Kapitel 14 – Der Tanz

Gegenwart

Tschechien. Ein kleines, familiäres Festival.
Gustaf saß mit seinen Bandkumpels ganz vorne an einem der langen Festbänke. Das Zelt war pumpenvoll und das hier war der letzte verbliebene Platz gewesen. Direkt neben ihnen gab es eine Fläche, auf der einige Leute tanzten oder headbangten. Rund um die Headbangerfläche standen weitere Menschen herum. Stimmengewirr, Musik und das Klirren von Gläsern mischten sich zu einem lauten Durcheinander aus Geräuschen.
Das Festival ging zu Ende. Die Mitglieder von Mary Read hatten ihren Auftritt schon am Nachmittag gehabt, weshalb sie schon seit einer ganzen Weile feierten und tranken. Zuerst draußen auf der Wiese, jetzt hier drinnen unter den anderen Künstlern.
Gustaf wurde allmählich müde. Scarlett war noch nicht aufgetaucht und da sie nicht auf seine Nachricht geantwortet hatte, nahm er sich vor, nach diesem Bier in den Tourbus zu verschwinden. Das war ohnehin die bessere Idee. Er wollte diese Gedanken an sie nicht haben. Sie lenkten ihn vom Wesentlichen ab, von seinen Konzerten und dem neuen Album, das bald erscheinen würde.
Er schwenkte seine Flasche zwischen den Fingern und stellte fest, dass nur noch ein kleiner Schluck übrig war. Mit einem Zug leerte er die Flasche.
«Jungs, ich bin dann mal», sagte er zu den anderen und stand auf.
«Was? Du willst schon abhauen?», neckte Ronnie.
«Gute Nacht», flötete Lisa.
Jesse hob bloß die Hand zum Abschiedsgruß, sagte aber nichts.
«Gute Nacht», antwortete Gustaf. Und zu Ronnie gewandt fügte er hinzu: «Ich will morgen niemanden unter dem Tisch liegen sehen.»
Lisa und Jesse lachten.
Gerade als Gustaf sich umdrehen wollte, entdeckte er auf der anderen Seite der freien Fläche Scarlett, um die sich ein kleines Grüppchen scharte. Ein großer, muskulöser Kerl mit extrem langen blonden Haaren raunte ihr etwas zu und sie lachte auf. Gustaf vermutete, dass es sich bei dem Typen um Aiden, den Gitarristen von Divine Mystery handelte.
Das Gespräch ging weiter, doch Scarlett schien abzudriften. Sie schaute nervös umher und wurde immer wieder von Vorbeigehenden oder lauten Rufen aufgeschreckt.
Gustaf ging zu ihr hinüber. Als sie ihn bemerkte, winkte sie ihm zu und ihr Gesicht verwandelte sich in ein Lächeln.
«Hey», sagte er, als er bei ihr angekommen war.
«Hi», antwortete sie.
Sie umarmten sich freundschaftlich.
«Hast du meine Nachricht nicht gesehen?», fragte er geradeheraus.
Scarlett wirkte ein wenig überrascht. «Du hast mir eine Nachricht geschickt? Nein, sorry, ich habe seit heute Morgen nicht mehr auf mein Handy geschaut. Das eine Interview hat unseren Zeitplan ein wenig durcheinandergebracht. Der Moderator war so ein Idiot, sage ich dir. Er hatte keine Ahnung, wer wir sind! Ich meine, wenn du doch jemanden interviewst, ist es doch das Mindeste, sich vorher ein bisschen über die Band zu informieren, findest du nicht auch?»
Gustaf zuckte nur die Schultern. Für ihn war so etwas sozusagen Alltag und er nahm es den Leuten von den Youtubekanälen, Kleinmagazinen und Fanblogs nicht übel. Die hatten doch genauso wenig Zeit wie die Musiker.
«Vielleicht war er einfach sehr gestresst», sagte Gustaf.
«Das ist keine Entschuldigung», entgegnete Scarlett. «Du bist viel zu nett. Er war ein Idiot.»
«Und du solltest deinen Ärger vergessen und den Abend genießen», hielt Gustaf dagegen, während er eine Hand auf ihren Rücken legte.
Scarlett entspannte sich ein wenig. «Hast ja recht. Solche Dinge wühlen mich immer auf und dann brauche ich ewig, um herunterzukommen.»
«Das kommt mir irgendwie bekannt vor», sagte Gustaf. Er wusste ganz genau, wovon sie sprach, auch wenn es einfacher geworden war, seit er mit Mary Read Musik machte.
«Nein, hier!», rief der glatzköpfige Typ neben dem großen Blonden. Scarlett fuhr zu ihnen herum.
«Nein, das habe ich schon versucht, das geht nicht!», antwortete der Blonde. Er hielt ein Smartphone in der Hand.
«Hier drüber wischen, so.» Der Glatzkopf wischte mit dem Finger über das Smartphone, aber sein Gesichtsausdruck veränderte sich zu Verwirrung statt Zufriedenheit.
«Was habt ihr denn vor?», sagte Scarlett.
«Ich will dieses Bild verkleinern, so dass nicht die Hälfte von unseren Gesichtern am oberen Rand verschwindet», erklärte der Blonde.
