Kapitel 16 – Besser als das

Triggerwarnung: Homophobie, Gewalt, Trauma/PTBS


Gegenwart

Scarlett stand mit Aiden, Homie und Noah aus ihrer Band sowie ein paar anderen Leuten in einem Grüppchen und redete mit ihnen über alles und nichts. Es war immer dasselbe, in diesen Festivalzelten. Saufen, Händeschütteln, Unsinn reden, feiern. Man sollte meinen, die meisten Musiker hätten entweder keine Zeit oder keine Energie für so etwas, aber das war ein Irrtum. Irgendwie fanden sie immer eine Gelegenheit, nebst der ganzen Anstrengung einer solchen Tour und der ganzen Ernsthaftigkeit auch noch ihren Spaß zu haben.
Nur Scarlett war nicht gerade in Feierstimmung. Sie hatte das Gefühl, alle anderen würden sich freuen, alte Bekannte wiederzusehen, aber sie selbst konnte dem im Moment nicht viel abgewinnen. Sie war bloß mitgekommen, weil sie nicht mit ihren Gedanken hatte alleine sein wollen.
Sie hatte Goldie geschrieben, ob er hier sein würde, aber keine Antwort erhalten. Deshalb ging sie davon aus, dass er es nicht war. Somit gab es nichts, was ihr wirklich half, nicht über Stephens finalen Auszug nachzugrübeln. Hatte sie es wirklich zu weit getrieben? Hatte sie ihn so schlecht behandelt? Und wie um alles in der Welt sollte sie sich jemals bei ihm entschuldigen?
Sie hatte den Faden des Gesprächs verloren und blickte ein wenig umher. Nicht absichtlich, sondern weil sie nichts anderes zu tun hatte. Da entdeckte sie Goldie etwas abseits. Er stand mit seinem Bandkumpel Ronnie an einer Tischecke, Scarlett den Rücken zugewandt. Die Sleaze-Jungs wirkten zur Abwechslung mal erstaunlich nüchtern.
Das Karussell in Scarletts Kopf drehte sich schneller. Wenn Goldie doch hier war, warum hatte er dann nichts gesagt? Wollte er sie etwa abblocken, nachdem er ihr bereits sein Vertrauen geschenkt hatte? Nein, das ergab keinen Sinn. Gewiss gab es irgendeinen guten Grund für sein Schweigen. Sie wollte gerade hinüber gehen, um das herauszufinden, als zwei andere Gestalten in ihr Blickfeld traten.
Scarlett erstarrte innerlich. Sie blinzelte, um sich zu vergewissern, dass sie wach war. Ihre Wahrnehmung funktionierte definitiv noch. An einem runden Stehtisch unweit von dem der Sleaze-Jungs, genau gegenüber der Stelle, wo Scarlett mit ihrer Band stand, unterhielt irgendein Typ aus einer Thrashmetalband sich mit Stephen. Als er sie bemerkte, winkte er zögerlich, bevor er sich wieder seinem Kumpel zuwandte und so tat, als wäre weiter nichts.
Es schien, als hätten die beiden auch schon reichlich gebechert, doch das war es nicht, was Scarlett störte. Er konnte doch nicht einfach so hier auftauchen und so tun, als wäre alles in Ordnung! Oder machte er das absichtlich, um sie zu ärgern? Jegliche Reue und Gewissensbisse wichen aus Scarletts Gedanken wie Laubblätter auf einer Straße dem Wind. Sie war einfach nur noch wütend und enttäuscht. Das musste geklärt werden, hier und jetzt.
Sie ging zu den beiden hinüber. «Hey», sagte sie.
«Hi», antwortete Stephen gelassen.
«Hi», säuselte sein Kumpel. Der war offensichtlich bereits betrunken und Stephens Blick war auch nicht mehr ganz klar.
«Hi?», sagte sie zu Stephen gewandt. Sie hob die Augenbrauen. «Das ist alles?»
«Was willst du?», fragte er und ein Anflug von Aggression schlich sich in seiner Stimme. Auch hörte Scarlett an der Art wie er sprach, dass er ebenfalls ein bisschen zu viel Alkohol im Blut hatte. Für Scarlett war das erst recht ein Grund, nicht locker zu lassen.
