Kapitel 13 – Die Wette

Gegenwart

Die Festivalsaison hatte begonnen. Scarlett sass an einem der langen Tische im Catering-Zelt in einer Ecke und beobachtete die Leute. Nur wenige liessen sich an dem Tisch nieder um zu essen. Das kam ihr gerade recht. Sie genoss die Minuten, die sie für sich hatte. In einer halben Stunde würde sie sich auf ihren Auftritt vorbereiten und nach der Show ging der Trubel mit einer Autogrammsession und diversen Interviews weiter. Noch in der Nacht würde der Divine-Mystery-Tourbus sich wieder in Bewegung setzen, um die nächste Station anzusteuern, und der Kreislauf ging von vorne los.
Wenigstens konnte sie sich so ein wenig von der Tatsache ablenken, dass Stephen sich tatsächlich scheiden lassen wollte. Schweren Herzens hatte Scarlett ihre Unterschrift unter die Papiere gesetzt, bevor sie mit der Band losgefahren war, und noch immer hoffte sie, dass er vielleicht doch noch einmal darüber nachdenken würde. Sie wollte bei ihrer Rückkehr nicht in ein leeres Haus kommen. Andererseits hätten sie das vielleicht schon vor Jahren tun sollen.
Scarlett wurde aus ihrem Gedankenstrom gerissen, als Goldie Aberdeen und Ronnie Berlin von Mary Read das Zelt betraten. Schwarzhaarig und Blond. Das war der einzige nennenswerte Kontrast zwischen ihnen. Ansonsten glichen sie sich wie ein Ei dem anderen, dieselben abgewetzten Klamotten, dieselbe Körperhaltung. Ausser, dass Goldie ein paar Zentimeter grösser war als sein Kumpel.
Die beiden neckten sich wohl gerade wegen irgendetwas und als sie Scarlett sahen, hielten sie kurz inne, schauten sich erfreut an und steuerten dann direkt auf den Tisch zu. Es verwunderte Scarlett nicht, dass sie bereits Flaschen in den Händen hielten. Diese Jungs hatten ihr Bier irgendwie immer schon mit dabei.
Goldie winkte ihr zu. Scarlett winkte zurück. Jetzt brauchte sie auch nicht mehr die ahnungslose zu spielen. Ausserdem freute sie sich, Goldie zu sehen. Die Erinnerung an die Nacht auf Frodes Terrasse kam zurück und sie lächelte. Es blieb trotz des abrupten Endes eine schöne Erinnerung.
«Hi», sagte er, als die beiden bei ihr ankamen.
«Hey.» Sie stand auf und umarmte ihn flüchtig. «Ronnie.» Sie wandte sich dem Gitarristen zu und gab ihm zwei Wangenküsschen.
«Hey, Scarlett», sagte er.
«Und, wie läuft’s?», fragte Goldie.
«Gut», antwortete sie. «Ich entspanne mich noch ein wenig, bevor ich mich für die Show vorbereiten muss. Und bei euch so?»
«Wir sollten eigentlich längst geschminkt und gestylt sein», sagte Goldie.
«Quatsch, schau mal», Ronnie deutete auf seine Uhr, «wir haben mehr als genug Zeit. Wir müssen das jetzt klären.»
«Mit der Zeit bin ich mir nicht ganz sicher, aber mit dem anderen hast du recht.»
«Was klären?», fragte Scarlett. Sie war ein wenig überrascht. Die beiden mussten ja einen Grund gehabt haben, zu ihr zu kommen.
«Was ist deine echte Haarfarbe?», fragte Ronnie ohne Umschweife.
Scarlett lachte auf. «Habt ihr eine Wette am Laufen?»
Scarletts Genre war Symphonic Metal und sie bediente ein Klischee, in dem sie sich die Haare rot färbte. Jeder wusste, dass es gefärbt war, aber es gab eine Art Konsens, nicht darüber zu sprechen. Dafür existierte auch keine Notwendigkeit, weil die Fans es sowieso toll fanden.
«Ja», antworteten die beiden Männer gleichzeitig und beide kicherten wie kleine Jungs.
«Ehrlich?», sagte sie. «Ihr habt eine Wette über meine Haarfarbe abgeschlossen?»
«Ja», antwortete Ronnie lachend.
Goldie nickte nur.
«Nun, wenn ich euch das verraten würde, wäre es ja kein Geheimnis mehr, oder?», witzelte sie, um die beiden ein wenig zu necken.
«Ist es ja sowieso nicht», erwiderte Goldie. «Du kannst mich doch jetzt nicht einfach hängen lassen.»
