Kapitel 15 – Headliner

Gegenwart

Gustaf trat hinter seinen Bandmitgliedern aus dem Tourbus und gönnte sich einen tiefen Atemzug. Sein Zeitgefühl war auf Tourneen nicht besonders zuverlässig, aber das Festival, an dem er mit Scarlett geschlafen hatte, musste ungefähr zehn Tage zurückliegen.
Am Tag darauf war er noch ein wenig betört gewesen. Am zweiten Tag hatte er sie schon fast vermisst, doch danach war zumindest ein Stück seiner Klarheit zurückgekehrt und er fragte sich immer noch, ob jene Entscheidung richtig gewesen war. Selbst jetzt dachte er daran, wie sich ihre Haut auf seiner eigenen anfühlte, wie ihr schlanker Körper sich räkelte und wog, wie ihr Haar sein Gesicht kitzelte. Er hätte es auf der Stelle wieder tun können.
Stattdessen hatte er Scarlett geschrieben, dass es schön gewesen war, aber eine einmalige Sache bleiben musste, doch bislang hatte er keine Antwort erhalten.
Er sah sich in der schmalen Straße um. Die Busse parkierten am Gehsteig hinter dem Club, in dem Mary Read heute spielen würden. Der Bus mit der technischen Ausrüstung und den Instrumenten stand unmittelbar hinter dem Bandbus und Gustaf fragte sich, ob die Clubbetreiber für so etwas überhaupt eine Bewilligung hatten. Das war jedoch deren Problem und nicht seins.
«Was für ein Kaff!», rief Ronnie und zündete sich eine Zigarette an. Großzügig teilte er das Feuer mit Jesse. Wie zwei, die etwas ausheckten, standen sie da und sogen sich den Tabak in den Rachen.
«Auch eine?», fragte Ronnie, als er Gustafs Blick bemerkte.
«Nein, danke.» Er rauchte nur in Ausnahmefällen.
«Täuscht euch mal nicht», mischte Lisa sich ein. «In diesen Käffern geht es manchmal ganz schön ab.»
Auch sie studierte die Verhältnisse. Gustaf sah sie kurz an und sie teilten einen flüchtigen Gedanken. Dass der Club nicht besonders groß war, wussten sie, er verfügte lediglich über eine Kapazität von fünfhundert Leuten. Dennoch breitete sich bei Gustaf ein ungutes Gefühl aus, als Henrik, ihr Tourmanager, zusammen mit dem Veranstalter aus der Hintertür des Clubs kam.
Henrik stand immer unter Strom. Während die Band sich noch die lange Fahrt aus den Gliedern schüttelte, hatte er sie bereits angemeldet und die Verhältnisse geklärt. Sein nackenlanges Haar flatterte im leichten Wind, als er den Roadies zunickte, die sofort begannen, die Ausrüstung auszuladen.
«Jungs, das ist Olli», stellte er den Veranstalter vor.
«Hallo zusammen.» Olli streckte die Hand aus und es gab eine kurze Vorstellungsrunde.
Gustaf bestand darauf. Viele seiner Kollegen überließen die Kommunikation mit den Veranstaltern komplett Managern und Roadies, aber davon hielt er nichts. Er wollte mit seinen Gastgebern persönlich sprechen.
Olli führte sie durch die Räumlichkeiten und erklärte ihnen alles. Gustaf verlor mit jedem Schritt ein weiteres Stück seiner Nerven. Das begann bei den schmalen Gängen und den alten, schweren Türen. Nichts brachte ihn schneller aus dem Konzept als die Vorstellung, dass eine dieser Türen plötzlich nicht mehr aufging.
Die Garderobe war kaum grösser als eine gewöhnliche Küche und verfügte lediglich über ein paar Stühle, einen Tisch und einen behelfsmäßigen Kleiderständer. Gustaf erfasste mit einem Blick, was dem Raum fehlte.
«Habt ihr auch noch irgendwo einen Spiegel?», fragte er an Olli gewandt.
«Muss schauen, ob wir einen auftreiben können.»
Gustaf warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Meinte der Kerl das etwa ernst?
