Kapitel 20 – Eine unerwartete Einladung

Gegenwart

«Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der eine Freikarte für das größte Metalfestival Europas ablehnen würde», sagte Lisa und setzte sich mit dem zweiten Bier neben Gustaf auf die Bank in der hinteren Busecke.
Er lachte, weil es so absurd war. «Wenn ich dahin gehe, erwartet sie, dass ich sie besuche.»
«Was spricht denn dagegen?», fragte Lisa.
Gustaf warf einen Blick durch den Bus. Nur Lisa wusste von seiner Greysexualität. Er hatte sich bei ihr schon vor Jahren geoutet, als sie noch zusammen in der WG gewohnt hatten. Lisa hatte alles erstaunlich schnell verstanden. Gustaf fühlte sich ihr außerdem verbunden, weil sie lesbisch war. Zwar musste er seine biromantische Orientierung im Gegensatz zu der anderen Sache nicht auch vor Ronnie und Jesse verbergen, aber es war einfach etwas anderes, mit Lisa darüber zu sprechen. Es gab einfach gewisse Dinge, die die anderen beiden nicht verstanden.
Jesse wuselte herum und räumte Sachen hin und her, Ronnie hatte sich in sein Bett verzogen.
«Es fühlt sich einfach nicht richtig an», sagte Gustaf leise. «Ich will sie, Lisa. Tagein, tagaus, ich kann kaum an etwas anderes denken. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht und das schon seit Wochen. Dieser Zustand ist wie ein Dauerdelirium, das ist echt unheimlich. Als hätte sich mein Gehirn in eine andere Sphäre verabschiedet.»
Lisa lachte auf, aber sie hielt ihre Stimme gesenkt, als sie sprach. «Willkommen im Club, du Original», sagte sie. «Lass es doch einfach zu. Gönn dir ein bisschen Spaß, solange es andauert. Du brauchst ja nicht gleich mit ihr anzubandeln.»
«Aber genau das ist es ja», erwiderte er. «Ich fühle mich, als würde ich sie irgendwie betrügen, weil ich sie so sehr mag. Aber als Partnerin kann ich sie mir nicht vorstellen. Und dann ist da noch ihr eifersüchtiger Ex. Was, wenn der uns dann dauernd nachstellt? Für so etwas habe ich echt keine Nerven. Es müsste so sein wie bei Jasmin, nur halt … Du weißt schon. Inklusive körperlichem Verlangen.» Es schmerzte ihn noch immer, auch nur an Jasmin zu denken. Mit ihr wäre alles perfekt gewesen, wenn nur diese Sache nicht zwischen ihnen gestanden hätte. «Aber für Scarlett empfinde ich fast nur dieses Verlangen», fuhr er fort. «Ich sollte sie einfach nie wiedersehen.»
«Nun ja, deine Entscheidung», sagte Lisa. «Aber überleg mal: Vielleicht will sie ja auch. Eine Beziehung meine ich. Vielleicht könntet ihr es einfach versuchen und es klappt. War bei Jackie und mir auch so.»
Gustaf lehnte sich zurück und starrte an die niedrige Busdecke. Genau das war es. Er hätte mit Scarlett eine Beziehung einschließlich Sex führen und das Thema einfach außen vor lassen können. Gustaf fand sie anziehend, also musste sie ja nicht wissen, dass sie einer der wenigen Menschen auf der Erde war, für die das galt.
Er hatte darüber nachgedacht. Genau genommen wünschte er sich eine solche Beziehung. Gleichzeitig hatte er das Gefühl, dass eine Verbindung zwischen zwei Menschen nicht auf Sex aufbauen sollte, und außerdem saß ihm die die Geschichte mit Jasmin immer noch im Nacken. Was, wenn es doch nicht funktionierte? Was, wenn das alles nur ein furchtbarer Irrtum war?
«Keine Ahnung», sagte er. «Vielleicht müssten wir uns auch einfach besser kennenlernen.» Gustaf wusste nicht mehr, was er glauben oder tun sollte. In einem Moment war er sich völlig sicher, dass die Sache zwischen ihm und Scarlett irgendwie falsch war, doch im nächsten wünschte er sich, ihr auch geistig näher zu kommen und hoffte auf mehr.
Er hatte darüber nachgedacht, Scarlett anzurufen. Dann hatte er wieder an den aufdringlichen Ex denken müssen und sich dagegen entschieden. Zwischen Scarlett und diesem Typen war definitiv etwas noch nicht abgeschlossen und Gustaf hatte keine Lust, zwischen die Fronten zu geraten.
«Na, dann wäre dieses Festival doch die perfekte Möglichkeit, um das herauszufinden», bestätigte Lisa fröhlich.
«Was?» Gustaf hatte schon vergessen, worum es überhaupt ging.