«Aiden, du wirst alt», sagte sie. «Gib her.» Er gab ihr das Telefon und Scarlett verkleinerte das Bild mit zwei Fingern. Der Gitarrist bedankte sich und beschäftigte sich dann wieder mit dem Telefon.
Gustaf hatte nichts dazu gesagt, weil er nicht wusste, was. Er hätte auch einen Schritt nach vorne machen und sich vorstellen können, doch darin sah er keinen Sinn. Diese drei Menschen und die anderen beiden, die noch dabei standen, waren ein genauso eingeschworenes Grüppchen wie Gustaf und die Marys. Er gehörte schlicht nicht dazu und verspürte auch kein Bedürfnis danach. Er wollte einfach nur Scarletts Nähe. Körperliche Nähe.
Scarlett wandte sich ihm wieder zu. «Meine Jungs», kommentierte sie. «Leben manchmal ein bisschen hinter dem Mond.»
«Solltest auch mal mitkommen», entgegnete der Glatzkopf prompt.
In diesem Moment erklangen die ersten Töne von Hardlines «Hot Cherie». Gustaf kannte das Lied schon lange und mochte es sehr. Das langsame Synthesizer-Intro wechselte in ein druckvolles, rhythmisches Gitarrenriff.
Jesse und einige weitere Leute von Mary-Read-Tisch brachen in laute Begeisterungsrufe aus. Andere standen auf und begaben sich auf die Tanzfläche.
Gustaf ließ sich von der guten Stimmung mitreißen. «Darf ich bitten?», sagte er zu Scarlett und nahm ihre Hand. Er machte einen Schritt in Richtung Tanzfläche. Scarlett lachte auf und schüttelte den Kopf, doch als er ein wenig an ihrer Hand zog, kam sie mit.
«Spinner», sagte sie.
«Was? Gegen ein bisschen Spaß ist doch nichts einzuwenden.»
Als Antwort machte sie einige extrakomische Bewegungen. Gustaf ertappte sich bei dem Wunsch, sie wären allein, aber er ermahnte sich innerlich, langsam an die ganze Sache heranzugehen. Schließlich wusste er noch immer nicht, worum es ihm hier wirklich ging. Zweifellos wollte er mit ihr schlafen, aber er wollte das auch nicht einfach so tun und eigentlich war er ja auf der Suche nach einer echten Verbindung zu einem anderen Menschen.

Für eine Sekunde fühlte Scarlett sich ein wenig überrumpelt, doch dann beschloss sie, mitzumachen. Warum auch nicht? Es sprach nichts gegen ein wenig Bewegung. Das hier war Goldie und nicht irgendein dahergelaufener Kerl mit einer dummen Anmache. Außerdem war flirten nicht verboten.
Erst recht nicht mehr jetzt, da die Situation mit Stephen so war, wie sie eben war. Ihn interessierte es nicht mehr, was sie unterwegs tat, also brauchte sie auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Zumal er ihr ja ohnehin nicht geben konnte, was sie brauchte. Da durfte sie sich ja wohl einen ausgelassenen Abend gönnen!
Sie konnte jederzeit aussteigen, richtig? Vielleicht würde ihr ein wenig Ablenkung von dem ganzen Stress der letzten Wochen guttun. Ein wenig Ablenkung von Stephen und dem ganzen Mist mit ihm. Ein wenig Ablenkung von … Nein, Goldie stand vor ihr und bewegte sich so agil und geschmeidig, dass Scarlett nirgendwo anders mehr hinsehen konnte.
Auf einmal überkam sie dasselbe Gefühl, dass sie vor einigen Wochen im Mary-Read-Tourbus verspürt hatte. Eine Ahnung von etwas Mehr, der Anflug einer Vertrautheit, die etwas anderes als Freundschaft bedeutete. Den Kuss auf Frodes Party hatte sie schon fast wieder vergessen, doch dann war die andere Sache passiert und hatte alles irgendwie verschoben. Es war, als hätte ein großer Erdrutsch Scarletts Leben durcheinander gebracht.
Jetzt befand sie sich hier in diesem Zelt und tanzte mit Goldie, obwohl sie eigentlich viel zu müde für so etwas war und schon längst im Bett sein sollte. Aiden und Homie stolperten kurz in ihr Gesichtsfeld, während sie sich zum Ausgang schlängelten. Sie winkten Scarlett zu, doch Scarlett war zu abgelenkt von Goldies Bewegungen, um zu reagieren.
Das war verrückt. Völlig verrückt.
Scarlett schüttelte den Kopf ein wenig, um ihre Gedanken zu klären. Im Tanz ging das ganz gut, ohne dass es jemand bemerkte. Eine Affäre war so ziemlich das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte! Oder vielleicht doch?
Goldie kam mit einem schnellen Schritt näher, umfasste ihre Taille und wirbelte sie herum. Scarlett lachte auf, doch sie rächte sich sogleich, in dem sie ihn dazu nötigte, bei ihr einzuhaken.
Er sang lautstark den Text mit und beim Refrain, der eine eindeutige Aufforderung zu sexuellen Handlungen enthielt, zwinkerte er ihr vielsagend zu.