Sie zögerte einen langen Moment. Diese Jungs waren wirklich lustig. Es verwirrte Scarlett ein wenig, dass Goldie einfach so tat, als ob nie etwas gewesen wäre, aber andererseits war das hier weder der Ort noch die Zeit, um darüber zu sprechen. Vermutlich liess Goldie sich deshalb nichts anmerken.
Scarlett antwortete erst, als er erneut den Mund öffnen wollte, um noch etwas zu sagen.
«Dunkelbraun. Aber pssst.» Sie legte theatralisch einen Finger auf ihren Mund und zwinkerte ihnen zu.
Ronnie prustete los. «Goldie Aberdeen, du bist am Arsch!»
Goldie lachte ebenfalls, aber Scarlett sah ihm an, dass es bei ihm eher eine Art Abwehrmechanismus war. Er fand das Resultat offenbar weit weniger lustig als sein Kumpel.
«Scheisse», sagte er.
Musste ja ein furchtbar hoher Wetteinsatz sein. Scarlett wollte es gerne genauer wissen, aber dann auch wieder nicht. Sie beschloss, es darauf ankommen zu lassen. «Ich frage jetzt nicht, worum ihr gewettet habt.»
«Danke», sagte Goldie.
«Ist egal, morgen wird es sowieso jeder wissen.» Ronnie grinste über beide Ohren.
«Jaja, ist gut», ermahnte Goldie seinen Kumpel. «Wir müssen jetzt sowieso los. Danke für deine Kooperation, Scarlett.» Er stand auf und tat so, als würde er sich verbeugen. Scarlett lachte.
Ronnie ging ein paar Schritte voraus.
Goldie blieb einen Moment stehen, als wüsste er nicht genau, ob er noch etwas sagen sollte.
«Na, dann», sagte Scarlett an seiner Stelle. «Macht’s gut. Bis bald.»
Er wirkte erleichtert, als er lächelte. «Bis Bald, Scarlett.»
Damit drehte er sich um und ging seinem Kumpel nach.
«Warte», rief Scarlett, als Goldie bereits einige Schritte gegangen war. Er blieb stehen und blickte über die Schulter.
«Was war deine Antwort?», fragte Scarlett.
«Dunkelblond.»
Sie glaubte, zu erkennen, wie er ihr zuzwinkerte, aber es flackerte so schnell und so flüchtig auf, dass sie sich nicht sicher war. Sie wurde nicht schlau aus seinem Verhalten. Was um Himmels Willen hatte das alles zu bedeuten? Oder steigerte sie sich in etwas hinein?

Um null Uhr dreissig klopfte es bei Mary Read an die Bustür. Gustaf sass mit Lisa und ihrer Freundin Jackie auf einer halbmondförmigen Bank um einen kleinen Tisch. Lisa öffnete ein weiteres Bier und Jackie nahm einen Schluck von ihrem eigenen.
Gustaf unterbrach seine Diskussion mit Ronnie, indem er ihm einen mahnenden Blick zuwarf. Das hier musste warten, bis der ungebetene Besucher verschwunden war. Die anderen Bandmitglieder und Jackie blickten ein wenig ratlos zwischen den beiden Freunden hin und her.
«Warten wir einfach, bis er geht, oder …», sagte Jesse, der neben Ronnie vor dem Tisch stand.
«Nicht zu öffnen ist unhöflich», erklärte Gustaf.
«Nix da!», beschloss Ronnie. «Du bleibst schön da sitzen. Musst gar nicht meinen, du könntest dich einfach davonstehlen.»
Gustaf hob abwehrend die Hände. «Hatte ich auch nicht vor. Danke für dein Vertrauen.»
«Sagt der Richtige», entgegnete Ronnie und fuchtelte mit dem Plastikding in seiner Hand herum.
Es klopfte erneut. Dieses Mal warf Lisa den beiden einen auffordernden Blick zu. Gustaf machte jedoch genauso wenige Anstalten, sich zu bewegen, wie Ronnie.
«Das ist so lächerlich, wisst ihr das?», sagte Jesse mit übertrieben genervter Miene und ging, um die Tür zu öffnen.
«Das ändert gar nichts», sagte Ronnie. «Wette ist Wette.»
«Etwas anderes habe ich nie behauptet», entgegnete Gustaf. «Aber wenn du glaubst, dass ich dich in diesem Zustand hier ranlasse», er deutete auf seinen Kopf, «irrst du dich.»
