Kapitel 21 – Narben

Content Warning: Alkoholismus in der Familie, selbstverletzendes Verhalten

Gegenwart

Gustaf stand im hinteren Teil der riesigen Bühne und wartete. Roadies von Divine Mystery eilten hin und her, drapierten Kabel, nahmen die letzten Feineinstellungen der Verstärker vor und legten an verschiedenen Stellen Sachen wie Handtücher, Getränke, Ersatzklamotten und weitere Utensilien für die Band bereit. Die Anordnung sah ziemlich zufällig aus, aber Gustaf wusste es besser. Jeder Gegenstand hatte seinen vorgesehenen Platz, damit er für die Musiker möglichst einfach und schnell zu erreichen war.
Die Bandmitglieder würden sich zwischendurch den Schweiß abtupfen, ein anderes Plektrum holen, das T-Shirt wechseln oder das eine oder andere Accessoire zu ihrem Bühnenoutfit hinzufügen. All das passierte versteckt durch Verstärker, Bühneneinrichtungen und Vorhänge, unsichtbar für das Publikum. Außerdem waren die Roadies auf ihren Positionen zur Stelle, wenn ein Gerät ausstieg, umfiel oder sonst irgendetwas geschah, was den Einsatz eines Technikers erforderte.
Gustaf kannte das aus eigener Erfahrung. Im Optimalfall, so wie hier, fand die Show in der vorderen Hälfte der Bühne statt und hinten blieb genug Raum für alles weitere. Allzu oft herrschten jedoch nicht so gute Voraussetzungen und die Roadies mussten sich auf Zugangstreppen, im Graben links und rechts, und im Gang dahinter verteilen. Gustaf dachte kurz daran, wie angenehm sein eigenes Konzert am Nachmittag hier gewesen war, während er versuchte, den Technikern nicht im Weg zu stehen.
Er wusste nicht genau, warum er hierher gekommen war, zu Scarletts Auftritt. Genau genommen hätte er sich umdrehen und verschwinden sollen, ihr klarmachen, dass aus ihnen beiden nichts wurde. Andererseits hatte Lisa recht. Es war nicht sicher, dass sich nicht doch noch etwas mehr entwickelte als eine gegenseitige Vorliebe für den Körper des anderen. Ebenso gut konnte er sich einfach auf die Sache einlassen und sehen, wo sie hinführte.
Ein junger Mann sauste an ihm vorbei und legte einen schwarz glitzernden Umhang auf einen Verstärker in Gustafs nähe, ehe der Junge sich selbst dahinter positionierte. Gustaf erkannte das Kleidungsstück. Scarlett trug es immer bei dem Lied «Dark Is The Night». Wahrscheinlich musste der Junge den Umhang dann für Scarlett bereithalten.
«Hey, du da!»
Die barsche Stimme riss Gustaf aus seinen Gedanken. Er wandte sich dem Besitzer zu, ein kleiner, aber überaus kräftiger Mann mit kurz geschorenem Haar. Der Chefroadie, vermutete Gustaf. Musste so sein, die sahen immer so aus.
«Ja, dich meine ich», sagte der Mann grob. «Das geht so nicht, hier.»
Gustaf hatte gehofft, dass diese Situation nicht eintreten würde. Es kostete ihn einige Überwindung, aber er sah keinen anderen Ausweg, als seinen Künstlernamen einzusetzen. «Ähm, ich bin Goldie Aberdeen, Scarlett hat mich eingeladen.»
«Und wenn du der Prinz von Wales wärst und der Papst dich eingeladen hätte», fauchte der Mann. «Ist mir egal, hier kannst du nicht bleiben.»
«Okay, wo kann ich»
«Nicht auf dieser Bühne!», polterte der Roadie.
Gustaf befand, dass es keinen Sinn hatte, mit dem Kerl zu streiten. Erstens wäre es unanständig gewesen und zweitens hätte er sowieso verloren. Er war nun einmal nicht der schlagfertige Coolnesskönig, für den ihn einige Leute offenbar hielten. Und vielleicht war das ein Zeichen dafür, dass er wirklich gehen sollte. Er wollte sich gerade umdrehen, als er Scarlett herantreten sah, die Band geschlossen hinter ihr.
«Was ist hier los?», verlangte sie zu erfahren, als sie bei den beiden ankam.
«Schon gut, ich suche mir einen anderen Aussichtspunkt», sagte Gustaf, um Ärger zu vermeiden.
«Er kann nicht hier bleiben», wetterte der Roadie.