Scarlett schüttelte den Kopf. Nein, das ging nicht. In ihrem emotionalen Zustand würde das bestimmt zu nichts Gutem führen. Sie sollte einfach nur den Moment genießen und danach ins Bett gehen. In ihr eigenes, in ihrem eigenen Bus, allein.
Er wirbelte sie herum und umarmte sie seitlich. Sie ließ es zu, drehte sich dann ab und nahm seine zweite Hand. Sie alberten ein bisschen herum, ehe er wieder näher kam.
«Warum nicht?», fragte er leise.
«Findest du diese Frage nicht ein wenig frech?», erwiderte sie.
«Es war dumm von mir, so zu tun, als bedeute alles nichts. Sorry.»
Das überraschte Scarlett. Hatte er nicht das letzte Mal noch nur Freunde sein wollen? Oder hatte er den Erdrutsch auch gespürt? Scarlett hielt in ihrer Bewegung inne und legte die Hände auf seine Schultern. Warum musste er nur so verdammt unwiderstehlich sein?
Auf einmal war sie sich ganz sicher: Wenn es eine Chance darauf gab, dass das hier weiterging, musste sie sie nutzen.
«Schon okay», sagte sie.
Goldie löste sich aus ihrem Griff und machte eine theatralische Verbeugung.
Scarlett lachte erneut.
Sie tanzten weiter, zwar völlig aus dem Rhythmus, doch das spielte keine Rolle. Scarlett fiel Goldies hohe Körperspannung auf. Jeder Muskel spielte mit und seine Silhouette bestand nur noch aus geschwungenen, perfekten Linien.
Scarlett fand es nicht verwunderlich, dass haufenweise Frauen an seinen Konzerten der Ohnmacht nahekamen und Groupies ihn überall umgarnten, wo er hinkam. Gerüchten zufolge ließ er sich jedoch nie auf die jungen Mädels ein. Man sagte ihm nach, er ziehe sich lieber allein zurück, während die anderen Bandmitglieder, einschließlich der Schlagzeugerin, die Gesellschaft von fremden Frauen durchaus willkommen hießen.
Scarlett merkte, wie ihr innerer Widerstand bröckelte. Nein. Es war ja doch nur eine Strategie, um über die ganze Sache mit Stephen hinwegzukommen. Das wäre Goldie gegenüber unfair gewesen und das wollte sie nicht. Sie sollte nach diesem Tanz einfach wie geplant gehen, in ihren eigenen Bus, in ihr eigenes Bett, alleine. Das sollte sie tun. Doch wie länger sie Goldie zusah, umso grösser wurde ihr Verlangen nach ihm.

Das Lied war gerade zu Ende, als in Scarlett eine Veränderung vorging. Zuerst dachte Gustaf, sie wäre bloß etwas wackelig auf den Beinen, was nach einem solchen Festivalgig und ein paar Bier durchaus sein konnte. Wenn das Adrenalin vom eigenen Auftritt abklang und der Alkohol allmählich seine Wirkung entfaltete. Doch Scarletts Bewegungen waren nicht unkoordiniert. Sie wurde lediglich langsamer. So sehr, dass Gustaf sich fragte, ob er sie zu stark bedrängt hatte.
Er fühlte sich immer noch von Minute zu Minute benebelter und vorhin war es eben mit ihm durchgegangen. Für ihn war das ein unverkennbares Zeichen, dass er diese Anziehung nicht mehr länger unterdrücken konnte. Vielleicht sollte er es wirklich einfach zulassen und es genießen, solange es andauerte, sich ein bisschen Spaß gönnen. Ein Mensch von hunderttausend. Oder so. Warum ausgerechnet sie? Warum konnte es nicht einfach irgendjemand Fremdes sein?
Als das nächste Lied begann, hielt er inne und trat zu Scarlett. «Alles in Ordnung?», fragte er.
«Ja.» Sie nickte, aber sie wirkte abwesend.
«Das ist eine ernst gemeinte Frage», beharrte er. «Wenn ich dich bedrängt habe…»
«Nein.» Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. Auf einmal leuchtete ihr Blick hellwach. Sie sah ihm direkt in die Augen.
Gustaf vergaß die Welt um sich herum völlig, konnte an nichts mehr anderes denken als die Schönheit, die er vor sich hatte. Schönheit, das war das richtige Wort. Sie lag nicht nur in Scarletts Erscheinung, sondern auch in jeder ihrer Bewegungen, in ihrer Mimik, in ihrer Stimme. Er ergriff ihre Hand und küsste sie vorsichtig. Scarlett lächelte.
«Wirklich», sagte er. «Ich will dich nicht verletzen.»
«Tust du nicht», entgegnete sie. «Es ist nur…»
«Nur was?»
«Ich war gerade etwas in Gedanken», antwortete sie.
Gustaf überlegte, ob er noch etwas sagen sollte, aber er befürchtete, damit den Moment zu zerstören. Trotz seines Gefühls, dass das alles hier nicht gesund war, würde er es bereuen, wenn er sie jetzt einfach gehen ließ, so viel stand fest.
Sie standen schweigend da und Gustaf glaubte schon, Scarlett würde sich gleich lösen und verabschieden, als sie sagte: «Hat dir schon einmal jemand gesagt, wie schön deine Augen sind?»