«Jaja, und Morgen heisst es dann, ist zu lange her, vergessen wir’s», erwiderte Ronnie und schwang weiterhin das Haarschneidegerät herum wie eine Waffe.
«Leute, ihr seid echt so kindisch.» Jackie kicherte unverblümt. Sie war sichtlich amüsiert.
«Dann mach du es», sagte Gustaf zu ihr.
«Wie gesagt: Nein», entgegnete Lisas Freundin. «Wer so eine idiotische Wette eingeht, muss halt auch die Konsequenzen selber tragen.»
Gustaf beschloss, vorerst nicht darauf einzugehen und wandte sich gleichzeitig mit Ronnie Lisa zu.
Sie hob abwehrend die Hände. «Nee, nee, ich lass mich da nicht mit reinziehen. Am Ende erhängst du mich noch.»
Das brachte Gustaf zum Lachen, löste aber nicht sein Problem. Selber machen konnte er es nicht, das war viel zu gefährlich bei dem schlechten Licht. Ausserdem war er motorisch nicht sonderlich begabt. Ronnie allerdings auch nicht, auch wenn man von einem Gitarristen etwas anderes erwartete.
Jesse kam zurück in den Loungeraum, im Schlepptau eine kleine Frau mit dunkelroten Locken. Als sie in den Lichtschimmer trat, erkannte Gustaf Scarlett. Im ersten Augenblick war er ein wenig schockiert. Zwar war es normal, dass Freunde aus anderen Bands im Tourbus zu Besuch kamen, doch sie hätte er hier nicht erwartet. Er entspannte sich, als er ihren friedfertigen Gesichtsausdruck wahrnahm.
«Hi, Scarlett», sagte er.
«Hallo zusammen», antwortete sie.
Allgemeines «hi» folgte.
Ronnie wandte sich ihr zu. «Du kommst gerade richtig», sagte er.
Jesse schlug sich theatralisch die Hand vor die Stirn.
«Was?», wollte Ronnie wissen. «Wir brauchen jemanden, der das machen kann und deshalb frage ich.»
«Moment.» Scarlett starrte misstrauisch auf das Gerät in Ronnies Hand. «Was genau soll ich machen?»
Gustaf seufzte.
Scarlett wirkte ein wenig schockiert, als sie sich zu ihm umdrehte. «Was, du? Das da? Nicht im Ernst …»
«Es ist nicht, wonach es aussieht», erklärte Gustaf.
«So, was ist es denn?», wollte Scarlett wissen.
«Sidecut», führte Ronnie aus. «Wir haben uns auf einen Sidecut geeinigt.»
Scarlett öffnete den Mund, sagte aber einen Moment lang nichts, bevor sie ungläubig auf Gustaf deutete und zusammenfasste. «Heisst das, ich soll dir die Haare abrasieren.»
«Wenn du es kannst, sind wir froh», flötete Ronnie.
Gustaf machte eine wegwerfende Geste. «Du bist momentan die einzig vertrauenswürdige Person hier drinnen, die sich noch nicht geweigert hat.»
Scarletts Augen weiteten sich noch mehr. «Oh, und wenn ich mich jetzt weigere?»
«Dann haben wir ein Problem», säuselte Ronnie.
«Ronnie halt den Mund», sagte Gustaf. Dann wandte er sich wieder Scarlett zu: «Dann bin ich ziemlich am Arsch, weil ich es dann dem da überlassen muss.» Er zeigte anklagend auf Ronnie.
«Jetzt tu nicht so», verteidigte sich Ronnie. «Du wolltest ja unbedingt recht haben.»
«Es war deine beschissene Idee.»
«Zu der du eingewilligt hast.»
«Ookaay», sagte Scarlett langgezogen und unterbrach damit die Diskussion. «Wollt ihr das nicht lieber von jemand Professionellem ausführen lassen?»
«Danke!», sagte Gustaf theatralisch. «Der Meinung bin ich auch.»
«Wettschulden sind umgehend fällig», konterte Ronnie.
Jesse tauschte derweil einige Blicke, die seine Meinung zu der Sache verdeutlichten, mit Lisa und Jackie aus.
«Da hat er eben leider recht», sagte Gustaf. «Sonst müsste ich ja noch meine Mancard abgeben!»
Lisa und Jackie brachen in haltloses Gelächter aus.
Gustaf warf ihnen einen Blick zu, aber die beiden Frauen liessen sich davon nicht beeindrucken. Am liebsten hätte er sich verdrückt, aber das war ihm tatsächlich zu feige. Es war eine Frage der Ehre, sich an die Vereinbarung zu halten.