«Nun, sonst weichen wir eben auf die Toilette aus», bemerkte Lisa gelassen und erntete dafür ebenfalls einen bösen Blick. Sie lachte auf und legte Gustaf die Hand auf den Rücken. «Komm, entspann dich!»
«Wie machst du das bloß?», entgegnete er.
Sie lachte, antwortete aber nicht.
Gustaf erinnerte sich daran, dass er schon Schlimmeres erlebt hatte und beschloss, sich am Riemen zu reißen. Dieses Vorhaben fiel in sich zusammen, als sie den Raum mit der Bühne betraten. Gustaf seufzte leise. Er dachte an das Festival zurück und an Scarlett. Ihre Band, Divine Mystery, war längst über diese Art von Clubs hinausgewachsen. Nun, an manchen Orten konnten auch Mary Read größere Lokale füllen, aber nicht hier.
Er ermahnte sich in Gedanken, freundlich zu bleiben. Professionalität bestand nicht darin, sich nicht zu ärgern, sondern darin, seinen Ärger nicht zu zeigen.
«So, das wäre es», sagte Olli. Er trug immer noch sein deppertes Grinsen zur Schau. «Dann lasse ich euch mal.»
Gustaf nickte. «Alles klar.»
Henrik bedankte sich im Namen der Band.
Ronnie und Jesse setzten ein Pokerface auf und sagten nichts. Lisa bedankte sich ebenfalls.
Gustaf wandte sich wieder der Bühne zu. Das Ding bot kaum Platz für vier Personen und schon gar nicht für das ganze Equipment. Die Breite war ein Witz und die Gänge zum Backstagebereich waren nur mit simplen Sichtschutzwänden abgetrennt. Das war an sich kein Problem, aber er fragte sich wirklich, wie sie ihre Show auf so engem Raum gestalten sollten.
«Scheisse!», rief er aus, als er sicher war, dass Olli sich außer Hörweite befand. «Diese Tour zwischen den Festivals war eine echte Scheissidee!»
«Du sagst es», pflichtete Jessie ihm bei.
«Ach, und wer fand diese Scheissidee bis vor ein paar Wochen noch großartig?», fragte Ronnie.
Gustaf funkelte seinen Freund an. Der ließ sich nicht beeindrucken und zuckte die Schultern. «Ich sag ja nur.»
«Behalt’s für dich, ja?», fauchte Gustaf.
«Nicht aufregen. Was ist denn nur los mit dir in letzter Zeit?», schaltete Lisa sich ein.
Gustaf antwortete nicht. Er konnte es ja selbst nicht erklären. Eigentlich hätte ihm die ganze Scarlett-Sache egal sein können, eigentlich hätte er einfach den Kontakt abbrechen können, aber das erschien ihm genauso falsch wie weiterzumachen.
Lisa ging im Raum umher und studierte die Verhältnisse. «Für das Publikum ist es der Hammer», stellte sie fest. «So nah ist man der Band normalerweise nicht. Außerdem sieht man von jeder Ecke in diesem Raum gut.»
Gustaf wandte sich ihr zu. «Wie kannst du nur immer so relaxt sein? Das wird eine Katastrophe! Da hat nicht einmal dein Schlagzeug Platz.»
«Sieh es doch mal von der anderen Seite. Die fünfhundert Leute, die heute kommen, bekommen eine einzigartige Mary-Read-Show. Jemand von der Crew macht ein kleines Filmchen oder zwei, dann stellen wir die auf Youtube und untermauern damit unseren Status.»
«Als eine Band, die so etwas nötig hat?» Gustaf deutete in den leeren den Raum.
«Als eine Band, die auf dem Boden geblieben ist und etwas Besonderes zu bieten hat», entgegnete Lisa.
Er musste lachen. Sie hatte ja recht! Der Blitz sollte ihn treffen, wenn er jemals zu einem dieser arroganten Säcke wurde, die ihre Fans bloß als Dollarzeichen sahen. Er lehnte die Stirn gegen Lisas Schulter. Sie war einen guten Kopf grösser als er und einen halben Kopf grösser als Ronnie. Nur mit Jesse konnte sie nicht mithalten.
«Du bist super, weißt du das», murmelte er.