«Die Frage ist ja wohl, was du willst», entgegnete sie. «Warum bist du hier, Stephen?»
«Ich wurde eingeladen.» Triumphierend nickte er seinem Kumpel zu.
«Von mir», ergänzte dieser unnötigerweise und grinste dabei so breit, dass Scarlett ihm am liebsten eine Faust in das dümmliche Gesicht gerammt hätte.
«Überrascht?», fragte Stephen provokativ.
«Allerdings», antwortete sie. «Wenn du glaubst, du könntest mich damit aus dem Konzept bringen, irrst du dich! Das macht mir überhaupt nichts aus, genauso wenig wie deine kleine Räumungsaktion.»
Er zuckte die Schultern. «Ich habe nur die Sachen mitgenommen, die ich auch bezahlt habe. Wenn du einen Anspruch darauf anmelden willst, verklag mich doch.»
«Ich will dein Zeug nicht!», schleuderte sie ihm entgegen. «Ich will, dass du aufhörst, mein Leben zu verpfuschen. Du wolltest die Scheidung, schon vergessen?»
«Was mache ich denn, hä?», blaffte er zurück. «Was tue ich, was dich so sehr stört?»
Aufgebracht deutete Scarlett um sich. «Das hier, ist mein Revier! Das sind meine Freunde!»
Stephen sah sie einen Moment lang herausfordernd an, schien sich aber dann zu besinnen und antwortete: «Nun, soweit ich weiß, ist das öffentliches Gelände – okay, fast öffentlich. Jedenfalls habe ich genau das gleiche Recht, hier zu sein, wie du.»
«Macht dir das Spaß?», fragte sie, weil ihr nichts mehr einfiel.
«Was genau meinst du?», erwiderte er ungehalten.
«Du bist also nicht hier, um mir nachzustellen?», keifte sie.
Stephen schob sein Gesicht so nah an ihres, dass sie den Alkohol in seinem Atem riechen konnte. «Auch wenn du es vielleicht nicht glaubst, aber: Nein. Die Welt dreht sich nicht immer nur um dich. Ich bin hier, weil ich eingeladen wurde und jetzt lass mich in Ruhe.»
«Versuch bloß nicht, irgendetwas anzustellen», fauchte sie. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und stapfte davon.
Stephens Gelaber von einer Einladung seines merkwürdigen Kumpels, wer’s glaubte! Doch Scarlett hatte nichts, was sie Stephen noch entgegenhalten konnte und sie wollte auch nicht vor allen Leuten, die sie kannte, eine Szene veranstalten. Sie würde schon noch dahinterkommen, was er wirklich vorhatte, doch zuerst einmal musste sie nachdenken.
«Alles in Ordnung?», fragte Aiden, als sie wieder bei ihren Jungs angekommen war.
«Ja, ich denke schon», log sie.
Aiden erweiterte den Kreis, in dem sie standen, um Scarlett wieder hineinzulassen, aber sie lehnte bloß an der Absperrung, die aus irgendeinem Grund dort an der Zeltwand deponiert worden war, und starrte zu ihrem Noch-Mann hinüber. Er redete mit dem Thrashtypen und trank ungerührt weiter, als würde ihm das alles überhaupt nichts ausmachen.
Scarletts Blick schweifte zu Goldie. Eigentlich hätte sie hinüber gehen und mit ihm flirten sollen, nur um Stephen zu zeigen, dass er sich gar nichts einzubilden brauchte. Doch das hätte bedeutet, dass sie Goldie benutzte, und das wollte sie nicht. Das alles musste hier enden. Goldie war ein Freund, sie konnte ihn da nicht mit reinziehen.
Nach einer Weile wackelte Stephen zum Barbereich hinüber, wahrscheinlich um ein weiteres Bier zu holen. Ja, er war wirklich ziemlich blau. Scarlett fragte sich, ob das etwas zu bedeuten hatte, und blickte zu Boden. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie Stephen noch nie in einem solchen Zustand gesehen. Das irritierte sie. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und die Welt ausgesperrt, aber Gehen hatte auch keinen Sinn. Sie würde sowieso nicht schlafen können. Also wandte sie sich wieder ihren Bandjungs und den anderen zu.
