Kapitel 12 – Die Terrassenparty

Gegenwart

Der Abend war bereits fortgeschritten und die Terrasse hatte sich mittlerweile fast vollständig geleert. Hinten bei der Glasfront, die das Wohnzimmer vom Außenbereich abtrennte, hingen noch einige Jungs in Rattansesseln herum und nippten an ihrem Bier. Es schien irgendeine angeregte Diskussion zu laufen und Scarlett glaubte, die Begriffe «Guardian» und «Hansi» herauszuhören. Die Jungs waren sich wahrscheinlich nicht einig, ob die Band und ihr Sänger mit den Jahren besser oder schlechter geworden waren. Scarlett kannte diese Diskussion nur zu gut von ihren eigenen Freunden und es war immer dieselbe. Blasphemie war das nach Scarletts Meinung Sie beschloss, sich nicht mehr darauf zu konzentrieren und trank den letzten Schluck von ihrem eigenen Bier.
Die Zeit hier – die ganze Zeit mit der Arbeit an dieser Rockoper im Studio und nun diese Party – hatten ihr gutgetan, aber jetzt war es Zeit für sie, nach Hause zu gehen. Sie wusste nicht genau, was sie dort erwarten würde, aber indem sie ihrem Mann wieder einmal aus dem Weg ging, würde es sicher nicht besser werden. Der letzte Streit lag nun doch eine Weile zurück und wer weiß, vielleicht hatte Stephen sie ja sogar vermisst.
Sie wollte sich gerade vom Geländer, an dem sie lehnte, abstoßen und Frode suchen, um sich zu verabschieden, als jemand nach ihr rief.
«Scarlett!»
Henrik Johansson, der bei dem Projekt Gitarre gespielt hatte, winkte eifrig, während er auf sie zukam. Sein dunkelblondes Haar hing ihm wirr auf die Schultern und sein Gang kündigte von seinem bisherigen Alkoholkonsum. Dazu hatte er noch Goldie im Schlepptau. Dieser trug ein lockeres Muscleshirt, durch das sein durchtrainierter Körper besonders gut zur Geltung kam.
Scarlett war in den letzten Wochen schon öfter aufgefallen, was für ein attraktiver Mann aus dem Bürschchen von jener Festbank vor einigen Jahren geworden war, doch sie ermahnte sich innerlich, das zu ignorieren. Schließlich war sie verheiratet und sie hatte ihre Prinzipien.
Die beiden Männer freuten sich offenbar über Scarletts Anblick. Na, großartig. Die hatten ihr gerade noch gefehlt.
Sie winkte zögerlich zurück. Zu den beiden hatte sie von Anfang einen besonders guten Draht gehabt. Sie drei hatten im vergangenen Monat eine wirklich tolle Zeit zusammen verbracht und wenn Scarlett daran dachte, die beiden nach heute Abend nicht mehr zu sehen, wurde ihr das Herz ein wenig schwerer. Nein, sie konnte jetzt nicht einfach gehen. Für eine kurze Gesprächsrunde war sie noch zu haben.
Die beiden Männer gesellten sich zu ihr.
«Bier?», sagte Henrik und stellte eine ganze Kiste mit Flaschen vor seinen Füssen ab.
«Ich habe noch.» Scarlett hob demonstrativ ihre Flasche an. Henrik stieß seine eigene dagegen und Goldie tat es ihm gleich. «Auf uns», sagte Henrik.
«Auf Frode», sagte Goldie.
«Auf gute Zeiten und ein großartiges ‚Stargazers‘-Album», ergänzte Scarlett.
«Das ist doch ein Wort!», konstatierte Goldie und trank.
Sie schwiegen einige Sekunden. Interessanterweise empfand Scarlett die Stille nicht als unangenehm, wie sie das bei anderen Leuten häufig tat. Mit Goldie fühlte es sich an, als hätten sie eine Art stilles Verständnis, auch wenn keiner sagen konnte, worin dieses bestand.
Scarlett drehte ihre Bierflasche in der Hand und stellte fest, dass immer noch ein kleiner Rest übrig war. Sie setzte die Flasche erneut an und saugte auch noch den allerletzten Schluck heraus. Danach stellte sie die Flasche in einem Zug in ein freies Fach in der Kiste, die Henrik mitgebracht hatte.
Als sie sich aufrichten wollte, verspürte sie einen Anflug von Schwindel. Sie musste doch gehen. Sonst würde sie hier nur weiter saufen und den Flug nach Hause verpassen, der am frühen Morgen startete.