Sie lachte und verwuschelte sein Haar. Er riss sich von ihr los. «Hör auf damit!»
«Dann gib mir keine Einladung dazu.» Sie ging zur Bühne, um den Roadies beim Aufbau zu helfen.
«Ist dein Rock eine Einladung? », rief Gustaf ihr nach, aber sie winkte nur frech ab, als kümmere es sie nicht.
Ronnie und Jesse hatten inzwischen ebenfalls damit begonnen, das Sound-Equipment aufzustellen.
Gustaf seufzte noch einmal, um seinem Unmut Luft zu machen, dann drehte er sich um und begab sich zum Mischpult. Er hatte früher einmal selbst als Tontechniker gearbeitet und wollte die Anlage persönlich in Augenschein nehmen. Peter, der Mischer der Band, war bereits dort. Gustaf warf einen skeptischen Blick auf das alte Ding.
«Es ist nicht so schlecht, wie es aussieht», sagte Peter.
«Naja, was ist das, aus den Fünfzigerjahren?», erwiderte Gustaf.
«Nicht ganz, würde ich sagen», antwortete Peter leicht amüsiert.
«Bekommen wir das mit dem Bass hin?»
Peter nickte, wirkte aber nicht überzeugt.
Gustaf strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. «Scheisse!»
«Lass das mal meine Sorge sein, mein Lieber», sagte Peter ruhig und klopfte ihm auf den Rücken.
«Das wird der reinste Brei, stimmt’s?», fragte Gustaf.
«Mensch, Goldie, jetzt lass den Mann seine Arbeit machen», rief Lisa von der Bühne. «Komm mal her!»
Gustaf richtete sich auf. «Seht ihr genau das ist das Problem. Du kannst dort stehen und in normaler Lautstärke sprechen! Der Sound wird eine Katastrophe!»
«Deshalb machen wir ja einen Soundcheck», sagte Peter. «Jetzt geh ihr helfen, ich mach das hier schon.»
«Ich sage dir…»
Aus irgendeiner Ecke kam Jesse hervorgeschossen und warf ihm die Hand auf die Schulter. «Gar nichts sagst du, komm jetzt, Bühne checken, Lisa hat eine Idee!»
Gustaf gab nach und folgte seinem Kumpel zur Bühne. Man brauchte noch nicht einmal eine Treppe, um hinauf zu kommen. Gustaf hoffte, dass keine kreischenden Teenager auf die glorreiche Idee kamen, ihn umarmen zu wollen. Es wäre unmöglich gewesen, sie rechtzeitig aufzuhalten. So sehr ihm seine Fans auch am Herzen lagen, das wäre ihm dann doch etwas zu viel Nähe gewesen und außerdem störte es die Show.
Ronnie hatte sich ebenfalls auf den Brettern eingefunden und schien zusammen mit Lisa irgendetwas auszuprobieren. «Das funktioniert nie! Schau mal, mein Radius», er ging einige Schritte hin und her, «ist so groß. Jesse braucht nicht so viel Platz, aber Goldie…»
Gustaf machte eine ratlose Geste. «Wir müssen irgendwie aneinander vorbeitänzeln.»
«Hm, ich dachte, wir stellen das Schlagzeug auf diese Seite.» Lisa deutete auf eine Ecke. «Aber offenbar reicht das nicht.»
«Natürlich nicht», erwiderte Gustaf. «Das Teil nimmt die ganze Ecke weg.»
«Wenn wir es hinten aufstellen, habt ihr noch weniger Platz. Dann müsste jemand auf der einen Seite bleiben und die anderen auf der anderen.» Das «Jemand» betonte sie besonders, was wohl eine Art Ermahnung sein sollte.
«Tut mir leid, ich weiß es, ich sehe es ja auch», sagte Gustaf entnervt. «Es geht mir nur auf den Sack. Ich bin nun einmal leider nicht Phil Mogg, mir genügen zwei Quadratmeter und der Mikrofonständer nicht.»
Jesse lachte laut. «Und dir fehlt der Dialekt!»
«So ist es!», stimmte Gustaf leicht amüsiert zu. Wenn er jemals so etwas wie ein Idol gehabt hatte, war es Phil Mogg, Frontmann der legendären Band U.F.O. Gustaf bewunderte, mit wie wenig Stageacting Mogg seine Show durchzog.
