Kapitel 11 – Eine denkwürdige Begegnung

Vergangenheit

Gustaf saß auf einem langen Holztisch, die Füße auf die Sitzbank gestützt. Der Auftritt von Mary Read an diesem Festival war bereits am Morgen kurz nach der Türöffnung für die Gäste gewesen. Die Autogrammstunde hatte direkt anschließend stattgefunden und die wenigen Interviews, zu denen die Band eingeladen worden war, waren ebenfalls bereits vorbei. Da Mary Read erst am Abend weiterfuhren, genossen Gustaf und seine Bandkumpels nun ihre Freizeit.
Die Festbänke, die sie beschlagnahmt hatten, befanden sich hinter einem der VIP-Zelte, unauffällig und wenig bevölkert.
Gustaf betrachtete die Gruppe vor sich, die hier zusammengefunden hatte. Ronnie hatte sich auf der Bank niedergelassen und schirmte seine Augen gegen die Sonne ab. Das Licht schimmerte auf seinem schwarzen Haar und er wirkte geistesabwesend.
Jesse hingegen war wie immer in Gesprächslaune und plauderte fröhlich mit den anderen. Sie gehörten irgendeiner Powermetalband an und waren hauptsächlich seine Freunde. Er musste sich ein wenig herunterbeugen, um auf Augenhöhe mit ihnen zu sprechen.
Neben Jesses mächtiger Erscheinung wirkten die Powermetaller geradezu blass. Sie hatten überwiegend helle Haare zwischen blond und rehbraun, und trugen die wesentlich einfacheren Klamotten. Jeans, T-Shirt und Turnschuhe bildeten den absoluten Gegensatz zu den Lederhosen, Ketten und dem silbernen Schmuck von Gustafs eigenen Bandmitgliedern.
Und dann war da noch sie: Scarlett O’Bannon. Sie kannte anscheinend einige dieser Powertypen, jedenfalls war sie selbst die einzige Symphonic-Metal-Sängerin, deren Name Gustaf sich merken konnte. Scarlett. Wie die Farbe «Scharlach» in Englisch, nur falsch geschrieben. Das wirklich Abgefahrene daran war aber, dass sie tatsächlich so hieß. Jedenfalls besagten das die offiziellen Informationen.
Gustaf studierte ihr Gesicht. Er fand es auf absurde Weise lustig, dass sie fast wie eine Elfe aussah. Es passte zu ihrer irischen Herkunft. Fast hätte sie ein Klischee ausfüllen können, doch ihr fehlte die passende Körpersprache. Scarletts Gestik wirkte eher grob, so als ob sie einem problemlos eins überbraten konnte, wenn man ihr blöd kam.
Gustaf gefiel das. Er mochte richtige Frauen mit selbstbewusster Ausstrahlung lieber als die mädchenhaften Mäuschen, denen er in den Backstageräumen seiner eigenen Konzerte manchmal begegnete. Gustaf studierte Scarletts hübsches Gesicht genauer und ertappte sich bei der Fantasie, die Hand danach auszustrecken und mit den Fingern über ihre Haut zu streichen. Das würde sich bestimmt toll anfühlen. Dem Aussehen nach zu urteilen, musste Scarlett sehr weiche Haut besitzen. Ihr lockiges, rotes Haar wirkte ebenfalls weich, und ihre vollen, schönen Lippen erst …
Ein Fingerschnippen vor seinem Gesicht riss Gustaf aus seinen Gedanken. Jesse war es. Wie konnte es auch anders sein.
«Deine Meinung ist gefragt, Goldie.»
Sie hatten sich irgendwann darauf geeinigt, sich in der Öffentlichkeit nur mit Künstlernamen anzusprechen.
«Wozu?», fragte er ein wenig verdutzt.
Zurückhaltendes Lachen von einigen Powertypen. Scarlett schwieg und grinste verschwörerisch.
«Was ist los mit euch?» Jesse machte eine ausschweifende Geste. «Liegt es an den Sternenkonstellationen, dass ihr so schlecht drauf seid oder was?»
Jetzt lachte Scarlett. Gustaf fand ihre helle, volle Stimme sehr angenehm.
«Klar, woran soll es auch sonst liegen», sagte sie.
«Ha-ha-ha», machte Jesse, doch Gustaf wusste, dass das nur Show war. Jesse beugte sich hinüber: «Also: Wenn du auf einer einsamen Insel ausgesetzt würdest und du dort nur ein einziges Genre hören könntest: Death oder Thrash?»
«Sleaze», entgegnete Gustaf.
