Kapitel 17 – Vaterliebe

Triggerwarnung: Alkoholismus in der Familie, Trauma/PTBS


Vergangenheit

Wenn es um ihre Kinder ging, war Greta Lindberg vor allem eines: Kompromisslos. Wenn sie einmal einen Entschluss gefasst hatte, konnte nichts sie davon abbringen. Was sie versprach hielt sie. Auch wenn das Versprechen darin bestand, jemanden für immer aus ihrem Leben zu verbannen.
Gustaf und seine ältere Schwester Sophie waren vierzehn und neunzehn Jahre alt, als Gustafs Mutter diese Haltung einmal mehr eindrücklich demonstrierte. Gustaf erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen.
Sein Zimmer war abgedunkelt gegen die Sommerhitze. Schmale Lichtstreifen drangen durch die geschlossenen Fensterläden und machten tausende Staubpartikel in der Luft sichtbar. Gustaf lag auf seinem Bett und ließ das Solo von WASPs «The Heretic» auf sich wirken, als es an der Haustür klingelte. Das interessierte ihn erst einmal herzlich wenig. Welcher Idiot musste auch ausgerechnet in diesem Moment stören? Jetzt setzte doch gerade diese geniale Steigerung ein, die dem Stück gleich noch eine Portion mehr Intensität verlieh! Da das Klingeln aber schon wieder vorbei war, ließ Gustaf sich nicht weiter beirren. Der zweite Song auf dem Album war nämlich auch nicht zu verachten und alle anderen auch nicht.
Gustaf schloss die Augen, um die Feinheiten in Sänger Blackie Lawless’ Stimme besser herausfiltern zu können, als eine andere Stimme jene von Lawless übertönte. Genau genommen waren es zwei. Eine davon war Gustafs Mutter. Die andere …
Gustaf schrak hoch wie von einer Biene gestochen. Er drehte die Musik etwas leiser, um ganz sicher zu gehen. Das konnte doch nicht … Das war nicht möglich! Er schraubte die Lautstärke noch ein wenig herunter, bis er die zweite Stimme im Wohnzimmer eindeutig identifiziert hatte. Nach kurzer Überlegung ließ er die Musik laufen und schob sich so leise wie möglich in den Flur hinaus. Die Tür zog er hinter sich ins Schloss.
Auf dem Weg zum Wohnzimmer begegnete er Sophie. Sie wechselten einen Blick, wagten jedoch nicht, ihre Gedanken auszusprechen. Zuerst mussten sie abchecken, was Sache war. Am Ende des Flurs blieb Sophie an der Ecke stehen und Gustaf drängte sich neben sie. Es war irgendwie witzlos, denn von ihrem Standort aus waren die Geschwister exponiert, doch darum ging es nicht. Ihre einzige Absicht war Respekt, gewisse unausgesprochene Regeln einzuhalten. Außerdem hatten sie von hier eine gute Sicht.
In dem winzigen Eingangsbereich, der ans Wohnzimmer grenzte, standen die Eltern sich gegenüber. Gustafs Mutter sah seinen Vater mit eiskaltem Blick an, während dieser sich scheinbar nicht entscheiden konnte, ob er wütend oder verzweifelt sein sollte. Jedenfalls wechselte sein Gesichtsausdruck ständig, was Gustaf schon früher Angst gemacht hatte.
«Du hast schon genug kaputt gemacht, du wirst meine Kinder nicht in deinen Sumpf mit hineinziehen!», schrie Gustafs Mutter.
«Das sind nicht nur deine Kinder!», entgegnete der Vater.
«Oh, doch, das sind sie! Ich ackere mich ab, damit sie etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf haben, während du die Unterhaltsbeiträge versäufst!», warf sie ihm an den Kopf.
«Warum soll ich Unterhalt zahlen, wenn ich meine Kinder nicht sehen darf?», blaffte er zurück.
Gustafs Mutter entwich die Luft durch die Zähne und erzeugte ein boshaftes, verächtliches Geräusch. «Was fällt dir eigentlich ein, nach sieben Jahren hier mit so etwas anzukommen?», sagte sie. «Du bist gegangen, schon vergessen? Dich haben die beiden einen Scheiss interessiert in all der Zeit! Du hast hier überhaupt nichts zu suchen.»