Die Heiterkeit in der Band wich sogleich wieder dem Zeitdruck. Ronnie schaute im Raum umher, als würde das helfen, die Lösung zu finden. «Schätze, wir müssen es aufbauen und ausprobieren», sagte er schließlich.
«Ja», antwortete Gustaf. «Das müssen wir wohl. Kommt, fangen wir an, damit wir wenigstens eine Chance haben, rechtzeitig fertig zu sein.»

Kaum waren sie fertig mit dem Soundcheck, tauchte Henrik in der Tür zum Bühnenraum auf und gab ihnen ein Zeichen. Die VIP-Fans waren da. Sie warteten wahrscheinlich draußen. Diese neumodische Marketingstrategie versprach den Fans ein kurzes Händeschütteln und eine persönliche Signiersession mit der Band, wenn sie bereit waren, etwas mehr als den üblichen Ticketpreis zu bezahlen. Das bedeutete auch, dass es nur die Hardcorefans waren, die solche Tickets kauften. Jene, die der Band ganz nah sein wollten. Die wichtigsten von allen.
Gustaf seufzte leise. Die Zeit zwischen dem Treffen mit den VIP-Fans und der Show würde zu knapp sein, um sich aufzuwärmen und das Makeup aufzutragen. Wenn er auf ersteres verzichtete, würde es ihm an Stimmkraft und Ausdauer fehlen, auf letzteres konnte er nicht verzichten, weil es sein Markenzeichen war. Er ging nie ohne Makeup auf die Bühne. Er fühlte sich schon unwohl, als er sich ungeschminkt und ungestylt den anderen Richtung Vorraum anschloss.
Es hatte eine Zeit gegeben, als er noch in Jeans und T-Shirt auf die Bühne gegangen war, doch das war sehr, sehr lange her. Inzwischen hatte er keine Ahnung mehr, wie er ohne sein Bühnenoutfit und sein Make-Up von Gustaf Lindberg zu Goldie Aberdeen werden sollte. Nun, er würde einfach ganz natürlich sein, wie immer.
Als die Türen geöffnet wurden und die ersten Fans eintraten, ihre CDs fest umklammernd, mit ausgewaschenen Mary-Read-T-Shirts, Imitationen von Gustafs Augenmakeup und nervösem Lächeln auf den Gesichtern, fielen alle Befürchtungen von Gustaf ab. Er lächelte, weil er gar nicht anders konnte, und fühlte sich augenblicklich besser.
Der erste Fan war ein Mädchen, das Gustaf auf ungefähr siebzehn Jahre schätzte. Sie trug eine eigene Version des Augenmakeups, dunkelblau mit sternenförmigen Tränen und einer Art Nebelwolke auf der Seite, die eine Verbindung zwischen dem Blitz über der Augenbraue und den Tränen unter dem Auge darstellte. Das Ganze glitzerte wie echte Wassertropfen. Schüchtern trat sie zu dem Tisch.
«Hallo», sagte sie.
«Hi», sagte Gustaf.
Sie reichte ihm ihre CDs. Alle. Die ganzen vier Alben, die bisher erschienen waren, inklusive dem Neuen.
«Wie heißt du?», fragte er.
«Sarah.»
Er öffnete die CDs, eine nach der anderen, und schrieb bei jeder auf der Rückseite des Booklets «Für Sarah» und seine Signatur hinein. Sie wartete mucksmäuschenstill, bis er fertig war. Dann reichte er die CDs an Ronnie weiter und sagte zu Sarah: «Cooles Make-Up.»
In ihren Augen blitzte etwas auf, als sie sich bedankte. Wahrscheinlich würde sie an die Decke hüpfen, sobald sie allein war. Gustaf fand sie furchtbar süß.
Auf Sarah folgte ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig, der Gustaf eine Vinylplatte reichte und sogleich herausplatzte: «Ich bin auch Sänger. Du bist eine Wahnsinnsinspiration für mich. Wirklich. Ich weiß, so etwas interessiert euch Leute nicht so, aber ich habe dank dir meinen Stil gefunden.»