«Du musst schon richtig mitmachen, sonst ist es nicht lustig!», meckerte Jesse theatralisch.
«In dem Fall gar nichts», erwiderte Gustaf.
Jesse machte eine ratlose Geste.
«Also… Lass mal überlegen», warf Scarlett ein. «Im Thrash gibt es die schöneren Männer. Also Thrash.»
«Typisch!», sagte ein kleiner, dunkelblonder Powertyp. «Immer geht es um Äußerlichkeiten!»
«Ist leider eine Tatsache, kann ich nichts dafür», verteidigte sich Scarlett.
Wieder ging leises Gelächter durch die Gruppe. Das Gespräch ebbte ab. Niemand schien das Spiel wirklich lustig zu finden, aber keiner wusste ein besseres Thema.
«Braucht noch jemand Bier?», fragte ein anderer Powertyp.
«Ja», antwortete Jesse.
«Ich auch», sagte ein blonder Powertyp mit Haaren bis zum Arsch.
«Ich komme mit», schloss sich ein vierter an.
Scarlett verneinte und Ronnie schüttelte nur schweigend den Kopf. Zwei der Powertypen machten sich auf, neues Bier zu holen. Für einen Moment wurde es sehr ruhig. Als es bereits peinlich zu werden begann, durchbrach Scarlett die Stille.
«Goldie», sagte sie und sah Gustaf an. «Was ist das eigentlich für ein Name.»
«Wir sind schuld», sagte Ronnie.
Gustaf lachte. «Eigentlich du.»
«Ja, so sind die Machtverhältnisse bei uns», witzelte Ronnie. Gustaf lachte und Scarlett stimmte mit ein. Kurz fragte Gustaf sich, wie sie wohl klingen würde, wenn sie aus anderen Gründen lachte. Im Bett, zum Beispiel.
«Erzählt mal», forderte sie.
«Die Geschichte ist nicht so spektakulär», erklärte Gustaf. «Ronnie war besoffen und fand, dass meine Haare wie Gold aussehen, also hat er damit angefangen.»
«Ich war nicht besoffen!», protestierte Ronnie. «Und Jesse war auch dabei.»
Jesse hob abwehrend die Hände. «Mein Name ist Hase, ich weiß von nix.»
«Nee, ist klar», erwiderte Gustaf trocken.
«Nun ja, so abwegig finde ich das jetzt nicht», sagte Scarlett. «Es sieht wirklich ein bisschen wie gesponnenes Gold aus. Und so flauschig. Man würde am liebsten…»
Sie streckte ihre Hand aus und als Gustaf kapierte, was sie vorhatte, wuschelten ihre Finger bereits durch seine Haare.
Sofort packte er ihr Handgelenk und stieß ihren Arm weg. Er konnte es nicht ausstehen, wenn jemand unerlaubt seine Haare anfasste. Dieses Privileg war nur ausgewählten Personen vorbehalten. Alle anderen konnten das seinetwegen mit ihren Hunden machen, aber nicht mit ihm!
«Mach das nie wieder», sagte er zu Scarlett.
Seine Stimme klang barscher, als er es beabsichtigt hatte, aber vielleicht war das ganz gut so. Was bildete die sich ein? Glaubte sie, wegen ihrem hübschen Gesicht könne sie sich alles erlauben?
«Woho, ganz ruhig», entgegnete sie und zeigte ihm die offenen Handflächen. «Es tut mir leid, okay?»
«Nein, es ist nicht okay», beharrte er. «So etwas macht man nicht.»
«Okay, es war vielleicht etwas unüberlegt, das gebe ich zu», sagte sie schnell. «Aber ich hoffe doch sehr, dass wir daraus kein Drama machen müssen.»
Der Typ mit den arschlangen Pferdehaaren lachte auf. Gustaf hatte ihn völlig vergessen, doch nun funkelte er auch diesen Kerl böse an. «Das ist nicht lustig.»
Der andere lachte noch mehr. «Doch. Ich habe noch nie erlebt, dass», er brachte kaum einen Ton heraus, so sehr schüttelte es ihn, «dass einer gleich so ausrastet.»
«Schnauze, Sven, du würdest genauso reagieren», herrschte Scarlett ihn an.
Der Typ wurde augenblicklich ruhiger. «Würde ich nicht», entgegnete er kraftlos.
«Wie auch immer», sagte Gustaf. «Mach es einfach nie wieder.»
Inzwischen hatte er die Fassung zurückgewonnen. Er war Scarlett nicht wirklich böse, aber das musste er klarstellen. Bezüglich seiner Haare führte er so eine Art Null-Toleranz-Politik.