Er lächelte. «Nein.»
«Sie sind wunderschön.»
Der allerletzte Rest von Gustafs innerem Widerstand brach in sich zusammen. Mit einem Arm zog er Scarlett zu sich heran und küsste sie. Zu seiner Erleichterung erwiderte Scarlett den Kuss. Es kam Gustaf noch intensiver vor als vor einigen Monaten auf Frodes Terrasse. Es war sehr, sehr lange her, seit er das letzte Mal ähnliche Gefühle verspürt hatte. Die Hitze, der Wahnsinn, der Kontrollverlust. Gustaf gab es auf, sich gegen diesen Ausnahmezustand zu wehren und vergaß den Rest der Welt.
Langsam ließ Scarlett von ihm ab und sagte: «Lass uns verschwinden.»

Scarlett folgte Goldie zu seinem Bett. Gewissensbisse schlichen sich bereits in ihren Kopf, doch als Goldies Haar über seine entblößte Schulter fiel, während er sich zu dem Kabäuschen von Busbett hinunterbeugte, vergaß Scarlett die ganzen negativen Gedanken. Sie tat schließlich nichts Verbotenes.
Goldie räumte einen Kopfhörer, eine Haarbürste und ein dünnes Taschenbuch aus der Nische. «Sorry», sagte er.
«Meins sieht auch nicht besser aus», antwortete sie.
So war das eben mit Busbetten. Man übernachtete nicht nur darin, man lebte praktisch darin. Es war der einzige Ort auf so einer Tour, an dem man wenigstens ein kleines bisschen Privatsphäre genießen konnte und entsprechend verstaute man persönliche Gegenstände dort. Das führte unweigerlich zu einer gewissen Unordnung.
Scarlett war ein wenig erstaunt darüber, dass Goldie den Platz zuunterst gewählt hatte. Jemandem, der so dominant wirkte, hätte sie eher die oberen Etagen zugeordnet, aber vielleicht lag das nur an ihr.
«Ist es bequem da unten?» Sie selbst hatte keine Erfahrung mit den unteren Betten. Sie wählte immer das oberste.
«Ich finde es ganz praktisch», antwortete er. «Die Verletzungsgefahr, wenn du rausfällst, ist geringer.»
Diese Antwort erheiterte Scarlett so sehr, dass sie laut herauslachte.
Goldie sah sie an. «Nee, ich mag es einfach, wenn ich schnell und einfach aufstehen kann, ohne jemandem den Fuß ins Gesicht zu halten», ergänzte er. Als er mit der Räumung fertig war, stellte er sich vor sie und deutete etwas unbeholfen auf die Laken. «Bitte sehr.»
Sie lachte erneut und nahm das Kabäuschen in Augenschein. Dann begann sie, sich auszuziehen. Er tat es ihr gleich und setzte sich anschließend neben ihr auf die niedrige Bettkante. Er kroch hinein und zog sie mit sich. Sie küsste ihn wieder und machte es sich bequem.
«Ich muss dir etwas gestehen», sagte er.
«Was denn?»
«Ich habe nicht so viel Erfahrung mit so etwas.»
Schon wieder musste sie lachen. «Was, mit Sex im Tourbus?»
«Mit so wenig Platz.»
«Nun, so fett sind war ja nicht, oder?» Wie zum Beweis ihrer Worte klopfte sie an die obere Abgrenzung der Nische, über der sich das nächste Bett befand.
Goldie lachte auf und zog sie zu sich. Scarlett schob ihre Hand in sein Haar, als sie ihn küsste, erforschte mit der anderen Hand seinen durchtrainierten Körper und sperrte alles andere aus.Das kam ihr gerade recht. Sie genoss die Minuten, die sie für sich hatte. In einer halben Stunde würde sie sich auf ihren Auftritt vorbereiten und nach der Show ging der Trubel mit einer Autogrammsession und diversen Interviews weiter. Noch in der Nacht würde der Divine-Mystery-Tourbus sich wieder in Bewegung setzen, um die nächste Station anzusteuern, und der Kreislauf ging von vorne los.
Wenigstens konnte sie sich so ein wenig von der Tatsache ablenken, dass Stephen sich tatsächlich scheiden lassen wollte. Schweren Herzens hatte Scarlett ihre Unterschrift unter die Papiere gesetzt, bevor sie mit der Band losgefahren war, und noch immer hoffte sie, dass er vielleicht doch noch einmal darüber nachdenken würde. Sie wollte bei ihrer Rückkehr nicht in ein leeres Haus kommen. Andererseits hätten sie das vielleicht schon vor Jahren tun sollen.
Scarlett wurde aus ihrem Gedankenstrom gerissen, als Goldie Aberdeen und Ronnie Berlin von Mary Read das Zelt betraten. Schwarzhaarig und Blond. Das war der einzige nennenswerte Kontrast zwischen ihnen. Ansonsten glichen sie sich wie ein Ei dem anderen, dieselben abgewetzten Klamotten, dieselbe Körperhaltung. Ausser, dass Goldie ein paar Zentimeter grösser war als sein Kumpel.