«Oh, doch, es freut mich, das zu hören», sagte Gustaf. «Unsere Musik soll die Menschen glücklicher machen und es macht mich glücklich, wenn es funktioniert.»
«Das tut es, das tut es, das kann ich euch versichern.» Der junge Mann bedankte sich und zog zu den anderen weiter.
Es folgte ein Typ mit Gitarrenkoffer, der mit einem entschuldigenden Lächeln an Gustaf vorbei direkt zu Ronnie ging. Gustaf musste lachen und Ronnie durfte die Gitarre signieren.
Daraufhin folgten einige weitere Mädchen und ein paar ältere, Männer und Frauen gemischt. Die Schlange war länger als erwartet. Es waren nicht alle VIP-Tickets verkauft worden, aber doch einige mehr, als Gustaf für fünfhundert Leute geschätzt hätte.
Mit ihnen zu reden, tat gut. Zum einen machte es ihm wieder bewusst, wofür er das hier tat, zum anderen nahm es ihm einen Teil der Anspannung bezüglich des Auftritts. Und Gustaf vergaß seine Sorgen über Scarlett für eine Weile.
Er fühlte sich auf seltsame Weise verbunden mit diesen Leuten, Menschen wie Sarah, denen seine Musik das gab, was andere Künstler ihm selbst auch gaben. Einen Sinn. Eine Art Lebenshilfe, eine Möglichkeit, ihren Gefühlen einen Kanal zu geben.
Gustaf tat etwas für diese Menschen, in dem er Musik machte, auf die Bühne trat und sie präsentierte. Das so unmittelbar zu erfahren, war das Größte überhaupt. Man konnte im Leben nichts Besseres bekommen als das. Alles Geld und aller Erfolg der Welt waren nichts wert, wenn man etwas ohne Sinn tat.
Als die Schlange durch war und alle ihre Autogramme, freundlichen Worte und Selfies und von den anderen auch ihre Umarmungen bekommen hatten, zog die Band sich in die Garderobe zurück.
Erfreut stellte Gustaf fest, dass inzwischen ein Spiegel platziert worden war. «Klasse.» Er warf einen Blick auf die Uhr. Mit einem gezielten Griff hob er eine Tasche aus einer Ecke und nahm sein Make-Up heraus. Es blieb gerade noch genug Zeit.
«Wollen wir nicht erstmal was essen?», fragte Lisa.
«Keine Zeit», sagte er.
«Allerdings», pflichtete Ronnie bei und ergriff seine Styling-Utensilien. «Gibt es hier keine Steckdose?»
«Nein», antwortete Gustaf. Das hatte er schon vorhin festgestellt.
«Scheisse.»
«Ihr spinnt», sagte Lisa. «Also, ich gehe was essen. Klamotten wechseln kann ich auch nachher noch.»
«Dem schließe ich mich an», sagte Jesse.
«Tschau», flötete Gustaf, während er mit akribischer Genauigkeit den schwarzen Blitz auf seine Stirn malte.
Ronnie griff zu einer Bürste und einem Haarspray. «Jep, bis später.»
Im Spiegel sah Gustaf, wie Jessie die Schultern zuckte und Lisa ihn sanft mit sich zog. Sie hatte so etwas von Recht gehabt vorhin. Dieser Abend würde der Hammer werden, wie jede verdammte Mary-Read-Show! Sie hatten schließlich einen Ruf zu verteidigen!

Eine nach Achtzigerjahrehommage anmutende Melodie drang durch Scarletts Kopfhörer, während sie ihren Koffer die kleine Treppe zur Haustür hinaufwuchtete. Es folgte eine angenehme, weiche Männerstimme, die einen leeren Flur besang. Ob nach einem Konzert, einer Party oder einem Hangover, war nicht so klar, aber das kümmerte Scarlett auch nicht.
