Kapitel 18 – Das Problem und die Lösung

Gegenwart

«This Is The Mystery», sagte Scarlett ins Mikrophon. Sogleich folgte der schnelle, gleichmäßige Trommelschlag des Schlagzeuges und Bass und Gitarre reihten sich nacheinander ein. Ein heller Glockenton vom Keyboard sauste zweimal über die Soundwand, ehe alles abebbte und die erste Strophe begann.
Scarlett sang die Worte mit ruhiger Körperhaltung und ihre Stimme schwebte über die Köpfe der Festivalbesucher hinweg. Als die Melodie wieder ein wenig Fahrt aufnahm, ging Scarlett zu Bassist Aaron hinüber und sang den nächsten Teil neben ihm, während sie sich langsam zu Benni weiterschob. Der Rhythmusgitarrist schnitt lustige Grimassen, während Scarlett in einer Art Theatereinlage erschrocken tat, nur um ihm im richtigen Moment das Mikro hinzuhalten, damit er hineinbrüllte.
Darauf folgte der schnelle, opernhafte Refrain, für den Scarlett wieder ihre volle Körperkraft benötigte. Singen war eine athletische Meisterleistung. Wenn man es richtig machte, war der ganze Körper daran beteiligt und man spürte die Vibration in jedem Muskel und jeder Nervenfaser. Scarlett brauchte eine ganze Menge Luft und eine ganze Menge Konzentration, um sie in den richtigen Mengen aus ihrem Zwerchfell entweichen zu lassen, damit sie für jedes Teilstück, jede Silbe und jeden Ton genug Kraft aufbrachte.
Nach dem Refrain atmete sie auf, hielt das Mikrofon herunter und streckte die andere Hand zum Himmel empor. Einige Schleierwolken zogen vorbei, aber sie hatten keine Relevanz für Scarlett. Wichtig war nur das Publikum, das nun wie aus einer Kehle jubelte und somit wiederum ein Lächeln auf Scarletts Gesicht zauberte. So musste es sein. Die Energie, die ihr ein solcher Auftritt gab, war die ganze Anstrengung wert.
Während der nächsten Strophe besuchte sie Noah am Schlagzeug, dessen blonde Dreadlocks ihm an Kopf und Nacken klebten, aber sein Lächeln war genauso strahlend wie ihr eigenes. Sie gab ihm mit einem Blick zu verstehen, dass es ihrer Ansicht nach gut lief und er nickte zustimmend.
Es folgte ein ruhigerer Teil, während dem sie sich neben Gabriel hinter das Keyboard stellte. Wie immer reagierte Gabriel nicht darauf, zu vertieft in sein Instrument und sein Spiel. Das gab Scarlett Raum, um erneut mit dem Publikum zu interagieren. Sie machte eine aufmunternde Geste mit einer Hand, damit sie klatschten, deutete auf Gabriel, damit sie ihn bejubelten und sprang dann von dem Podest herunter, um vorne an der Bühne den letzten langen Ton der zweiten Strophe auszusingen.
Das Publikum johlte und darauf folgte Aidens Gitarrensolo. Scarlett eilte zu Aiden hinüber, um sein Gitarrenspiel in der Luft nachzuahmen und dazu zu headbangen. Aiden unterdrückte ein Lachen, während er seine volle Aufmerksamkeit seinem Instrument schenkte und das war auch genau richtig so.
Scarlett nutzte diesen Moment für einen Blick über das Publikum. Die Leute gingen ab wie Raketen und einige wurden von dem Gitarrensolo mitgerissen als hingen ihre Hände an unsichtbaren Fäden, die sie ekstatisch hin und her schwenken ließen.
Scarlett ging zurück zur Mitte der Bühne und bereitete sich auf den Teil nach dem Solo vor.
Der Gitarrenklang verlor sich in einer ruhigen, langsamen Melodie. Scarlett betrachtete das Publikum und den Dämmerungshimmel am Horizont und wünsche sich, Goldie wäre hier.