«Er ist mein Gast, er kann sehr wohl bleiben», entgegnete Scarlett.
«Nein, schon gut, ich», begann Gustaf, doch Scarlett unterbrach ihn.
«Bleib nur. Es ist alles in Ordnung.»
Sie funkelte den Roadie an. Gustaf war ein wenig erstaunt. Diese herablassende Art kam ihm an ihr irgendwie falsch vor, wie ein unförmiges Kleidungsstück oder eine schlecht sitzende Maske.
«Hier kann er nicht stehen!», fuhr der Roadie auf. «Wir müssen hier hin und her und das Kabel des Gitarrenverstärkers führt genau hier durch. Wenn er im Weg herumsteht, läuft noch einer ihn in hinein und am Ende fallen sie alle beide über das Kabel, es gibt einen Knall und aus ist’s aus mit dem Sound.»
Gustaf wollte gerade erneut den Mund öffnen, um zu erklären, dass er es verstand, aber Scarlett kam ihm zuvor.
«Dann gib ihm einen Platz, wo er sein kann», sagte sie zu dem Roadie. «Wir sprechen später darüber.»
Sie zwinkerte Gustaf zu und ging zur anderen Seite der Bühne, während die anderen Bandmitglieder sich ebenfalls auf die Positionen verteilten, von denen aus sie hinter dem Vorhang hervorstürmen würden. Kurz fragte Gustaf sich, warum keiner von ihnen etwas dazu gesagt hatte, aber der Roadie verlangte auch schon wieder nach seiner Aufmerksamkeit.
«Mitkommen», bellte er.
Gustaf folgte ihm zu der anderen Seite etwas weiter hinten. Dort stand Gitarrist Aiden bereit und musterte Gustaf skeptisch, als der Roadie bereits weiterzog.
Gustaf fühlte sich trotz der Bestätigung durch Scarlett unwohl und der Blick des Gitarristen machte das nicht gerade besser. Am liebsten hätte Gustaf von Aiden eine Art Rückbestätigung eingeholt, eine zweite Erlaubnis, aber die abweisende Haltung dieses Kerls erstickte jede Kommunikation im Keim. Gustaf versuchte sich an einem versöhnlichen Lächeln, doch Aiden reagierte nicht darauf.
Das Intro begann. Der Schlagzeuger ging hinaus und nahm auf seinem Hocker Platz. Aus dem Publikum ertönte tosender Applaus. Als nächstes stellte sich der Keyboarder hinter sein Instrument, dann der Bassist, und zuletzt Aiden. Das erste Lied hatte begonnen. Nach einigen Sekunden, in denen die Band die Luft mit einer schnellen, kraftvollen Melodie füllte, schwebte auch Scarlett auf die Bretter hinaus.
Die Menge kochte und tobte. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden hinter dem Horizont. Scarlett sah aus wie eine Königin aus einer anderen Welt in ihrem glänzenden Leder, mit ihrer glitzernden Schminke und dem dunkelblauen Himmel gegenüber.
Gustafs Gedanken blieben stehen wie ein Karussell, dem man den Strom entzogen hatte. Scarlett war so unglaublich schön. Die Art wie sie sich bewegte, weckte sein Verlangen nach mehr erneut und er beschloss, zu bleiben und ihr noch eine Chance zu geben. Eine letzte, echte Chance.

Nach dem Konzert kam eine völlig verschwitzte Scarlett auf Gustaf zu. Sie reichte das Mikrophon einem Roadie, der es ihr abnahm und sich sofort darum kümmerte, es zu entkoppeln. Die anderen Bandmitglieder taten es ihr mit ihren Instrumenten gleich.
«Gute Show», sagte Gustaf anerkennend.
«Danke», antwortete Scarlett. Mit diesem glücklich erschöpften Gesichtsausdruck wirkte sie noch anziehender als vorhin.
«Ich muss die Schminke abwischen gehen», fuhr sie fort. «Unter dem Schweiß fühlt es sich nicht mehr so toll an.»
«Das Gefühl kenne ich», sagte Gustaf lächelnd.
«Sehen wir uns anschließend im Festzelt?»
«Ja», sagte er, ein wenig betört. Er schob seine Zweifel beiseite und begab sich zu dem Zelt.