«In Ordnung», sagte Scarlett. «Wie gesagt, es war dumm und es tut mir leid.»
Für einen Moment wurde es totenstill in dem kleinen Grüppchen. Scarlett lächelte nicht mehr. Fast bekam Gustaf ein schlechtes Gewissen, weil er so barsch gewesen war, aber nur fast.

Scarlett überlegte, ob sie sich erneut entschuldigen sollte, aber andererseits: Musste sie sich diese Blöße geben? Sie gab zu, dass ihre Aktion unüberlegt war, aber nun übertrieb der Kerl es wirklich ein wenig! Es war doch nicht böse gemeint gewesen! Sie hatte nur Spaß machen wollen, aber anscheinend fehlte es hier jemandem an Humor.
Sie öffnete gerade den Mund, um ihm das zu sagen, als jemand ihren Namen rief.
«Scarlett!»
Es war Jack Rust. Eigentlich hieß er Jakob, weil er Deutscher war, aber alle nannten ihn Jack, weil das cooler klang. Er war einer der sogenannten «Großen». Dabei handelte es sich nach Scarletts Definition um Leute, die ihrem Business schon sehr lange erfolgreich standhielten und, in diesem Fall, auch Scarletts Genre mitgetragen hatten. Ihre Band hätte wahrscheinlich nur halb so gute Chancen gehabt, wenn Jack mit seiner Kunst nicht geholfen hätte, den Weg für ähnliche Musik zu ebnen.
«Hey, Jack», sagte sie.
«Hey.» Er erreichte die Gruppe. «Na, hier ist es ja still, was hast du denn heute verbrochen, hä?»
Sie lachte. Goldies Blick wanderte von ihr zu Jack und zurück.
«Nichts.» «Eine ganze Menge.»
Scarlett und Goldie sprachen gleichzeitig und Jack hob gespannt die Augenbrauen. «Das klingt nach einer guten Geschichte.»
Scarlett erwartete schon, dass Goldie ihm die ganze Peinlichkeit auf die Nase binden würde, aber der schwedisch-englische Sleaze-Sänger schüttelte nur den Kopf.
«Nichts», sagte er.
Jack sah Scarlett auffordernd an.
«Goldie und ich hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit.»
«Soso», entgegnete Jack und nickte wissend. «Das hat nämlich ausgesehen, als würdet ihr zwei euch jeden Moment die Köpfe einschlagen.»
«Wenn hier jemand Goldie eins überzieht, bin ich das», schaltete Jesse James sich ein. Scarlett fand diese Künstlernamen grässlich und hielt sich nur daran, weil sie ihre echten Namen nicht kannte.
Goldie warf seinem Bassisten einen Bierdeckel an den Kopf und der Hüne mit den schwarzen Dreads duckte sich rasch weg.
«Verstehe, verstehe», sagte Jack. «Na, dann werde ich die Turteltäubchen mal lassen, wenn du verstehst …» Er zwinkerte ihr zu.
«Selber Turteltäubchen, du Witzbold», erwiderte sie. Hier war nun die Grenze ihres eigenen Humors erreicht. Schließlich war sie verheiratet und Jack wusste das.
«Tschüss.» Jack schlich davon.
Seine Kunst in allen Ehren, manchmal fand Scarlett ihn echt unerträglich.
Sie wandte sich wieder Goldie zu: «Vergeben und vergessen?», fragte sie.
Goldie nickte langsam. «Angenommen.»
Scarlett betrachtete ihn noch einen Moment: Er war wirklich eine Augenweide mit seiner schlanken Figur und seinem natürlich blonden Haar. Er war gewiss ein paar Jahre jünger als sie selbst, höchstens Mitte zwanzig nach Scarletts Einschätzung, aber was machte das schon? So groß war der Unterschied nun auch wieder nicht.
Zu gerne hätte sie noch mehr Zeit mit den Jungs verbracht, doch in ihrer Hosentasche vibrierte ihr Handy. Das war der Alarm, den Scarlett zuvor eingestellt hatte. Sie zog das Gerät hervor und schaltete die Funktion aus.
«Leute, ich muss los», erklärte sie.
In diesem Moment kamen die anderen mit dem Bier zurück. Scarlett verabschiedete sich herzlich von Sven und seiner Band, winkte den Sleazerockern im Weggehen zu und begab sich in Richtung Garderobe, um sich auf ihren Auftritt in der Abenddämmerung vorzubereiten. Das hier war Divine Mysterys bisher größte Festivalshow. Jede Bewegung musste sitzen.


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