Stephens Pöbelaktion von letzter Woche ließ ihr immer noch keine Ruhe. Warum hatte er das getan? Warum hatte er es nicht einfach gut sein lassen können? Sie hätte alles getan, um die Zeit zurückzudrehen und sein Auftauchen dort zu verhindern. Dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Goldie hätte mit ihr gesprochen, hätte sie vielleicht ins Hotel begleitet und sie hätte die Zeit genießen können. Stattdessen hatte sie sich mit Stephens Eifersüchteleien herumgeschlagen. Sie hatte versucht, mit ihm zu reden, doch er hatte ihr nur Vorwürfe gemacht, wie die ganzen Jahre zuvor. Möglicherweise hätte sie eine Zeitmaschine auch nutzen können, um zum Anfang ihrer Beziehung mit Stephen zurückzukehren und die Fehler zu vermeiden, die sie seither gemacht hatte. Alles hätte anders kommen können.
Jetzt stand Scarlett hier, unterhielt dreissigtausend Menschen und fühlte sich auf einmal so alleine wie schon lange nicht mehr. Sie wollte nicht, dass das mit Goldie endete, aber sie wollte ihn auch nicht ausnutzen. Gleichzeitig wollte sie aber auch ihren Mann zurück und zwar den, den sie vor über fünfzehn Jahren kennengelernt hatte. Vielleicht hatte Goldie recht. Vielleicht war das, was sie taten, einfach nicht gut.
Aiden quetschte einen heulenden Ton aus seiner Gitarre, der dort nicht hingehörte.
Wie von einer Biene gestochen erwachte Scarlett aus ihrer Trance. Sie hatte ihren Einsatz verpasst. Der Melodieteil, der ihn einleitete, begann gerade von Neuem. Hastig drehte sie sich zu Aaron um und nickte ihm zu. Er verlangsamte das Bassriff um ein paar Millisekunden, was erneut den Gesangspart ankündigte.
Scarlett hob das Mikrophon an ihren Mund und begann zu singen. Das Publikum begrüßte Scarletts Rückkehr mit freudigem Applaus und Johlen.
Sie musste sich konzentrieren. Für die Band. Für alle diese Leute. Für ihr eigenes Seelenheil.

«Scheisse», sagte Scarlett und knallte ihr Handy auf den runden Tisch, an dem sie saß. «Ich werde Max schreiben, damit er das löschen lässt.» Sie ließ ihren Blick durch den Frühstücksraum des Hotels schweifen, aber ihre Wut schien niemanden zu interessieren. Zum Glück.
Bereits in dieser Nacht war ein verwackeltes Handyvideo auf Youtube aufgetaucht, das Scarletts Aussetzer ausführlich dokumentierte.
«Das bringt doch nichts», entgegnete Aiden, während er zu einem Ei griff. «Es werden jeden Tag solche Videos hochgeladen. Die Fans würden sich nur vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn du deswegen gegen jemanden vorgehst.»
«Ich weiß nicht.» Scarlett umklammerte ihr Saftglas. «Ich ärgere mich vor allem über mich selbst. Ich bin so unkonzentriert in letzter Zeit, dabei möchte ich das gar nicht. Es gibt gar keinen Grund dafür.»
Aiden sah sie besorgt an. «Keinen Grund?», erwiderte er. «Du hast gerade eine Trennung hinter dir. Und was Stephen da in Deutschland abgeliefert hat …»
«Darüber mag ich nicht reden», sagte sie. «Ich will einfach nur noch alles vergessen.»
Einen Moment lang musterte Aiden sie prüfend. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck. «Du brauchst dir keine Sorgen zu machen», sagte sie leicht genervt.
«Rede einfach, bevor du wieder auf Ideen kommst, ja?», entgegnete er.
«Ich bin nicht auf Ideen gekommen!», entgegnete sie ein wenig ungehalten. «Das damals war ein Versehen, wie oft muss ich das noch sagen?»
Sie senkte den Blick und starrte auf ihr Saftglas. Natürlich hätte sie damals gar nicht auf dieser Brücke sein sollen und erst recht nicht auf der Brüstung, aber sie hatte einen Ort zum Nachdenken gebraucht, und dieser war ihr passend erschienen. So etwas würde sie nie wieder tun, so viel stand fest.