Einige Stunden später lag Scarlett zusammen mit Goldie in ihrem Hotelbett und zeichnete mit den Fingern seine Muskeln nach. Sein Körper war schlank und sportlich, aber auf eine natürliche, unauffällige Art. Im Gegensatz zu Stephen, der inzwischen so drahtig war, dass Scarlett es kaum mehr wagte, ihn anzufassen. Aber sie wollte jetzt nicht an Stephen denken. Sie war hier bei Goldie, richtig? Sie hatten beschlossen, das Festzelt umgehend zu verlassen und auf das Feiern am Ende des Tages verzichtet, um zusammen allein zu sein. Scarlett wollte das nicht mit Gedanken an ihren Ex kaputtmachen.
Sie strich mit den Händen über Goldies Oberkörper. Das Adrenalin war bei dem Auftritt in reichlichen Mengen durch ihren Körper geflossen und sie fühlte sich noch immer berauscht davon. Perfekte Voraussetzungen also.
Scarlett platzierte einige sanfte Küsse auf seiner Haut. Brust und Bauch. Das mochten sie alle. Jedenfalls, alle, die Scarlett bisher gekannt hatte, auch wenn es nicht viele waren. Stephen hatte das geliebt. Stundenlang hatte sie das tun können und er war allmählich enthusiastischer geworden, bis sie sich schließlich in einem fast tranceartigen Zustand miteinander verbunden hatten.
Doch Goldie war nicht Stephen. Trotzdem zuckte er erfreut und Scarlett lachte.
«Gefällt dir das?», fragte sie.
Er machte ein leises, zustimmendes Geräusch.
Sie streichelte erneut seine Brust mit der Hand und sagte: «Es freut mich, dass du gekommen bist.»
Sie war sich nicht sicher gewesen. Nachdem er sich nicht mehr gemeldet hatte, hatte sie bereits befürchtet, er würde ihre Einladung ablehnen, doch das spielte jetzt keine Rolle mehr.
«Ja», antwortete er nur. «Es war eine gute Idee.»
Scarlett sah zu seinem Gesicht auf. «Du musst entschuldigen wegen der Sache vor der Show. Unser Joe ist manchmal etwas übereifrig.»
«Kein Problem», sagte er. «Du hättest nicht so grob zu ihm sein müssen. Ich hätte es verstanden.»
«Doch, das musste ich», erwiderte Scarlett. «Es hatte genug Platz. Er soll sich nicht aufführen wie der König auf dem Topf, er ist es nämlich nicht. Jedenfalls nicht gegenüber meinen Gästen.»
«Wenn du meinst», sagte er nur.
«Lass uns nicht über so langweiliges Zeug reden», sagte sie. Eigentlich wollte sie gar nicht reden.
Sie beugte sich wieder über seinen Körper und küsste ihn erneut. Goldie lächelte und bestätigte Scarlett damit in ihrem Vorhaben. Langsam arbeitete sie sich seinem Oberkörper entlang nach unten, fuhr mit den Lippen über seine Hüften und seinen Oberschenkel. Scarlett tastete die Region langsam mit ihrer Zungenspitze ab und fuhr fort zur Innenseite.
Mit Fingerspitzen und Lippen strich Scarlett über seine Haut, immer weiter vor, näher zu einem anderen Bereich seines Körpers. Scarlett lächelte in sich hinein, als sie sich vorstellte, wie er gleich auf ihre nächste Aktion reagieren würde, stoppte jedoch kurz davor.
Wie automatisch blieb Scarletts Hand an Ort und Stelle liegen, genau zwischen Goldies Intimbereich und dem, was sie aufgehalten hatte.
Eine weiße Linie zog sich über die Haut des Oberschenkels. Die Narbe begann direkt vor Scarletts Daumen, machte einen unschönen Bogen und endete irgendwo im Schatten auf der Innenseite des Beins. Die Konturen waren zerfasert und die Haut darum herum faltig und rau.
Scarlett starrte die Narbe mit einer Mischung aus Faszination und Mitgefühl an. Es sah schrecklich schmerzhaft aus, selbst jetzt noch, obwohl die Wunde offensichtlich schon lange verheilt war. Scarlett widerstand dem Drang, die Hand auszustrecken und darüber zu streichen, da sie nicht wusste, ob Goldie damit einverstanden gewesen wäre. Sie fragte sich, welche Geschichte wohl dahinter steckte und legte sich gerade die Worte zurecht, um ihn darauf ansprechen, als er sich regte.
Er stützte den Oberkörper auf und sah Scarlett an. «Oh, das», sagte Goldie. «Lass dich davon nicht aufhalten.»
«Tut es weh?», fragte sie.
«Nicht mehr», antwortete er. Seine Stimme nahm eine dunkle Färbung an, doch im nächsten Moment klang er wieder heiter. «Du kannst sie anfassen, wenn du willst.»