«Jungs, ich muss mich leider verabschieden», sagte sie.
«Aber wir haben doch gerade erst angefangen!», erwiderte Henrik. «Es ist noch so früh.»
«Ich fliege in …» Sie schaute auf ihre Uhr. «Sechs Stunden nach Irland zurück. Wenn ich vorher noch etwas Schlaf abbekäme, wäre das ganz gut.»
«Warum?», warf Goldie ein.
Scarlett hob die Augenbrauen.
«Im Flugzeug ist doch der beste Ort zum Schlafen», fügte er hinzu.
Scarlett lachte auf. Er tat das immer wieder, sagte irgendetwas völlig Harmloses und ernst Gemeintes und brachte sie damit zum Lachen.
«Ich habe noch eine Menge zu tun», erwiderte sie. «Wir machen diesen Sommer gleich zwei Touren, zuerst die Festivals und anschließend unsere eigene Headlinertour. Ich muss noch einiges vorbereiten.»
«Erst recht ein Grund, vorher noch ein wenig zu feiern!», warf Henrik ein und legte ihr eine Hand auf den Rücken. «Man muss das Leben genießen, wo man kann, weißt du, es ist schon ernst genug.»
Scarlett zog die Augenbrauen zusammen. «Wie viel hast du getrunken?»
Henrik nahm die Hand herunter. «Noch nicht so viel», konterte er.
Goldie lachte auf. «Das kommt auf die Definition von ‚viel‘ an. Aber wo er recht hat … Komm, trink noch eins.»
Er beugte sich herunter, zog eine volle Flasche aus der Kiste und reichte sie ihr. Dabei kam sein Gesicht ihrem so nahe, dass sie seinen Atem roch. Auch er hatte bereits das eine oder andere Bier intus. Der Alkohol vermischte sich mit dem Geruch nach Meer und Wind, der Goldie stets anhaftete. Scarlett fühlte sich ein wenig benebelt davon. Die blauen, halbmondförmigen Augen und die leuchtend blonden Haare taten den Rest. Am liebsten hätte Scarlett ihn einfach zu sich heruntergezogen und geküsst, um hinterher andere Dinge mit ihm zu tun, wilde, schöne, verrückte Dinge.
Nein, sie durfte diesem Gefühl nicht nachgeben! Stephen. Sie musste an Stephen denken und sich beherrschen.
«Damit ich so betrunken werde wie du, oder was?», sagte sie deshalb.
«Ich bin nicht betrunken», entgegnete er halbherzig.
«Es spricht auch nichts gegen das Betrunkensein.»
Henrik fiel beinahe auf Scarlett, als er sich zu ihr hinüberlehnte. Scarlett sprang beiseite. Goldie packte Henrik an den Schultern und stellte ihn wieder auf die Füße.
«Nun, wenn man nicht mehr stehen kann, wird es bedenklich, würde ich sagen», witzelte er.
Scarlett lachte, aber eigentlich war sie zu müde für so etwas. Sie sollte wirklich gehen.
«Ich stehe doch ganz gut», erwiderte Henrik. «Alles hier steht ganz gut!» Er zwinkerte Scarlett zu.
Sie gab ihm einen mahnenden Blick zurück. Sie wollte gerade den Mund öffnen, um sich definitiv zu verabschieden, als Henrik erneut vornüber stolperte. Wieder fing Goldie ihn auf und schleifte ihn in Richtung einiger naher Sessel. «Du solltest dich lieber hinlegen! Bevor du noch von der Terrasse fällst!»
«Ach, wo, mir gefällt es hier. Gute Gesellschaft und so!»
Henrik kippte beinahe vornüber, bevor Goldie ihn auf einen der Sessel fallen lassen konnte, aber der Schwede schaffte es, ihren gemeinsamen Kumpel vor Schlimmerem zu bewahren. Kaum, dass Henrik saß, ließ er den Kopf zur Seite fallen und schlief ein, das Bier noch immer in der Hand.
Scarlett war froh darüber. In diesem Zustand waren auch manche Kumpels nicht besser als die meisten anderen Männer, die sie kannte, und jeder schien ihren Körper als eine Art Freibrief für dumme Anmachen zu betrachten. Nur Goldie hatte sich während der ganzen Zeit zurückgehalten, sowohl während den Aufnahmen im Studio, als auch jetzt. Das schätzte sie sehr.