«Okay, ihr spinnt», stellte Scarlett fest.
«Allerdings», warf Jackie ein.
«Jetzt seid mal nicht so negativ», sagte Ronnie. «Also, kannst du nun mit diesem Ding umgehen oder nicht? Sonst fang ich jetzt an.»
Er trat einen Schritt auf Gustaf zu. Gustaf seufzte innerlich auf. Er wollte schon aufstehen und Ronnie das Ding aus der Hand reissen, als Scarlett sich einschaltete.
«Halt!», rief sie. «Gib mir das Ding», forderte sie mit einer Winkbewegung. «So besoffen wie du bist, kommt das nicht gut.»
Gustaf grinste Ronnie triumphierend an. Ronnie reichte Scarlett das Gerät.
Sie betrachtete Gustaf einen kurzen Augenblick lang, während sie zu ihm herüberkam. Bildete er sich das ein, oder veränderte sich ihr Gesichtsausdruck dabei ein wenig? Bestimmt bildete er es sich ein. Zum einen spürte er, wie dieses Verlangen nach ihrem Körper ihn wieder überkam und zum anderen hatte er so viel Bier in sich hineingeschüttet, um das hier zu ertragen, dass ihn seine Sinne schonmal täuschen konnten.
Mit langsamen Bewegungen beugte Scarlett sich über ihn und begradigte mit den Fingern den Seitenscheitel. Die Sorgfalt, mit der sie das machte, beruhigte Gustaf ein wenig. Ausserdem war er froh, dass sie sich für die schmalere Seite entschied. Bei Ronnie war er sich da nicht so sicher gewesen. Scarlett nahm einen tiefen Atemzug und schaltete das Gerät ein. Gustaf setzte sein bestes Pokerface auf, während sie ihm die Schädelhälfte kahl scherte. Gott, war das ein beschissenes Gefühl!
Nach ein paar Minuten erlöste Scarlett Gustaf. Sie schaltete das Gerät aus und warf es auf den Tisch.
«Scheisse», sagte er und fuhr sich mit der Hand über die rasierte Fläche. «Fuck.»
«Tja, so kann’s gehen», witzelte Ronnie.
Gustaf warf einen Bierdeckel nach ihm. Ronnie duckte sich, war aber zu langsam und wurde von dem Stück Pappe am Auge getroffen. «Autsch!», schrie er.
«Tja, so kann’s gehen», kommentierte Gustaf.
Lisa und Jackie schüttelten ungläubig die Köpfe.
«Ich hol dir mal einen Spiegel», sagte Jesse und verschwand im hinteren Teil des Busses.
Nun brach auch Scarlett in Gelächter aus. Zuerst gluckste sie bloss, doch dann beugte sie sich beinahe hysterisch nach vorne und stützte die Hände auf die Oberschenkel. Scarletts ganzer Oberkörper zitterte und ihr Gesicht war hinter den chaotischen Locken verborgen. Nur an ihrer Stimme hörte man, dass sie immer noch lachte und atmete.
Gustaf irritierte das ein wenig. Es schien ihr ebenfalls nicht mehr besonders gut zu gehen. War es wirklich die Situation, die sie dermassen aus dem Konzept brachte? Er  sprang auf und legte seine Hände auf ihre Arme.
«Hey, alles in Ordnung?», fragte er.
«Ja», sagte sie nach Luft schnappend. Langsam richtete sie sich auf. «Ja, alles bestens», wiederholte sie atemlos. «Es ist nur, naja … zu viel, das … Ist alles so absurd.» Als würde ihr klar, was sie gerade gesagt hatte, sah sie zu Gustaf auf und fügte hinzu: «Aber vergiss es. Hier geht es um dich.»
«Ich werde es überleben», antwortete er trocken.
«Gut. Ich wollte mich eigentlich nur verabschieden», fuhr sie fort, nachdem sie nun offenbar beruhigt war. «Wir fahren bald los und da dachte ich …»
«Komm, ich begleite dich nach draussen», sagte Gustaf. Er konnte selbst etwas Ruhe gebrauchen und ausserdem erschien es ihm eine gute Gelegenheit, reinen Tisch zu machen.
Die frische Luft tat gut, doch nun, da er ein paar Schritte gegangen war, spürte Gustaf den Schwindel, den der Alkohol verursachte.
«Oh Gott, Scheisse», sagte er noch einmal.
«Du bist wirklich verrückt, das weisst du, ja?», erwiderte Scarlett.