«Na, um sie kennenzulernen», sagte Lisa. «Um zu sehen, ob eine Beziehung zwischen euch in Frage kommt.»
«Sie wird keine Zeit haben, um mit mir zu reden», entgegnete er halbherzig.
«Wenn das so wäre, hätte sie dich nicht eingeladen.»
Gustaf blies die Luft aus und schwieg. Er verzehrte sich nach Scarlett. Am liebsten hätte er ihr sofort geantwortet, nein, noch lieber wäre er gleich losgefahren, um zu ihr zu gehen, sie zu umarmen und zu küssen und jedes Detail ihres Körpers mit all seinen Sinnen aufzusaugen. Andererseits wurde er das Gefühl nicht los, dass der unterirdische Graben zwischen ihnen seit dem Auftauchen ihres Ex-Mannes grösser geworden war und sich jeden Moment öffnen konnte.
«Ich finde jedenfalls, dass du dich nicht einschränken musst», erklärte Lisa. «Ihr seid zwei erwachsene Menschen und tut nichts Verbotenes.»
Er warf ihr einen mahnenden Blick zu.
Sie hob abwehrend die Hände. «Schon gut, schon gut, ich sage nichts mehr.»
Gustaf beobachtete, wie Jesse irgendetwas umräumte, und versuchte, die Gedanken an Scarlett auszuklammern, sich einfach nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Darin war er aber noch nie gut gewesen und immer, wenn er die Augen schloss, drängte sich ihm das Bild von Scarletts Gesicht wieder auf. Wie schön sie war. Wie sie ihn immer ansah. Wie sich ihre Haut auf seiner eigenen anfühlte und in was für eine Ekstase er geriet, wenn er sie bei sich hatte. Und wie verlogen er sich dabei vorkam.
Er wollte gerade aufstehen und sich ein neues Bier holen, als sein Handy klingelte. Das Display zeigte den Namen ihrer Managerin an. Robin.
Gustaf nahm den Anruf an. «Hi.»
«Hey. Wie läuft’s?»
«Gut, soweit.»
«Henrik sagte, ihr hättet gerade kurz Zeit.»
«Die ganze Mannschaft?»
«Die Band, ja.»
«Warte einen Moment.»
Gustaf sah Lisa und Jesse an. Jesse hielt in seiner Bewegung inne.
«Robin», erklärte Gustaf. «Will irgendetwas Wichtiges besprechen, mit uns allen.»
«Ronnie, komm raus, ich weiß, dass du nur so tust, als würdest du schlafen!», rief Jesse zu den Betten.
Mit viel Gepolter und gelangweiltem Gesichtsausdruck kämpfte sich Ronnie aus dem Bett und durch den Gang zur Lounge. «Jaja, ich bin da ja. Kein Grund, gleich aggressiv zu werden.»
Gustaf schmunzelte und nahm das Handy wieder ans Ohr. «Okay, Robin, ich schalte dich auf Lautsprecher.» Er betätigte die entsprechende Taste und legte das Telefon auf den Tisch.
«Hallo zusammen», sagte Robin.
«Hallo Robin», sagten die anderen Bandmitglieder gleichzeitig.
«Ich habe gute Neuigkeiten», fuhr die Managerin fort. «Vor einigen Stunden habe ich eine Mail von den Organisatoren des Bloodfield-Festivals bekommen. Eine Band, die am Freitagnachmittag hätte spielen sollen, hat abgesagt. Sie wollen euch den Slot anbieten. Sie brauchen die Antwort so schnell wie möglich.»
Lisa warf Gustaf einen verschwörerischen Blick zu.
«Selbstverständlich gerne!», platzte Ronnie heraus.
Gustaf benötigte seine ganze Selbstbeherrschung, um nicht von der Bank zu kippen, ob nun vor Lachen oder Schock wusste er nicht so genau. Freitag war genau der Tag, an dem auch der «Divine-Mystery»-Gig sein würde. Scarletts Auftritt.
«Gustaf guckt, als hätte er einen Geist gesehen», kommentierte Jesse.
«Es ist ein gutes Angebot», sagte Robin. «Aber wenn es euch zu viel ist, können wir ablehnen»
«Nein», unterbrach Gustaf sie. «Ganz sicher nicht. Eine solche Chance schlagen wir nicht aus.»
«Du klingst ein wenig gereizt.»
Gustaf sah bildlich vor sich, wie Robin die Augenbraue hob.
«Es ist alles bestens», wich er aus. «Sag ihnen, wir freuen uns drauf.»
«Auf jeden Fall», bekräftigte Lisa und stupste Gustaf in die Seite.
Jesse schwieg.
«Okay», sagte Robin. «Wenn ihr euch einig seid, antworte ich ihnen. Sobald es bestätigt ist, kümmere ich mich um die Ankündigung auf unseren Social-Media-Kanälen.»
«Gut», lautete die einstimmige Antwort der Band.
«Habt noch eine gute Tour», sagte Robin zum Abschied.
«Tschüss, Robin.»

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