Scarlett hatte sich gerade in das Gespräch eingeklinkt, als Stephens Stimme an ihr Ohr drang.

«Zwei Schwuchteln, ein Mannsweib und ein Mädchen!», hörte Gustaf jemanden wettern.
Er drehte sich um und entdeckte einen schlanken Kerl mit kurzem, dunklem Haar. Gustaf wandte sich ab und tat so, als bemerke er nicht, dass es um ihn und seine Band ging. Diese Festivalpartyzelte waren sowieso nicht seine Lieblingsorte, er würde sich gleich aus dem Staub machen.
«Nun, dieses ‚Mädchen‘ trifft besoffen mehr Töne als du nüchtern», warf Emilia ein. Gustaf kannte sie vom «Stargazers»-Projekt. Die dunkelhaarige Sängerin gab auch Gesangsunterricht, also musste sie es wohl wissen.
«Ach, ja?», lallte der Pöbler. «Und du weißt das ja ganz genau, ja? Hey, Mädchen!»
Gustaf wollte ihn ignorieren, aber der Pöbler legte ihm eine Hand auf die Schulter und riss ihn herum. Gustaf stieß ihn zurück.
«Hör auf mit dem Scheiss», sagte er so ruhig wie möglich. So etwas konnte er jetzt echt nicht auch noch gebrauchen.
Scarlett war hier und blickte verstohlen zu ihm herüber und sie wollte etwas, das spürte er. Insgeheim hatte er gehofft, dass sie es verstehen und aufgeben würde, wenn er sie einfach ignorierte, aber nun schien sie vollkommen aufgewühlt. Gustaf fragte sich, ob es etwas mit ihm zu tun hatte und wie er alles wiedergutmachen konnte. Er wollte sich zwar nicht mehr dem körperlichen Verlangen aussetzen, das er für sie empfand, aber er hätte sie dennoch gerne als Freundin behalten.
So ein Pöblertyp war das letzte, was Gustaf im Augenblick interessierte. Nicht auf die Provokation eingehen, lautete die Devise, einfach abwenden und abprallen lassen.
«Aaah», machte der Pöbler und hob herausfordernd den Kopf. «Traust du dich etwa nicht, hä?» Der Kerl war offensichtlich betrunken. Und außerdem frustriert.
«Lass uns abhauen», sagte Gustaf zu Ronnie.
Ronnie nickte. «Okay.»
Gerade als sie sich zum Gehen wandten, sprach der andere Typ erneut. «Was ist?», rief er. «Hatte dein Vater zu wenig Zeit für dich, dass du so ein Schlappschwanz bist?»
Gustaf fühlte sich, als hätte ihm jemand ein Messer in den Rücken gestoßen. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen, erst recht nicht von einem Idioten, der keine Ahnung von seinem Leben hatte!
Gustaf drehte sich um und machte einen Schritt nach vorne.
«Ich sagte, halt den Mund!», warnte er laut und deutlich.
«Ah», machte der andere. «Also habe ich recht?»
Das reichte. Gustaf vergaß jegliche Vernunft und stürzte auf den Pöbler zu, doch eine kleine, schmale Gestalt warf sich dazwischen und stieß sowohl Gustaf als auch den Pöbler grob zurück. Gustaf taumelte, bevor er sich fassen konnte und einige Meter entfernt stehen blieb. Als er aufblickte, starrte er in das entrüstete Gesicht einer heftig atmenden Scarlett.
«Du bist besser als das», sagte sie um Fassung bemüht.
Gustaf konnte nicht antworten. Er fühlte sich wie gelähmt. Ihm dämmerte, dass er in seiner Rage beinahe ihr statt dem anderen Typen eine gescheuert hätte. Der Typ wiederum sah schuldbewusst zu Scarlett hinüber. Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, aber der Typ reagierte nicht darauf und sagte auch nichts. Irgendetwas ging ab zwischen den beiden, aber Gustaf konnte nicht erkennen, was es war.
Er spürte, dass er kurz davor war, erneut zu platzen. Dieses Mal war es jedoch nicht Wut, die ihn zu überwältigen drohte, sondern ein Gefühl völliger Hilflosigkeit. So wie früher. Er versuchte gar nicht erst, die aufkeimenden Emotionen im Zaum zu halten. Dafür kannte er sich zu gut. Stattdessen schob er sich eilig an den umstehenden und Scarlett vorbei.