Gustaf lachte heiser. «Ja, muss wohl so sein. Danke.»
Scarlett schüttelte den Kopf. «Na, hallo, als ich zu Ronnie sagte, er wäre zu besoffen, meinte ich das ernst.»
«Ich weiss», antwortete er. «Trotzdem.» Ihre Anwesenheit war ungemein hilfreich gewesen und wenn es nur daran gelegen hatte, dass sie sich nicht gegen ihn gestellt hatte.
«Scarlett, hör mal, die Sache auf der Terrassenparty …»
«Ja?»
«Das war blöd», sagte er. «Ich mag dich, aber mehr … Nun ja, du weisst schon.» Verfluchtnocheins. Er war ohnehin schlecht in solchen Sachen und in diesem Zustand erst recht. Er sammelte seinen ganzen Mut zusammen, um die Frage zu stellen, die ihm wirklich auf der Zunge brannte. «Wir sind doch noch Freunde, oder?»
Scarlett sah ihn einen Moment lang wortlos an. In ihrem Blick lag eine gewisse Traurigkeit, aber auch Sanftmut und Ruhe. «Klar», antwortete sie. «Ich muss …» Sie nickte über den Busparkplatz.
Gustaf trat einen Schritt nach vorne und umarmte sie. Als ob in seinem Inneren eine Wand zusammengebrochen wäre, drückte er sie an sich, nur ein klein wenig mehr, als man es unter guten Freunden getan hätte. Scarlett legte ihre Hände auf seinen Rücken. Sie hatte einen festen, selbstsicheren Griff.
«Mach’s gut, Scarlett O’Bannon», sagte er, als er sich von ihr löste.
«Du auch», entgegnete sie. «Und bis bald, Goldie Aberdeen.»
«Bis bald.»

Auf der Busfahrt am nächsten Tag generierte Gustaf einen Instagrambeitrag mit dem Foto, das Lisa gemacht hatte. Wenigstens das hatte Ronnie ihm gelassen. Er schlief ein paar Sitzreihen weiter vorne, die Stirn ans Fenster gelehnt und völlig weggetreten.
Jesse beanspruchte zwei Sitze für sich und es war schlecht zu erkennen, ob er schlief oder mit den Kopfhörern tatsächlich Musik hörte. Vielleicht tat er auch beides.
Gustaf fühlte sich auch nicht viel besser. Er hatte nur wenige Stunden geschlafen und sein Kopf brummte noch von dem vielen Alkohol und Scarlett. Der Regen, der gegen das Busfenster prasselte, kam Gustaf schrecklich laut vor.
Er fuhr sich mit der Hand über die kahle Stelle an seinem Kopf und betrachtete sich in der Spiegelung des Telefons. Scarlett hatte es eigentlich ganz gut hinbekommen. Es fühlte sich zwar immer noch schrecklich an und wenn noch einmal jemand fand, er solle sich nicht so anstellen, würde er diesem jemand eine überbraten, so viel stand fest.
Aber etwas anderes von diesem Abend war Gustaf noch mehr hängengeblieben. Das Gefühl, das ihn überkommen hatte, als er Scarlett umarmt hatte. In diesem Moment hatte sich irgendetwas verändert. Es war, als ob sie eine neue Ebene betreten hätten. Gustaf überlegte, ob das etwas zu bedeuten hatte. Ob es wirklich möglich war, dass es mit ihr klappen könnte, dass sie wirklich richtig zusammen sein könnten. Für einen Moment gab er sich diesem Traum hin und stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie jetzt hier neben ihm sässe und er ihr schönes Gesicht den ganzen Tag lang betrachten und ihre weiche Haut berühren könnte.
Er besann sich, schüttelte diese Gedanken ab und klickte auf den «Posten»-Button. Sofort flatterten dutzende Herzchen herein und die Kommentarspalte explodierte. Die meisten Fans fanden es offenbar toll und die anderen sagten einfach nichts, wie das im Internet eben so war. Jemand bekundete, dass er es schade um die schönen Haare fand, aber die Person wurde weitestgehend ignoriert.
Gustaf beantwortete so viele Kommentare wie möglich mit dankenden Worten.
Ein weiterer Kommentar von Scarlett erschien, in dem sie erklärte, wie gut sie seinen neuen Style fand, begleitet von einem Emoticon mit Herzaugen. Gustaf musste lachen, als er es las und im selben Moment erschien ein roter Punkt bei den Direktnachrichten.
«Sehen wir uns in Tschechien?», schrieb sie.
«Ja», antwortete er.


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