Als er sich ihr wieder zuwandte, huschte ein Schatten über sein Gesicht, der aber sogleich wieder verschwand. Goldies Blick schien für einen Moment dunkler zu werden, doch ehe Scarlett den Finger drauflegen konnte, was es war, wirkte Goldie wieder vollkommen normal.
«Das war nicht besonders taktvoll von ihm», sagte er.
«Keine Sorge», antwortete sie. «Blöde Sprüche bin ich gewohnt.» Vor allem hatte es keinen Sinn, mit jemandem darüber zu reden, der es sowieso schon verstand.
«Er hat sich trotzdem daneben verhalten», beharrte Goldie. «Verdammtes Dreckszeug.» Er drehte die beiden Bierflaschen zwischen seinen Fingern. Entgegen Scarletts Erwartung, legte er sie nicht weg, trank aber auch nicht mehr.
«Ja.» Da ihr nichts Besseres einfiel, nahm sie ihm die immer noch verschlossene Flasche aus der Hand. Sie griff an den Drehverschluss. Jetzt spielte es auch keine Rolle mehr.
«Tu das nicht», sagte Goldie und legte eine Hand auf ihre.
Ein leichtes Zucken durchfuhr Scarlett. Das lag gewiss nicht daran, dass seine Aussage sie überraschte, und das irritierte sie. Bestimmt berührten sie sich heute nicht zum ersten Mal. Oder etwa doch? Dieses Gefühl war jedenfalls neu. Ihr wurde ganz heiß und sie fragte sich, wie es wohl wäre, wenn sie ihn richtig anfassen würde.
Sie sah ihn fragend an. «Ich dachte, du wolltest noch eins trinken?»
«Das war eine Scheissidee», gab er zu. «Wir wollen ja nicht enden wie er, oder?» Er deutete mit dem Kinn auf Henrik.
Scarlett lächelte, stellte ihre Flasche in die Kiste zurück und nahm Goldie seine aus der Hand. Wiederum überkam sie dieses Kribbeln, fast wie eine elektrische Welle. Scarlett versuchte, sich zu erinnern, ob sie beide sich während den Studioaufnahmen auch schon einmal so nahe gekommen waren, aber ihr Gedächtnis zeigte ihr nur Bilder von ihnen hinter dem Mikro oder Blödeleien in der Küche. Je  länger Scarlett Goldie betrachtete, umso grösser wurde ihr Verlangen nach ihm.
Nein, zu Hause wartete jemand auf sie. Das durfte sie nicht, das war nicht richtig, das sollte man nicht tun.
Doch Scarlett verfiel in eine Art Starre. In ihrem Kopf schien es nichts anderes mehr zu geben, nur noch der Geruch nach Wind und Meer und diese schlanken, schönen Hände, auf die sie nun hinabstarrte. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn diese Hände sie berührten, über ihre Haut strichen und … Bestimmt hatte Goldie einiges drauf. Er strahlte es ja auch aus. Wie die meisten seiner Konsorten war er die reinste Verkörperung von Sexappeal.
Scarlett riss sich zusammen und schüttelte diese Gedanken ab. Da war noch Stephen, der … Nun ja, genau genommen würde ja doch wieder jeder für sich sein, wenn sie nach Hause kam. Hatte sie nicht etwas Besseres verdient? Durfte sie sich nicht wenigstens eine kleine Freude für zwischendurch erlauben?
Langsam ließ sie die beiden Flaschen in die Kiste sinken und sammelte sich, um sich zu verabschieden. Als sie sich aufrichtete, streifte ihr Gesicht beinahe Goldies Nase, aber er wich keinen Schritt zurück. Stattdessen blieb er einfach stehen und starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen.
«Ich …», begann Scarlett, doch da streckte er bereits die Hand nach ihrer Wange aus.
Scarlett ergriff sein Handgelenk und hielt ihn auf. Sie sollte ihn wegschieben und gehen. Sie sollte ihm sagen, dass das nicht ging und dass es bedeuten würde, dass sie ihren Mann betrog, aber zugleich erschien es ihr absurd. Wo war der Betrug, wenn keine Gefühle mehr vorhanden waren?
Je länger Scarlett wartete, umso mehr verabschiedete sich ihre Selbstbeherrschung und allmählich sah sie nur noch diese atemberaubende Erscheinung vor sich. Scarlett stellte sich vor, wie es wäre, mit den Fingerspitzen seine Muskeln nachzuzeichnen, seine helle, glatte Haut zu berühren.