Diese Musik hörte sie vor allem, weil sie sich damit Goldie näher fühlen konnte. Nach ihrer letzten Begegnung war Scarlett sich sicher, dass er ihr helfen konnte, Stephen zu vergessen. Sie musste der Sache bloß genug Zeit geben und mit Bedacht vorgehen. Goldie hatte geschrieben, er wolle nicht, dass es weitergehe, aber das glaubte sie ihm nicht. Bestimmt hatte er bloß ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie in seinen Augen ja immer noch verheiratet war, und versucht, so etwas wie Schadensbegrenzung zu betreiben. Zuerst hatte sie ihm antworten wollen, dass sie jene Nacht ihrer Ansicht nach gerne wiederholen konnten, doch dann war ihr eingefallen, dass ihn das vielleicht eher abschrecken als zu ihr zurückführen würde. Nein, sie musste sich etwas Besseres einfallen lassen.
Scarlett schloss die Haustür auf, ging hinein und knipste das Licht an. Normalerweise zog sie dann die Schuhe aus, doch jetzt blieb sie wie vom Blitz getroffen stehen und starrte auf den Eingangsbereich. Das Garderobenmöbel war noch da, doch ein Großteil der Bilder waren verschwunden, ebenso wie sämtliche Schuhe und Jacken von Stephen.
Scarlett ließ den Koffer stehen und ging weiter. In ihren Ohren wummerte inzwischen eine tiefe Frauenstimme herum, doch Scarlett nahm die Musik kaum noch war. Ihr war ein wenig schwindelig und sie fühlte sich wie in einem Traum, als sie das Wohnzimmer betrat und feststellte, dass sie kein Sofa mehr hatte. Auch der Salontisch und der Fernseher waren verschwunden. Das Bücherregal und ihre Musiksammlung standen noch, mitsamt Inhalt. Scarlett atmete kurz auf, während ihr ins Bewusstsein sickerte, was passiert war.
Ein wenig schneller überprüfte sie das Schlafzimmer. Die eine Hälfte des Bettes, das hieß, eine Matratze und der dazugehörige Rost, waren ebenfalls weggeräumt worden. Immerhin war der Kleiderschrank noch da, wo er sein sollte, aber auch dieser war halb leer. Stephens Klamotten waren bis auf das letzte Stück weg.
Er hatte es tatsächlich getan! Er war wirklich, definitiv ausgezogen! Scarlett hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell passieren würde. Als er zu seinem Bruder gezogen war, hatte sie sogar für eine Weile gehofft, er würde es sich doch noch anders überlegen und einfach wieder zurückkommen. Und dann war sie losgefahren, um auf den ersten Festivals zu spielen, und die ganze Zeit hatte sie irgendwie darauf gewartet, dass er ihr Schreiben würde. Oder einfach wieder da sein, wenn sie nach Hause kam. Jetzt war sie hier und er nicht.
Die Ballade in ihrem Kopfhörer wurde von einem schnellen, fröhlichen Riff abgelöst. Scarlett zog das Handy aus ihrer Jackentasche und schaltete die Musik aus. Mit einem Seufzen legte sie das Gerät auf das Garderobenmöbel, zog Jacke und Schuhe aus und machte sich daran, ihren Koffer auszuräumen.
In diesem Moment ergriff sie ein Anfall von Aktionismus. Sie versorgte sämtliche Dinge, die sie auf die Reise mitgenommen hatte, warf die Wäsche in die Maschine, putzte das Badezimmer und sämtliche Böden – wenn schon einmal nichts mehr im Weg stand – und machte sich umgehend daran, neue Möbel zu bestellen.
Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Dachte er etwa, sie, Scarlett O‘Bannon, würde sich von einer solchen Räumungsaktion einfach aus der Bahn werfen lassen? Glaubte er wirklich, er könne ihr damit eins auswischen? Oh nein, da hatte er sich ganz gewaltig geschnitten! Es war sowieso schon lange vorbei gewesen mit ihnen beiden. Sie hatten es sich bloß nicht eingestehen wollen. Im Grunde änderte sich durch seinen Auszug rein gar nichts!
Wie ein Eichhörnchen klickte Scarlett auf dem Computer herum, um Sachen zu bestellen. Ein paar fehlende Möbel waren überhaupt kein Problem. Sie brauchte nicht lange zu sparen, um neue zu kaufen. Sie würde Stephen keine Möglichkeit geben, sich über ihren Schaden zu freuen! Ihr Leben würde auch ohne ihn weitergehen!


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