Die beiden neckten sich wohl gerade wegen irgendetwas und als sie Scarlett sahen, hielten sie kurz inne, schauten sich erfreut an und steuerten dann direkt auf den Tisch zu. Es verwunderte Scarlett nicht, dass sie bereits Flaschen in den Händen hielten. Diese Jungs hatten ihr Bier irgendwie immer schon mit dabei.
Goldie winkte ihr zu. Scarlett winkte zurück. Jetzt brauchte sie auch nicht mehr die ahnungslose zu spielen. Ausserdem freute sie sich, Goldie zu sehen. Die Erinnerung an die Nacht auf Frodes Terrasse kam zurück und sie lächelte. Es blieb trotz des abrupten Endes eine schöne Erinnerung.
«Hi», sagte er, als die beiden bei ihr ankamen.
«Hey.» Sie stand auf und umarmte ihn flüchtig. «Ronnie.» Sie wandte sich dem Gitarristen zu und gab ihm zwei Wangenküsschen.
«Hey, Scarlett», sagte er.
«Und, wie läuft’s?», fragte Goldie.
«Gut», antwortete sie. «Ich entspanne mich noch ein wenig, bevor ich mich für die Show vorbereiten muss. Und bei euch so?»
«Wir sollten eigentlich längst geschminkt und gestylt sein», sagte Goldie.
«Quatsch, schau mal», Ronnie deutete auf seine Uhr, «wir haben mehr als genug Zeit. Wir müssen das jetzt klären.»
«Mit der Zeit bin ich mir nicht ganz sicher, aber mit dem anderen hast du recht.»
«Was klären?», fragte Scarlett. Sie war ein wenig überrascht. Die beiden mussten ja einen Grund gehabt haben, zu ihr zu kommen.
«Was ist deine echte Haarfarbe?», fragte Ronnie ohne Umschweife.
Scarlett lachte auf. «Habt ihr eine Wette am Laufen?»
Scarletts Genre war Symphonic Metal und sie bediente ein Klischee, in dem sie sich die Haare rot färbte. Jeder wusste, dass es gefärbt war, aber es gab eine Art Konsens, nicht darüber zu sprechen. Dafür existierte auch keine Notwendigkeit, weil die Fans es sowieso toll fanden.
«Ja», antworteten die beiden Männer gleichzeitig und beide kicherten wie kleine Jungs.
«Ehrlich?», sagte sie. «Ihr habt eine Wette über meine Haarfarbe abgeschlossen?»
«Ja», antwortete Ronnie lachend.
Goldie nickte nur.
«Nun, wenn ich euch das verraten würde, wäre es ja kein Geheimnis mehr, oder?», witzelte sie, um die beiden ein wenig zu necken.
«Ist es ja sowieso nicht», erwiderte Goldie. «Du kannst mich doch jetzt nicht einfach hängen lassen.»
Sie zögerte einen langen Moment. Diese Jungs waren wirklich lustig. Es verwirrte Scarlett ein wenig, dass Goldie einfach so tat, als ob nie etwas gewesen wäre, aber andererseits war das hier weder der Ort noch die Zeit, um darüber zu sprechen. Vermutlich liess Goldie sich deshalb nichts anmerken.
Scarlett antwortete erst, als er erneut den Mund öffnen wollte, um noch etwas zu sagen.
«Dunkelbraun. Aber pssst.» Sie legte theatralisch einen Finger auf ihren Mund und zwinkerte ihnen zu.
Ronnie prustete los. «Goldie Aberdeen, du bist am Arsch!»
Goldie lachte ebenfalls, aber Scarlett sah ihm an, dass es bei ihm eher eine Art Abwehrmechanismus war. Er fand das Resultat offenbar weit weniger lustig als sein Kumpel.
«Scheisse», sagte er.
Musste ja ein furchtbar hoher Wetteinsatz sein. Scarlett wollte es gerne genauer wissen, aber dann auch wieder nicht. Sie beschloss, es darauf ankommen zu lassen. «Ich frage jetzt nicht, worum ihr gewettet habt.»
«Danke», sagte Goldie.
«Ist egal, morgen wird es sowieso jeder wissen.» Ronnie grinste über beide Ohren.
«Jaja, ist gut», ermahnte Goldie seinen Kumpel. «Wir müssen jetzt sowieso los. Danke für deine Kooperation, Scarlett.» Er stand auf und tat so, als würde er sich verbeugen. Scarlett lachte.
Ronnie ging ein paar Schritte voraus.
Goldie blieb einen Moment stehen, als wüsste er nicht genau, ob er noch etwas sagen sollte.
«Na, dann», sagte Scarlett an seiner Stelle. «Macht’s gut. Bis bald.»
Er wirkte erleichtert, als er lächelte. «Bis Bald, Scarlett.»
Damit drehte er sich um und ging seinem Kumpel nach.
«Warte», rief Scarlett, als Goldie bereits einige Schritte gegangen war. Er blieb stehen und blickte über die Schulter.
«Was war deine Antwort?», fragte Scarlett.
«Dunkelblond.»
Sie glaubte, zu erkennen, wie er ihr zuzwinkerte, aber es flackerte so schnell und so flüchtig auf, dass sie sich nicht sicher war. Sie wurde nicht schlau aus seinem Verhalten. Was um Himmels Willen hatte das alles zu bedeuten? Oder steigerte sie sich in etwas hinein?