«Du schuldest ihr ein verdammt großes Dankeschön», fauchte er den Pöbler an, bevor er aus dem Zelt stürmte.
Ronnie ließ er stehen. Der fand sich auch alleine zurecht. Gustaf wollte nur noch weg von hier. So weit weg wie möglich. Er brauchte Luft und einen Moment für sich.
Es dauerte keine fünf Minuten, bis er Schritte hinter sich hörte. Ein leicht blumiger Duft stieg ihm in die Nase. Gustaf blieb stehen. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um festzustellen, um wen es sich handelte.
«Was tust du hier?», fragte er.
«Ich dachte, vielleicht könntest du etwas … Unterstützung gebrauchen», antwortete Scarlett.
Gustaf wandte sich ihr zu. «Tue ich nicht. Du solltest gehen.»
«Stephen kann ein echter Arsch sein», sagte sie.
Für einige Sekunden herrschte Stille. Gustaf fühlte sich, als gefriere ihm das Blut in den Adern, obwohl die Lufttemperatur bestimmt bei mindestens siebenundzwanzig Grad lag. Vielleicht spürte er aber auch einfach nur die Hitze in seinem Kopf.
«Dein Mann?», fragte er um Fassung bemüht. «Das eben war dein Mann?»
«Noch-Mann», korrigierte Scarlett.
«Oh mein Gott.» Gustaf wandte sich von ihr ab, weil er ihren Anblick nicht ertrug. Das war zu viel.
«Gustaf», sagte sie.
Noch einmal erstarrte er innerlich. Sie benutzte sonst nie seinen richtigen Namen. Warum ausgerechnet jetzt? Was wollte sie damit erreichen? Er beschloss, dem Ganzen ein Ende zu setzen, hier und jetzt.
«Hör zu», sagte er und schaute sie wieder an. «Scarlett, das … Was wir hier tun, ist nicht gut. Du solltest wirklich nicht hier sein.»
«Ich bin es aber», entgegnete sie bestimmt. «Gustaf, ich sehe, dass es dir nicht gut geht und mein Ex ist schuld daran. Was denkst du, wie ich mich dabei fühle? Ich wünschte, ich hätte es verhindern können, aber ich …»
«Dann bist du hier, um dein eigenes Gewissen zu beruhigen?», keifte er. Ihm reichte es. Alles. Er hatte die Nase von Scarlett und diesem Festival genauso wie von unmöglichen Beziehungen.
«Was? Nein!», rief sie aufgebracht. «Ich bin hier, weil ich mich um dich sorge! Ob du es glaubst oder nicht, aber ich kenne diesen Blick. Ich kenne ihn sehr gut. Deshalb bin ich hier.»
«Ich brauche keinen Aufpasser», entgegnete er.
«Mach keine Dummheiten, ja?» Ihre Stimme klang wirklich besorgt. Als er nicht antwortete, fügte sie einfach nur «Bis bald» hinzu.
Sie drehte sich um und ging in eine andere Richtung.
Da war etwas in ihren Augen gewesen. Etwas, das Gustaf nicht genau definieren konnte, aber es sagte ihm, dass sie verstand, wogegen er gerade ankämpfte. Ihre Befürchtungen waren nicht ganz unberechtigt.
Er war schon einmal dem Tod nahe gewesen, weil er sich von all den negativen Gefühlen hatte beherrschen lassen. Gerade eben hatte seine Überzeugung, dass er so etwas nie wieder zulassen würde, einige Risse bekommen. Er musste sich beruhigen und in die Realität zurückkehren, seine neue Realität, wo er eine Band hatte und die Musik und ein gutes Leben.
Mit Scarlett konnte er aber nicht reden. Zu viel stand zwischen ihnen, das war Gustaf soeben wieder klar geworden. Er brauchte jemanden, der ihn wirklich gut kannte und dem er voll und ganz vertrauen konnte.
Er warf einen letzten Blick über die dunkle Wiese, die sich vor ihm erstreckte, und drehte sich dann ab Richtung Tourbus.


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