allein!»
«Ach, ist das so, ja?», rief er aus. «Was hätte ich sonst tun sollen, während du in einem halb verfallenen Van quer über die große Insel gefahren bist? Wer hat denn da die Miete bezahlt – und dein Bühnenoutfit, abgesehen davon.»
«Ich gebe dir jeden einzelnen Pfennig zurück, wenn du willst!», keifte sie. «Ich verdiene inzwischen genug für uns beide, du kannst meinetwegen kündigen und dich voll und ganz auf die Musik konzentrieren und ich übernehme das Finanzielle. Du wolltest doch immer nur noch Musik machen. Bitte sehr!» Sie machte eine ausladende Geste mit den Armen. «Jetzt kannst du!»
«Hör auf, das ist kindisch», entgegnete er.
«Warum machst du mir dann Vorwürfe?», rief sie.
«Mensch, Scarlett.» Er wirkte geradezu verloren, während er nach Worten suchte. «Darum geht es doch nicht.»
«Worum denn dann?», wollte sie wissen. Sie verstand es nicht. Sie versuchte wirklich, sich in ihn hineinzuversetzen, aber es fiel ihr verflucht schwer. «Stephen, du sprichst in Rätseln. Was genau ist dein Problem?»
«Alle diese Dinge, Scarlett!», schrie er. «Es ist nicht gerade einfach für mich und ich versuche, mich zurückzunehmen, okay, ich gönne dir den Erfolg ja, aber …»
Seine Tirade verlor sich im Nichts.
«Aber was?», fragte sie, als er schwieg.
«Vergiss es», sagte er nur.
«Nein, ich möchte es wissen», erwiderte sie. «Was für ein Aber.»
«Das muss ich mit mir selbst ausmachen», sagte er und ging davon.
Scarlett stand noch einen Moment auf dem Parkplatz, während die ersten Regentropfen einsetzten. Das war ja wunderbar gelaufen! Selten hatte sie sich so ratlos gefühlt. Sie versuchte hier, ihm eine Gelegenheit zu geben, auf die er ihres Wissens sehr lange gewartet hatte. Trotzdem war das offenbar nicht genug.
Sie sah zu den Wolken hinauf und verdrängte eine Träne oder zwei. Eine solche Ehe, in der man sich dauernd streiten musste, hatte sie bei ihren Eltern gesehen und sie hatte sich immer geschworen, nie so zu werden. Sie hatte sich eingeredet, wenn es soweit käme, würde sie den Typen vorher verlassen. Doch nun konnte sie das nicht mehr. Sie hatte nämlich keine Ahnung, wie sie ohne Stephen leben sollte.

Wenn Scarlett heute darüber nachdachte, hätte sie Stephen damals vielleicht wirklich verlassen sollen. Sie hatten nach jener Tour noch einige Versuche unternommen, ihre Beziehung zu retten, aber so richtig funktioniert hatte nichts. Auf gemeinsamen Ausflügen hatten sie kaum noch miteinander gesprochen und Filmabende endeten oft im Meinungsstreit über den Inhalt des Films.
Scarlett hatte neue Alben aufgenommen und war auf weitere Tourneen gegangen und irgendwann hatte sie aufgehört, Stephen zwischendurch anzurufen. Ebenso hatte sie keine Nachrichten mehr von ihm erhalten. Wenn sie beide zu Hause gewesen waren, hatte jeder seine eigenen Interessen verfolgt und zuletzt hatten sie nicht einmal mehr miteinander gegessen.
Als Scarlett vor einigen Wochen nach Norwegen geflogen war, um ihren Part in Frode Baardsons neuem Projekt «Stargazers» aufzunehmen, hatte sie sich von ihrer Faszination für einen bestimmten, blonden Sleaze-Rock-Sänger überwältigen lassen.
Nun stand sie hier vor dem Scheiterhaufen ihres Lebens. Und während sie so auf die verlassene Straße vor dem Fenster blickte, bahnte sich eine einzelne Träne ihren Weg über Scarletts Gesicht.


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