Kapitel 19 – Die Brücke

Vergangenheit

Scarlett saß in der Mitte der Brücke auf der Brüstung und starrte auf den Fluss, der gefühlte tausend Meter weiter unten dahinraste. Kalter Wind zerrte an ihren Haaren. Die Träger der Brücke ächzten, während die Streben und Seile, die sie zusammenhielten, hin und her schwankten. Das Wasser des Flusses toste und schlug gegen die Felswände, die sich zu beiden Seiten erhoben. Der Fluss brach an dieser Stelle aus einer Schlucht heraus und von Scarletts Standpunkt aus hatte man freie Sicht auf die wild bewachsenen Felshänge.
Das war ein guter Ort zum Nachdenken. Die eisige Luft auf ihrer Haut half ihr, einen klaren Kopf zu bekommen. Ihre Karriere stand an einem Tiefpunkt und sie hatte keine Ahnung, wie sie aus dem Schlamassel wieder herauskommen sollte. Bald würden die letzten finanziellen Reserven der Band aufgebraucht sein und der Gerichtsprozess mit ihrer ehemaligen Plattenfirma war noch nicht einmal zu Ende. Was Stephen betraf, so waren sie wieder einmal im Streit auseinandergegangen, als Scarlett zu dieser Tournee aufgebrochen war. Wann war ihr Leben so aus den Fugen geraten? Wann hatte sie angefangen, eine Ehe voller Vorwürfe, Missverständnisse und Ärger zu führen?
Ihre eigenen Eltern kamen ihr in den Sinn. Die hässlichen Worte, die sie sich an den Kopf geworfen hatten. Wie Mutter sich immer bei Scarlett über Vater ausgekotzt hatte, wenn dieser nicht anwesend gewesen war und wie dieser die Mutter heruntergeputzt hatte, wenn er sich zur Abwechslung bequemte, nach Hause zu kommen.
Lange Zeit hatte Scarlett vor allem ihre Mutter gehasst. Sie hatte gesehen, was ihr Vater gesehen hatte: Eine schwächliche, hilflose Gestalt, die man an der Hand durchs Leben führen musste. Heute wusste Scarlett, dass das ein schrecklicher Irrtum gewesen war. Das war ihr erst einige Zeit, nachdem sie ausgezogen war, klargeworden.
«Ja, geh nur!», widerhallte seine wütende Stimme in ihrem Kopf. «Verschwinde!» Eine Reisetasche flog Scarlett entgegen und streifte ihren Oberkörper, während sie rasch zur Seite sprang. «Sieh zu, wie dein Plan aufgeht! Aber komm ja nicht hier angekrochen, wenn es nicht klappt! Von mir aus kannst du auf der Straße verrotten!»
Daraufhin hatte Scarlett die Tasche aufgehoben, in der alles verstaut gewesen war, was sie zu brauchen geglaubt hatte, und war gerannt. Zuerst bis nach Dublin und später, nachdem sie Aiden kennengelernt hatte, noch ein bisschen weiter. Wenn sie darüber nachdachte, wurde ihr klar, dass sie im Grunde immer noch rannte. Weg von dem ganzen Mist, der in ihrer Familie passiert war, weg von ihren widersprüchlichen Gefühlen gegenüber ihren Eltern und weg von den traurigen Gedanken, die sie hin und wieder plagten.
So, wie sie es auch jetzt taten. Was, wenn ihr Vater recht gehabt hatte? Was, wenn sie wirklich unfähig war und auf der Straße enden würde? Scarlett verstand immer noch nicht, warum er so ausgetickt war, als sie ihm erklärt hatte, dass sie statt zu studieren Musikerin werden wollte, aber sie hatte nie wieder den Kontakt zu ihren Eltern gesucht. Sie hatte ihr eigenes Leben, in dem sie das tun konnte, was sie liebte und die angemessene Anerkennung dafür bekam. Dafür brauchte sie weder das Lob ihres Vaters noch den Zuspruch ihrer Mutter.
Die Erinnerung an die Vergangenheit machte Scarlett traurig und löste außerdem nicht die aktuellen Probleme. Scarlett atmete tief durch und beschloss, ein Stück zu gehen. Spazieren half beim Denken, vielleicht würde ihr dann eher eine Lösung einfallen. Sie zog ihre Beine hoch und drehte sich, um auf die Straße zurückzukommen, aber in diesem Moment rutschte sie ab und taumelte vorwärts.