«Ist trotzdem Grund genug», beharrte Aiden.
«Das ist es ja», fuhr sie auf. «Das sollte es nicht sein. Stephen und ich, wir waren schon lange nicht mehr glücklich. Ich meine, wir haben uns wohl damit abgefunden, aber wir hatten nicht diese … Nun ja, das was du und Ally habt, halt. Es sollte mir scheissegal sein, was er tut oder auch nicht.»
«Und dieser Goldie?», bohrte Aiden weiter. «Er ist dir auch nicht egal.» Es war keine Frage, sondern eine klare Feststellung.
«Was soll ich sagen?», antwortete Scarlett. «Erwischt. Aber es ist sowieso vorbei. Er sagt, er will das nicht mehr, wenn ich auch nicht verstehe, warum. Aber wahrscheinlich hat er recht und ich sollte mich auf andere Dinge konzentrieren.»
Aiden nickte bloß.
«Ich werde nie so viel Glück haben wie du», ergänzte sie leise. Aiden war noch nie mit jemand anderem zusammen gewesen als mit Ally, nicht einmal in einem Tourbusbett, und so weit Scarlett das beurteilen konnte, waren die beiden immer noch superglücklich miteinander.
«Bei Ally und mir ist auch nicht immer alles eitel Sonnenschein», sagte er beiläufig. «Sie findet zum Beispiel, ich toure zu viel.»
«Ja, aber ihr freut euch, wenn ihr euch wiederseht», erwiderte Scarlett. «Bei uns ist es eher so, dass einfach jeder sein Ding macht. Als ob wir gar nicht richtig zusammen wären.» Sie waren ja auch nicht wirklich zusammen. Nicht mehr. Scarlett seufzte leise. Vielleicht hatte sie sich zu wenig Mühe gegeben mit Stephen. Ihm zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, weil sie nur ihre Kunst im Kopf gehabt hatte.
«Scarlett», sagte Aiden ernst. «Wenn du Stephen zurückhaben willst, solltest du zu ihm gehen und mit ihm reden.» Er wartete kurz ihre Reaktion ab, doch als sie nichts sagte, fügte er leise hinzu: «Und dich nicht zu jemandem flüchten, der kaum Interesse an dir zeigt.»
Scarlett fuhr auf. «Weißt du was? Eigentlich geht dich das alles überhaupt nichts an!»
«Wie gesagt, ich mache mir Sorgen um dich!», erwiderte er barsch.
«Brauchst du aber nicht!», fauche sie zurück. Sie richtete ihren Blick auf ihren leeren Teller. «Goldie hat Interesse an mir, das hat er bewiesen.»
«Ja, deshalb antwortet er nicht auf deine Nachrichten und sagt, du sollst dich von ihm fernhalten», gab Aiden zurück.
«Wie gesagt, das geht dich überhaupt nichts an.»
«Scarlett, ich versuche bloß … Hör zu, ich will bloß nicht, dass wieder so etwas passiert wie damals.»
«Keine Angst, das nächste Mal suche ich mir irgendeine flache Wiese», entgegnete sie stur. Sie blieb dabei. Das würde sich nicht wiederholen, niemals.
In einem hatte Aiden dennoch recht. Sie war labil. Sie hatte bereits mehrere Therapien begonnen, aber alle wieder abgebrochen. Seit einiger Zeit kam sie ganz gut klar, aber es war durchaus möglich, dass es wieder kippte und sie sich wieder in der Dunkelheit verlor. Dass ihr Leben ihr aus den Händen gleiten würde, ohne dass sie es bemerkte, und sie würde wieder stundenlang herumsitzen und sich selbst betrauern. Sie kämpfte jeden Tag darum, das nicht zuzulassen, doch Sicherheiten gab es keine. Weder sie selbst noch sonst irgendjemand konnte voraussehen, ob und wann das passieren würde.
Bei Goldie konnte sie Aiden allerdings nicht zustimmen: Goldie war nicht das Problem, er war die Lösung.

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