Sie löste ihre Hand und strich über Goldies Unterarm, arbeitete sich vor zu seiner Brust und landete genau auf dem Fleck Haut, den das Shirt nicht bedeckte. Eine Berührung bedeutete nichts, richtig? Doch das Kribbeln breitete sich in jede Faser von Scarletts Körper aus und gewann schließlich die Überhand. Ihr Vorhaben, zu gehen, den Flug, Stephen – das alles erschien ihr irrelevant, begraben unter diesem überwältigenden Verlangen, das sie nun verspürte.
Sie verstand, warum alle Goldie so sexy fanden. Es war die Kombination aus seiner Erscheinung und seiner Ausstrahlung. Das erste versprach etwas, das zweite sorgte dafür, dass man es genauer wissen wollte. Sie wollte es wissen. Jetzt.
Seine Reaktion folgte mit leichter Verzögerung. Er berührte ihre Wangen, zuerst nur mit den Fingerspitzen. Dann strich er vorsichtig über ihr Gesicht, als fürchtete er, etwas zu zerstören.
Scarlett passte sich seinem Tempo an, als sie ihre Hand in sein Haar schob und ein Gefühl, als durchströme sie ein Sonnenstrahl, breitete sich in ihr aus. Selten hatte sie solch seidiges Haar auf ihrer Haut gefühlt. Stephens Haare waren eher strohig und trocken.
Langsam schob Goldie Scarlett eine Locke aus der Stirn. Als sie in seine blauen Augen starrte, auf denen nun ein leichter Film lag, fielen auch die letzten Hemmungen von ihr ab. Sie überbrückte mit ihrem Kinn die wenigen Zentimeter Luft zwischen ihnen und küsste Goldie.
In Scarletts Seele explodierte alles. Seit sehr, sehr langer Zeit hatte sie nicht mehr eine solche Intensität empfunden. Ihre Beziehung mit Stephen war bereits vor Jahren abgekühlt und Affären oder One-Night-Stands hatte sie nie gehabt. Das hier übertraf alle ihre bisherigen Erfahrungen bei Weitem. Goldies Kuss war sanft und leidenschaftlich zugleich, fast zögerlich und zweifellos liebevoll.
Sie beide atmeten heftig, als Goldie sich von Scarlett löste.
«Wow», sagte er ein wenig überrascht.
«Ja», antwortete sie nur, immer noch berauscht von diesem Gefühl.
«Ich habe …», begann er, brach jedoch gleich wieder ab.
«Was?», wollte sie wissen.
«Nichts, nur … Du bist toll.»
Sie lächelte und küsste ihn erneut. Dieses Mal dauerte es länger an und sie ließen nur voneinander ab, um Luft zu holen. Scarlett wusste nicht einmal mehr, ob sie mit Stephen jemals etwas Ähnliches gefühlt hatte. Es spielte auch keine Rolle. Das einzige was zählte, war das Hier und Jetzt und das bedeutete, dass sie Goldies Anziehungskraft restlos ergeben war.
Sie schob ihre Hände unter sein Hemd, doch er hielt sie zurück.
«Wir werden bestimmt schon beobachtet», murmelte er.
«Dann lass sie doch.»
Sie machte sich daran, seinen Gurt zu öffnen, doch auch davon hielt er sie ab.
«Ich finde das keine gute Idee», erklärte er.
Das kam unerwartet und sie verstand es nicht. Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn an. Sie wünschte sich, sie hätte seine Gedanken lesen können, aber sein Gesicht verriet nichts.
«Wir können in mein Hotel gehen», sagte sie.
Er schüttelte langsam den Kopf. «Nein. Sorry.» Er schob ihre Hände von sich. «Das war keine gute Idee. Tut mir leid.»
«Was ist denn auf einmal in dich gefahren?», fragte sie. Noch immer versuchte sie zu erkennen, was mit ihm los war. Eine Geste, einen Unterton in seiner Stimme, irgendetwas, das diesen plötzlichen Sinneswandel erklärte.
«Du wolltest doch einen Flug erwischen», sagte er sanft. «Das solltest du.»
Scarlett Entfuhr ein Geräusch, das ihre Ratlosigkeit verriet. So ein Mist aber auch. Scarlett versuchte, ihre Haltung zurückzugewinnen, indem sie sprach.