Um null Uhr dreissig klopfte es bei Mary Read an die Bustür. Gustaf sass mit Lisa und ihrer Freundin Jackie auf einer halbmondförmigen Bank um einen kleinen Tisch. Lisa öffnete ein weiteres Bier und Jackie nahm einen Schluck von ihrem eigenen.
Gustaf unterbrach seine Diskussion mit Ronnie, indem er ihm einen mahnenden Blick zuwarf. Das hier musste warten, bis der ungebetene Besucher verschwunden war. Die anderen Bandmitglieder und Jackie blickten ein wenig ratlos zwischen den beiden Freunden hin und her.
«Warten wir einfach, bis er geht, oder …», sagte Jesse, der neben Ronnie vor dem Tisch stand.
«Nicht zu öffnen ist unhöflich», erklärte Gustaf.
«Nix da!», beschloss Ronnie. «Du bleibst schön da sitzen. Musst gar nicht meinen, du könntest dich einfach davonstehlen.»
Gustaf hob abwehrend die Hände. «Hatte ich auch nicht vor. Danke für dein Vertrauen.»
«Sagt der Richtige», entgegnete Ronnie und fuchtelte mit dem Plastikding in seiner Hand herum.
Es klopfte erneut. Dieses Mal warf Lisa den beiden einen auffordernden Blick zu. Gustaf machte jedoch genauso wenige Anstalten, sich zu bewegen, wie Ronnie.
«Das ist so lächerlich, wisst ihr das?», sagte Jesse mit übertrieben genervter Miene und ging, um die Tür zu öffnen.
«Das ändert gar nichts», sagte Ronnie. «Wette ist Wette.»
«Etwas anderes habe ich nie behauptet», entgegnete Gustaf. «Aber wenn du glaubst, dass ich dich in diesem Zustand hier ranlasse», er deutete auf seinen Kopf, «irrst du dich.»
«Jaja, und Morgen heisst es dann, ist zu lange her, vergessen wir’s», erwiderte Ronnie und schwang weiterhin das Haarschneidegerät herum wie eine Waffe.
«Leute, ihr seid echt so kindisch.» Jackie kicherte unverblümt. Sie war sichtlich amüsiert.
«Dann mach du es», sagte Gustaf zu ihr.
«Wie gesagt: Nein», entgegnete Lisas Freundin. «Wer so eine idiotische Wette eingeht, muss halt auch die Konsequenzen selber tragen.»
Gustaf beschloss, vorerst nicht darauf einzugehen und wandte sich gleichzeitig mit Ronnie Lisa zu.
Sie hob abwehrend die Hände. «Nee, nee, ich lass mich da nicht mit reinziehen. Am Ende erhängst du mich noch.»
Das brachte Gustaf zum Lachen, löste aber nicht sein Problem. Selber machen konnte er es nicht, das war viel zu gefährlich bei dem schlechten Licht. Ausserdem war er motorisch nicht sonderlich begabt. Ronnie allerdings auch nicht, auch wenn man von einem Gitarristen etwas anderes erwartete.
Jesse kam zurück in den Loungeraum, im Schlepptau eine kleine Frau mit dunkelroten Locken. Als sie in den Lichtschimmer trat, erkannte Gustaf Scarlett. Im ersten Augenblick war er ein wenig schockiert. Zwar war es normal, dass Freunde aus anderen Bands im Tourbus zu Besuch kamen, doch sie hätte er hier nicht erwartet. Er entspannte sich, als er ihren friedfertigen Gesichtsausdruck wahrnahm.
«Hi, Scarlett», sagte er.
«Hallo zusammen», antwortete sie.
Allgemeines «hi» folgte.
Ronnie wandte sich ihr zu. «Du kommst gerade richtig», sagte er.
Jesse schlug sich theatralisch die Hand vor die Stirn.
«Was?», wollte Ronnie wissen. «Wir brauchen jemanden, der das machen kann und deshalb frage ich.»
«Moment.» Scarlett starrte misstrauisch auf das Gerät in Ronnies Hand. «Was genau soll ich machen?»
Gustaf seufzte.
Scarlett wirkte ein wenig schockiert, als sie sich zu ihm umdrehte. «Was, du? Das da? Nicht im Ernst …»
«Es ist nicht, wonach es aussieht», erklärte Gustaf.
«So, was ist es denn?», wollte Scarlett wissen.
«Sidecut», führte Ronnie aus. «Wir haben uns auf einen Sidecut geeinigt.»
Scarlett öffnete den Mund, sagte aber einen Moment lang nichts, bevor sie ungläubig auf Gustaf deutete und zusammenfasste. «Heisst das, ich soll dir die Haare abrasieren.»
«Wenn du es kannst, sind wir froh», flötete Ronnie.
Gustaf machte eine wegwerfende Geste. «Du bist momentan die einzig vertrauenswürdige Person hier drinnen, die sich noch nicht geweigert hat.»
Scarletts Augen weiteten sich noch mehr. «Oh, und wenn ich mich jetzt weigere?»
«Dann haben wir ein Problem», säuselte Ronnie.