Vorsichtig strich Scarlett mit den Fingern über die Narbe. Bei der Berührung durchzuckte sie eine gewisse Erregung. Nicht dieselbe Art von Erregung, die sie vor wenigen Sekunden noch verspürt hatte, sondern die positive Anspannung, die von neuen Erfahrungen ausging. Noch nie hatte Scarlett eine solche Narbe gesehen, geschweige denn angefasst. Die Haut auf der Narbe fühlte sich empfindlich an, als könnte sie jeden Moment reißen.
Scarlett löste sich davon und legte sich neben Goldie. Sie wollte mehr darüber erfahren. Er ließ seinen Oberkörper wieder in die Kissen sinken.
«Wäre es unverschämt, zu fragen, wie es dazu gekommen ist?»
Goldie lachte. «Ein bisschen.»
«Du musst es nicht erzählen, wenn du nicht willst.» Sie schaute ihn an, um seine wahren Gefühle zu erkennen, aber er winkte nur ab.
«Nein, schon in Ordnung. Du musst mir nur versprechen, dass alles, was du gleich hörst, in diesem Zimmer bleibt.»
«Klar», antwortete sie. Verschwiegenheit war für sie eine Selbstverständlichkeit. Jeder hatte Geheimnisse, von denen die Öffentlichkeit nichts erfahren sollte.
Goldie drehte sich auf die Seite und stützte sich auf einen Arm.

«Du musst wissen, dass mein Vater ein sehr großes Arschloch ist. Er hat … Getrunken.» Selbst heute noch fiel es Gustaf schwer, darüber zu sprechen, aber er hatte festgestellt, dass es ihm half, alles zu verarbeiten. «Er interessierte sich einen Feuchten für uns Kinder und er war sehr häufig abwesend. Wahrscheinlich saß er die meiste Zeit in irgendwelchen Bars und trank. Wenn er zu Hause war, hatte er keine Aufmerksamkeit für uns übrig, und wenn wir ihm zu aufdringlich wurden, rastete er aus und warf mit Gegenständen um sich. Meine Mutter hat ihn in die Wüste geschickt, als ich sieben war, doch er hat immer wieder halbherzige Kontaktversuche unternommen.»
Scarlett sah ihn aufmerksam an. «Das ist schrecklich», sagte sie.
«Ja», antwortete er leise. «Aber es wurde noch schlimmer. Ich weiß nicht genau, wie es angefangen hat, aber ich bin lange Zeit nicht darüber hinweggekommen. Ich habe nicht verstanden, warum meine Mutter ihn verlassen hatte und eine Zeit lang wollte ich den Kontakt aufrecht erhalten, aber meine Mutter hat es nicht zugelassen. Erst viel später ist mir klargeworden, dass sie mir damit einen Gefallen getan hat. Damals wollte ich aber einfach nur einen Vater haben, mit dem ich Zeit verbringen und etwas erleben konnte, wie alle anderen Kinder auch. Nach der Trennung war meine Mutter meistens arbeiten oder mit dem Haushalt beschäftigt und meine Schwester … Nun ja, sie war ja auch nur ein Teenager. Jedenfalls habe ich irgendwann damit begonnen, mich selbst zu verletzen, weil ich mich leer fühlte.»
«Das ist furchtbar», sagte Scarlett. «Niemand sollte so etwas durchmachen müssen.»
Gustaf fühlte sich ein wenig traurig, als er sie ansah. «Ich schätze, wir beide wissen es besser, was?»
«Ja», antwortete sie nachdenklich. «Ja, leider.»
«Jedenfalls», fuhr er fort, «hielt ich das Ritzen für so eine Art Lösung. Ich brauchte etwas, womit ich meinem Schmerz einen Kanal geben konnte und anfangs schien es auch zu funktionieren, doch es kippte schnell.»
In Scarletts Gesicht spiegelte sich viel Mitgefühl und noch etwas, das Gustaf nicht einordnen konnte. Auf jeden Fall bewegte die Geschichte sie sehr, so viel glaubte er zu erkennen.
«Es reichte nicht mehr», erzählte er weiter. «Egal, wie tief die Schnitte waren, ich fühlte mich nie nennenswert besser. Vielmehr trat der gegenteilige Effekt ein und um das auszuhebeln, ging ich noch weiter. Irgendwann hatte ich Schwierigkeiten, neue Stellen zu finden.