«Lass das doch meine Sorge sein», sagte sie. Sie wusste nicht, ob es klug war, zu fragen, aber sie hielt es sonst kaum aus. «Was ist denn los? Gibt es jemand anderen?»
Um herauszufinden, ob es etwas um sie herum war, ließ Scarlett den Blick über die Terrasse schweifen, doch die Jungs in den Rattansesseln auf der anderen Seite waren immer noch die einzigen anderen Gäste hier draußen. Die waren eindeutig zu weit weg. Sie konnten höchstens einzelne Wortfetzen hören, so wie Scarlett vorhin von ihnen. Dafür war die Gruppe jedoch zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
«Nein», sagte Goldie. «Hör zu, das … das war ein Fehler, tut mir leid. Wir sollten gehen. Ich, jedenfalls.»
«Habe ich etwas falsch gemacht?» Es war Scarlett zuwider, diese Frage zu stellen, aber sie war am Ende mit ihrem Latein.
«Nein, nein, gar nicht», sagte er schnell. Viel zu schnell.
«Was ist es dann?», hakte sie nach. «Goldie, ich verstehe das nicht.»
«Es hat nichts mit dir zu tun», beteuerte er. «Ich verstehe es, wenn du sauer bist, aber das musst du mir glauben. Bitte. Mach’s gut.»
Er drückte sie kurz an sich, drehte sich dann auf dem Absatz um und eilte davon.
«Ich bin nicht sauer», rief sie ihm hinterher. «Jetzt bleib doch hier! Goldie!»
Es brachte nichts. Goldie zögerte keine Sekunde, während er im Innern des Hauses verschwand.
Scarletts Blick klärte sich allmählich. Als sie sich umsah erschien ihr die Terrasse wieder dunkel und dreckig. Überall befanden sich Pfützen von verschüttetem Bier, Schuhabdrücke und Essensreste. Stellenweise lagen Bierdeckel, Schokopapierchen und sogar Kleidungsstücke herum. Frodes Putzfrau würde sich freuen.
Scarlett wandte den Blick wieder zum Wohnzimmer. Goldie war nirgends mehr zu sehen.
Was zur Hölle war gerade passiert? Hatte sie etwa geträumt? Nein, so betrunken war sie nicht. Sie war noch fast nüchtern gewesen, als Henrik und Goldie sich zu ihr gesellt hatten. Sie schaute noch einmal zu der Gruppe in den Rattansesseln hinüber, doch die waren inzwischen in irgendein scheinbar lustiges Saufspiel vertieft. An denen konnte es wirklich nicht gelegen haben. Außerdem hätte doch jeder andere das Angebot mit dem Hotel angenommen oder etwa nicht?
Scarlett schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Im Augenblick konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Sie würde morgen darüber nachdenken. Wenn sie plangemäß nach Hause flog. Zu ihrem Mann, der hoffentlich auf sie wartete.

Gustaf lag in seinem kleinen Hotelzimmer auf dem Bett und starrte an die Decke. Er versuchte, sich die Realität ins Bewusstsein zu rufen. Weiße Wände, eine Lampe, die Silhouetten der Möbel links von sich im Augenwinkel. Er hatte versucht, das Licht einzuschalten, damit er klarer sehen konnte, doch es half nichts. Das Bild von Scarlett in seinem Kopf überlagerte alles.
Unter hunderttausend Menschen gab es vielleicht einen, für den er ein solches körperliches Verlangen empfand, und es musste ausgerechnet sie sein! Er hatte es von Anfang gespürt, seit sie Frodes Studio betreten hatte, doch er hatte diese Gefühle ganz professionell beiseite geschoben und sich auf die Arbeit konzentriert. Versucht, nicht daran zu denken, sich abzulenken und sich klarzumachen, dass reine physische Anziehung kein Grund war, verrückt zu werden.
Nun war er sich dessen nicht mehr so sicher. Die Erregung, die der Kuss vorhin in ihm ausgelöst hatte, hallte immer noch nach. Es fühlte sich an wie ein Brennen auf der Haut, das nicht abklingen wollte. Das war an sich nichts Schlechtes. Was ihn irritierte war, wie sehr die Anziehung, die er für Scarlett empfand, ihn benebelte. Wenn die irische Sängerin in seiner Nähe war, schien ein Schalter in seinem Gehirn umgelegt zu werden, und er konnte kaum mehr an irgendetwas anderes denken, als an ihre Schönheit und daran, wie es wäre, ihr nahe zu sein. Er wollte ihren Körper erkunden und mit seinem eigenen vereinen, am liebsten pausenlos. Er fragte sich, wie es wäre, diese oder jene Stelle zu berühren, wie sich ihre Haut anfühlte, oder ihr Haar, oder ihre Lippen und was sie wohl für Unterwäsche trug.