Aus einem Reflex heraus klammerte Scarlett sich mit einer Hand an das Geländer, doch ihr Körper hatte bereits den Halt verloren. Scarlett erkannte unter sich eine Metallstrebe, die breit genug für ihre Füße sein musste, und versuchte, den Fall abzufangen, in dem sie darauf landete, doch nur ein Fuß kam sicher auf dem Gerüst zu stehen. Den anderen balancierte sie eine Sekunde lang in der Luft, ehe ein kräftiger Windstoß ihr das Gleichgewicht nahm.
Scarlett sah den Fluss unter sich dahinrasen und in ihrem Kopf formte sich bereits das Bild eines Körpers, der auf der Wasseroberfläche aufprallte und sie hörte das Geräusch von brechenden Knochen. Mit einer letzten Anstrengung schloss sie auch die zweite Hand um das Geländer und verhinderte somit das Schlimmste. Sie sah über die Schulter auf die reißenden Wassermassen unter ihr und begann, zu zittern.
«Scheisse, Scheisse, Scheisse», sagte sie vor sich hin, in der Hoffnung, es würde ihr die Kraft geben, sich hochzuziehen. Es brachte jedoch nichts, den Blick abzuwenden und sich auf die Abläufe zu konzentrieren, die es brauchen würde. Die eiskalte, glatte Oberfläche des Geländers machte es ihr schwer, überhaupt irgendwo halt zu finden.
«Scarlett!»
Sie erkannte die Stimme sofort als die von Aiden. In ihr breitete sich eine Welle der Erleichterung aus.
«Ich bin hier!», rief sie.
Im nächsten Augenblick tauchte Aidens Gesicht über ihr auf und eine feste, muskulöse Hand ergriff ihren Unterarm. Ein paar Roadies kamen Aiden zu Hilfe und mit vereinten Kräften zogen sie Scarlett über das Geländer zurück auf die Straße. Sie half ein wenig nach, indem sie das letzte Stück selbst hinaufkletterte, doch als sie wieder auf dem festen Asphalt stand, zitterten ihre Knie so stark, dass sie kaum stehen konnte.
Aiden hielt sie an den Oberarmen fest. «Was hast du gemacht?», fragte er besorgt. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben.
«Nichts», antwortete sie ein wenig außer Atem.
Dann ließ sie sich gegen seine Schulter fallen, froh, nicht alleine zu sein. Aiden zog sie in seine Arme und drückte sie.
«Mach so etwas nie wieder», sagte er.
Scarlett antwortete nicht. Für einen Moment hatte sie geglaubt, sie würde sterben. Beinahe wäre sie von diesem Geländer gefallen, weil sie unkonzentriert und in negative Gedanken vertieft gewesen war. Das durfte nicht mehr passieren. Nie wieder. Sie musste wieder auf den Damm kommen, sie musste wirklich auf eine andere Schiene kommen. Wenn sie doch nur gewusst hätte, wie.

«Was wolltest du dort oben?», fragte Aiden später im Tourbus.
«Nachdenken», antwortete sie.
«Auf einem Brückengeländer?»
«Ja.»
Aiden sah sie eindringlich an.
Scarlett schnaubte wütend und stand auf. «Sieh dich doch einmal um, Aiden. Es läuft schlecht. Dieser Rechtsstreit ruiniert uns noch und unsere Statistiken waren auch schon besser! Ich habe nach einer Lösung gesucht!»
«Warum redest du nicht einfach mit uns?»
«Weil ich nun einmal nicht so gut im Reden bin wie du!», schleuderte sie ihm entgegen.
«Hey, kein Grund, gleich auszuticken!», erwiderte er, nun ebenfalls aufgebracht.
Einen Moment lang schwiegen sie. Dann sagte Aiden: «Du solltest Stephen erzählen, was passiert ist.»
«Das braucht er nicht zu wissen.»
«Scarlett»
«Nein. Halt dich da raus, Aiden.»
Mit diesen Worten drehte sie sich um und zog sich in ihre Schlafnische zurück.

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