«Ronnie halt den Mund», sagte Gustaf. Dann wandte er sich wieder Scarlett zu: «Dann bin ich ziemlich am Arsch, weil ich es dann dem da überlassen muss.» Er zeigte anklagend auf Ronnie.
«Jetzt tu nicht so», verteidigte sich Ronnie. «Du wolltest ja unbedingt recht haben.»
«Es war deine beschissene Idee.»
«Zu der du eingewilligt hast.»
«Ookaay», sagte Scarlett langgezogen und unterbrach damit die Diskussion. «Wollt ihr das nicht lieber von jemand Professionellem ausführen lassen?»
«Danke!», sagte Gustaf theatralisch. «Der Meinung bin ich auch.»
«Wettschulden sind umgehend fällig», konterte Ronnie.
Jesse tauschte derweil einige Blicke, die seine Meinung zu der Sache verdeutlichten, mit Lisa und Jackie aus.
«Da hat er eben leider recht», sagte Gustaf. «Sonst müsste ich ja noch meine Mancard abgeben!»
Lisa und Jackie brachen in haltloses Gelächter aus.
Gustaf warf ihnen einen Blick zu, aber die beiden Frauen liessen sich davon nicht beeindrucken. Am liebsten hätte er sich verdrückt, aber das war ihm tatsächlich zu feige. Es war eine Frage der Ehre, sich an die Vereinbarung zu halten.
«Okay, ihr spinnt», stellte Scarlett fest.
«Allerdings», warf Jackie ein.
«Jetzt seid mal nicht so negativ», sagte Ronnie. «Also, kannst du nun mit diesem Ding umgehen oder nicht? Sonst fang ich jetzt an.»
Er trat einen Schritt auf Gustaf zu. Gustaf seufzte innerlich auf. Er wollte schon aufstehen und Ronnie das Ding aus der Hand reissen, als Scarlett sich einschaltete.
«Halt!», rief sie. «Gib mir das Ding», forderte sie mit einer Winkbewegung. «So besoffen wie du bist, kommt das nicht gut.»
Gustaf grinste Ronnie triumphierend an. Ronnie reichte Scarlett das Gerät.
Sie betrachtete Gustaf einen kurzen Augenblick lang, während sie zu ihm herüberkam. Bildete er sich das ein, oder veränderte sich ihr Gesichtsausdruck dabei ein wenig? Bestimmt bildete er es sich ein. Zum einen spürte er, wie dieses Verlangen nach ihrem Körper ihn wieder überkam und zum anderen hatte er so viel Bier in sich hineingeschüttet, um das hier zu ertragen, dass ihn seine Sinne schonmal täuschen konnten.
Mit langsamen Bewegungen beugte Scarlett sich über ihn und begradigte mit den Fingern den Seitenscheitel. Die Sorgfalt, mit der sie das machte, beruhigte Gustaf ein wenig. Ausserdem war er froh, dass sie sich für die schmalere Seite entschied. Bei Ronnie war er sich da nicht so sicher gewesen. Scarlett nahm einen tiefen Atemzug und schaltete das Gerät ein. Gustaf setzte sein bestes Pokerface auf, während sie ihm die Schädelhälfte kahl scherte. Gott, war das ein beschissenes Gefühl!
Nach ein paar Minuten erlöste Scarlett Gustaf. Sie schaltete das Gerät aus und warf es auf den Tisch.
«Scheisse», sagte er und fuhr sich mit der Hand über die rasierte Fläche. «Fuck.»
«Tja, so kann’s gehen», witzelte Ronnie.
Gustaf warf einen Bierdeckel nach ihm. Ronnie duckte sich, war aber zu langsam und wurde von dem Stück Pappe am Auge getroffen. «Autsch!», schrie er.
«Tja, so kann’s gehen», kommentierte Gustaf.
Lisa und Jackie schüttelten ungläubig die Köpfe.
«Ich hol dir mal einen Spiegel», sagte Jesse und verschwand im hinteren Teil des Busses.
Nun brach auch Scarlett in Gelächter aus. Zuerst gluckste sie bloss, doch dann beugte sie sich beinahe hysterisch nach vorne und stützte die Hände auf die Oberschenkel. Scarletts ganzer Oberkörper zitterte und ihr Gesicht war hinter den chaotischen Locken verborgen. Nur an ihrer Stimme hörte man, dass sie immer noch lachte und atmete.
Gustaf irritierte das ein wenig. Es schien ihr ebenfalls nicht mehr besonders gut zu gehen. War es wirklich die Situation, die sie dermassen aus dem Konzept brachte? Er  sprang auf und legte seine Hände auf ihre Arme.
«Hey, alles in Ordnung?», fragte er.
«Ja», sagte sie nach Luft schnappend. Langsam richtete sie sich auf. «Ja, alles bestens», wiederholte sie atemlos. «Es ist nur, naja … zu viel, das … Ist alles so absurd.» Als würde ihr klar, was sie gerade gesagt hatte, sah sie zu Gustaf auf und fügte hinzu: «Aber vergiss es. Hier geht es um dich.»
«Ich werde es überleben», antwortete er trocken.