Gustaf fühlte sich davon beinahe wie gelähmt, als raube ihm der Nebel in seinem Gehirn jegliche Macht über den eigenen Verstand. Er kannte das. Früher hatte er bereits ähnliches erlebt. Lange hatte er diese Empfindungen nicht einordnen können und sich jedes Mal ernsthaft gefragt, ob er nun doch noch den Verstand verlor, bis er herausgefunden hatte, dass das für die meisten Menschen normal war. Jedenfalls häufiger als alle Schaltjahre. Für ihn hingegen, dem das fast nie passierte, war es stets eine Qual.
Außerdem galt keinerlei oder nur wenig sexuelle Anziehung zu anderen zu verspüren als seltsam. Für Gustaf war es genau umgekehrt. Die Abwesenheit eines physischen Verlangens für andere Personen oder auch nur des geringsten Interesses an deren Körper war sein Normalzustand.
Deshalb überforderten ihn die Reize, die ihn jetzt gerade überfluteten, ein wenig. Es war ein anderes Gefühl, als das, was er für Jasmin empfunden hatte. Mit Jasmin hatte er unabhängig von ihrer Erscheinung Zeit verbringen wollen, hatte alles über sie wissen und sein Leben mit ihr teilen wollen.
Für Scarlett hegte er neben diesem körperlichen Verlangen nur freundschaftliche Gefühle. Und nun, da es keine Arbeit mehr gab, die ihn davon abhalten konnte, dauernd an ihre Schönheit zu denken, war es schwieriger geworden.
Natürlich hätte er sich dem einfach hingeben, alles herauslassen und es genießen können, aber dann wäre er sich vorgekommen wie ein Lügner. Scarlett war eher eine Art Verbündete, vielleicht sogar eine Seelenverwandte. Von Verliebtheit konnte aber keine Rede sein.
Gustafs Gedanken wanderten zu Jasmin zurück. Für sie hatte er echte Gefühle gehabt und wozu hatte es geführt?
Er dachte daran, wie schön es sein musste, wenn das Problem mit dem Sex nicht existieren würde. Wenn er eine Beziehung mit jemandem führen konnte, den er einfach genauso anziehend fand wie die andere Person ihn, gäbe es keine diesbezüglichen Diskussionen und alles wäre viel einfacher. Sex wäre einfacher, weil das Bedürfnis mit der Anziehung käme. Erregung wäre einfacher, weil es nur den Anblick der anderen Person dafür brauchen würde. Es wäre wie eine normale Beziehung und würde auch genau so gut funktionieren. Wenn das alles zusammenpasste, brauchte die Person noch nicht einmal von seiner Greysexualität zu wissen! Was ihm eine weitere Diskussion ersparen würde.
Scarlett war eine solche Person. Sie ließ ihm keine Ruhe. Hätte er sie doch bloß nicht geküsst! Er hätte sich beherrschen sollen. Vielleicht wäre es einfach wieder abgeklungen, wenn er sie nicht mehr jeden Tag sah, und er hätte einfach in seinen Alltag zurückkehren und sie vergessen können. Jetzt wollte Gustaf sie nur noch bei sich haben, ihren feenhaften Körper streicheln, ihre überirdische Erscheinung bewundern und den Rest der Welt vergessen. Er wollte mit ihr schlafen, tagein, tagaus, bis ihm alles wehtat.
Gustaf atmete durch die Nase ein und durch den Mund aus. Das hatte er von der Gesangstechnik gelernt. Der Vorteil daran war, dass sich die Lungen tiefer mit Luft füllten, als wenn man durch den Mund einatmete. Außerdem tat es gut und entspannte den Körper. Es half Gustaf zwar nicht, die rotierenden Gedanken loszuwerden, aber er fühlte sich augenblicklich besser.
Zwischen seinen Beinen pulsierte es weiter und mit jedem Bild von Scarlett, das seine Erinnerung hergab, wurde es stärker. Er schob eine Hand unter die Bettdecke und befriedigte wenigstens dieses Bedürfnis.


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