«Und wie ich das habe!», donnerte der Vater.
Gustaf zuckte zusammen. Sophie fixierte ihre Eltern wie versteinert.
«Ich habe ein Recht auf Kontakt zu meinem Sohn!», polterte der Vater weiter. «Du hast ja keine Ahnung, was ich alles durchgemacht habe! Ich habe einen verdammt weiten Weg zurückgelegt, um hierher zu kommen, verdammt weit. Und du sagst mir, dass alles umsonst war? Tut mir leid, Liebes, aber das bestimmst nicht du.»
Er machte einen Schritt auf die Mutter zu.
«Nur zu», sagte sie. «Schlag mich, vor ihren Augen.»
Sie warf den beiden Teenagern einen Blick zu. Natürlich hatte sie ihre Anwesenheit schon längst registriert, so war sie eben. Der Vater hingegen schien die Geschwister erst jetzt zu bemerken. Er sah in ihre Richtung, erblickte Gustaf und trat auf ihn zu.
«Gustaf, mein Junge», säuselte er.
Gustaf machte einen Schritt zurück.
«Pass bloß auf, wo du hintrittst.» Sophie.
Ihr Vater erschrak dermaßen darüber, dass sie sprach, dass er stehen blieb. Er richtete seine Worte jedoch nicht an sie, sondern an Gustaf.
«Mein lieber Junge. Ich weiß, ich habe eine Menge Scheisse gebaut. Lass es mich wieder gut machen. Ich werde dir alles erklären. Von jetzt an wird alles besser, versprochen. Wir könnten zusammen etwas essen gehen – nicht jetzt gleich, aber bald – und dann erkläre ich dir alles und du wirst es verstehen, da bin ich sicher. Wir könnten Freunde sein, na wie wäre das?»
Gustaf wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Das Ganze war natürlich vollkommen absurd. Jedes einzelne Wort war Schwachsinn. Allein die Art und Weise, wie der Alte Gustaf anredete, als wäre er ein kleines Kind, machte deutlich, was für ein verwirrtes Hirn da arbeitete. Gustaf fand das unheimlich, konnte dieses Gefühl aber nicht in Worte fassen. Hinzu kam, dass der Vater Sophie wie den letzten Dreck behandelte. Darauf war Gustaf sowieso allergisch, egal, wer es tat.
«Gustaf» Sein Vater machte einen weiteren Schritt auf ihn zu.
Sophie stellte sich ihm in den Weg. «Keinen Meter weiter», kommandierte sie.
«Gustaf, bitte, sag etwas», flehte der Vater.
Doch Gustaf konnte nicht reden. Er fühlte sich wie eingefroren.
«Das reicht», schaltete sich die Mutter ein.
Gustaf hingegen suchte noch immer nach Worten und fand keine. Er brachte nur ein schwaches Kopfschütteln zustande.
«Gustaf…» Der Vater streckte eine Hand aus. Ihm kamen doch tatsächlich die Tränen!
Die Mutter stellte sich dazwischen und stieß den Vater zurück.
«Raus aus meiner Wohnung und zwar schnell!»
«Das könnt ihr nicht machen! Gustaf, ich bin dein Vater, du musst mir zuhören!» Beinahe wurde er wieder aufbrausend.
Die Mutter packte den halb betrunkenen Mann an den Schultern und schob ihn hinaus. Sophie öffnete ihr hilfsbereit die Tür. Die beiden Frauen schlossen hinter sich ab.
Gustaf rechnete jeden Augenblick damit, Klopfen und Poltern von draußen zu vernehmen, doch es passierte nichts. Mit einiger Verzögerung hörte er, wie die Schritte des Alten sich entfernten. Gustafs Mutter und seine Schwester sahen ihn an. Sie tauschten gerade einen erleichterten Blick aus, als seine Knie einbrachen. Mit einem Schritt war seine Mutter bei ihm und hielt ihn fest. Noch immer konnte Gustaf nichts sagen, aber er war froh, dass er nicht alleine war.
«Ist gut, Schatz», flüsterte seine Mutter, während sie beruhigend über sein Haar streichelte. «Es ist vorbei.»


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