«Gut. Ich wollte mich eigentlich nur verabschieden», fuhr sie fort, nachdem sie nun offenbar beruhigt war. «Wir fahren bald los und da dachte ich …»
«Komm, ich begleite dich nach draussen», sagte Gustaf. Er konnte selbst etwas Ruhe gebrauchen und ausserdem erschien es ihm eine gute Gelegenheit, reinen Tisch zu machen.
Die frische Luft tat gut, doch nun, da er ein paar Schritte gegangen war, spürte Gustaf den Schwindel, den der Alkohol verursachte.
«Oh Gott, Scheisse», sagte er noch einmal.
«Du bist wirklich verrückt, das weisst du, ja?», erwiderte Scarlett.
Gustaf lachte heiser. «Ja, muss wohl so sein. Danke.»
Scarlett schüttelte den Kopf. «Na, hallo, als ich zu Ronnie sagte, er wäre zu besoffen, meinte ich das ernst.»
«Ich weiss», antwortete er. «Trotzdem.» Ihre Anwesenheit war ungemein hilfreich gewesen und wenn es nur daran gelegen hatte, dass sie sich nicht gegen ihn gestellt hatte.
«Scarlett, hör mal, die Sache auf der Terrassenparty …»
«Ja?»
«Das war blöd», sagte er. «Ich mag dich, aber mehr … Nun ja, du weisst schon.» Verfluchtnocheins. Er war ohnehin schlecht in solchen Sachen und in diesem Zustand erst recht. Er sammelte seinen ganzen Mut zusammen, um die Frage zu stellen, die ihm wirklich auf der Zunge brannte. «Wir sind doch noch Freunde, oder?»
Scarlett sah ihn einen Moment lang wortlos an. In ihrem Blick lag eine gewisse Traurigkeit, aber auch Sanftmut und Ruhe. «Klar», antwortete sie. «Ich muss …» Sie nickte über den Busparkplatz.
Gustaf trat einen Schritt nach vorne und umarmte sie. Als ob in seinem Inneren eine Wand zusammengebrochen wäre, drückte er sie an sich, nur ein klein wenig mehr, als man es unter guten Freunden getan hätte. Scarlett legte ihre Hände auf seinen Rücken. Sie hatte einen festen, selbstsicheren Griff.
«Mach’s gut, Scarlett O’Bannon», sagte er, als er sich von ihr löste.
«Du auch», entgegnete sie. «Und bis bald, Goldie Aberdeen.»
«Bis bald.»

Auf der Busfahrt am nächsten Tag generierte Gustaf einen Instagrambeitrag mit dem Foto, das Lisa gemacht hatte. Wenigstens das hatte Ronnie ihm gelassen. Er schlief ein paar Sitzreihen weiter vorne, die Stirn ans Fenster gelehnt und völlig weggetreten.
Jesse beanspruchte zwei Sitze für sich und es war schlecht zu erkennen, ob er schlief oder mit den Kopfhörern tatsächlich Musik hörte. Vielleicht tat er auch beides.
Gustaf fühlte sich auch nicht viel besser. Er hatte nur wenige Stunden geschlafen und sein Kopf brummte noch von dem vielen Alkohol und Scarlett. Der Regen, der gegen das Busfenster prasselte, kam Gustaf schrecklich laut vor.
Er fuhr sich mit der Hand über die kahle Stelle an seinem Kopf und betrachtete sich in der Spiegelung des Telefons. Scarlett hatte es eigentlich ganz gut hinbekommen. Es fühlte sich zwar immer noch schrecklich an und wenn noch einmal jemand fand, er solle sich nicht so anstellen, würde er diesem jemand eine überbraten, so viel stand fest.
Aber etwas anderes von diesem Abend war Gustaf noch mehr hängengeblieben. Das Gefühl, das ihn überkommen hatte, als er Scarlett umarmt hatte. In diesem Moment hatte sich irgendetwas verändert. Es war, als ob sie eine neue Ebene betreten hätten. Gustaf überlegte, ob das etwas zu bedeuten hatte. Ob es wirklich möglich war, dass es mit ihr klappen könnte, dass sie wirklich richtig zusammen sein könnten. Für einen Moment gab er sich diesem Traum hin und stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie jetzt hier neben ihm sässe und er ihr schönes Gesicht den ganzen Tag lang betrachten und ihre weiche Haut berühren könnte.
Er besann sich, schüttelte diese Gedanken ab und klickte auf den «Posten»-Button. Sofort flatterten dutzende Herzchen herein und die Kommentarspalte explodierte. Die meisten Fans fanden es offenbar toll und die anderen sagten einfach nichts, wie das im Internet eben so war. Jemand bekundete, dass er es schade um die schönen Haare fand, aber die Person wurde weitestgehend ignoriert.
Gustaf beantwortete so viele Kommentare wie möglich mit dankenden Worten.
Ein weiterer Kommentar von Scarlett erschien, in dem sie erklärte, wie gut sie seinen neuen Style fand, begleitet von einem Emoticon mit Herzaugen. Gustaf musste lachen, als er es las und im selben Moment erschien ein roter Punkt bei den Direktnachrichten.
«Sehen wir uns in Tschechien?», schrieb sie.
«Ja», antwortete er.


Hat dir dieses Kapitel gefallen? Teile deine Meinung jetzt auf Instagram unter #sleazesymphony oder direkt hier in den Kommentaren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s