Ich verletzte mich wegen jeder Kleinigkeit und eines Tages kündigten sie mir den Job in der Imbissbude. Ich war bereits aus der Schule heraus und hatte keinen Ausbildungsplatz gefunden, also schlug ich mich damit durch. Die Kündigung brachte mich völlig aus dem Konzept. An jenem Abend nahm ich mir den Oberschenkel vor, weil der noch nicht völlig wulstig und zerschunden war.»
«Lass mich raten», sagte Scarlett vorsichtig. «Das ist die einzige Narbe, die nicht abgeheilt ist.» Sie klang ein wenig traurig.
«Ja», antwortete er. «Die tiefste und schlimmste von allen.»
Er sah zur Decke, weil es einfacher war, weiter zu erzählen, wenn er Scarletts Gesicht dabei nicht sehen musste. «Ich schnitt mir also in den Oberschenkel und drückte so fest ich konnte. Ich wusste, dass ich vorsichtig sein musste, weil dort eine Hauptader verläuft, aber wie mehr ich über meine Situation nachdachte, umso unruhiger wurde ich. Das Erleichterungsgefühl, das ich erwartete, stellte sich nicht ein und ich wurde nervöser und grober und verkrampfte mich …»
Er schloss die Augen und atmete durch. Der schwierige Teil war nicht der Moment, als es passiert war, sondern weshalb. Immer, wenn Gustaf an diese Zeit zurückdachte, erinnerte er sich an dieses Gefühl totaler Hilflosigkeit und das machte ihn traurig.
«Dann bin ich abgerutscht», erklärte er. So einfach war das. So schnell konnte es passieren.
«Oh mein Gott», entfuhr es Scarlett. Sie klang schockiert.
«Brauchst du eine Pause?», fragte Gustaf, weil er sichergehen wollte. Er wusste, dass die Geschichte nicht von jedem gut aufgenommen wurde, und wollte Scarlett nicht überfordern.
«Nein, erzähl weiter», sagte sie. «Es ist nur … Einmal ist mir etwas passiert … Ach, vergiss es.»
«Nein, es interessiert mich», entgegnete er.
«Wie wär’s, wenn du deine Geschichte zuerst zu Ende bringst und anschließend spreche ich über meine.»
«Okay», sagte er. Ihr Vorschlag machte durchaus Sinn.
«Mich schaudert es heute noch, wenn ich daran denke», führte er aus. «Meine Seele befand sich damals in einem sehr, sehr negativen Zustand. All der Schmerz und die Verzweiflung … Alles war dunkel und schwarz. Jedenfalls ist es lebensgefährlich, wenn dir so etwas passiert.»
Er atmete langsam ein und aus. Allmählich fiel ihm das Erzählen wieder ein wenig leichter.
«Das Blut spritzte nur noch und ich schrie vor Schmerz und Panik. Ich drückte meine Hände auf die Wunde, aber ich fühlte mich so schwach. Ab diesem Moment sind meine Erinnerungen wie verschwommene Filmszenen.
Mein Zimmer wurde unscharf, ich sah es nur noch durch einen diffusen Nebel. Irgendwann hörte ich die Stimme meiner Schwester und die Umrisse ihres Gesichts surrten vor meinen Augen herum.
‚Gustaf!‘, rief sie. ‚Oh Gott! Keine Sorge, ich bin da. Einfach wachbleiben, hörst du?‘ Ich spürte Druck gegen mein Bein und dumpfe Geräusche drangen an meine Ohren.
Irgendwann erschien ihr Gesicht erneut. ‚Gustaf. Hey, hörst du mich?‘ Sie schlug gegen meine Wange, doch ich spürte kaum etwas. ‚Trete jetzt bloß nicht weg, klar? Ich bin gleich zurück.‘ Sie verschwand erneut, tauchte wieder auf.
Das nächste, was ich weiß, ist, wie ich im Krankenhaus aufwachte. Alles schien verlangsamt und seltsam still. Ich konnte meine Umgebung klar und deutlich sehen und hören. Die Krankenschwestern, die um mich herumwuselten, und meinen Körper untersuchten, die Autos draußen auf der Straße, die Helligkeit des Zimmers, die Sonne. Es kam mir so unwirklich vor.
Ein Arzt kam ins Zimmer und erklärte, ich müsste einen Schutzengel gehabt haben. Sophies Druckverband hätte wesentlich zu meiner Rettung beigetragen, ich hätte innerhalb von Minuten verbluten können.»
«Wow», entfuhr es Scarlett. «Das ist … krass.»
Gustaf richtete sich auf, um sie anzusehen. Sie war gefährlich blass geworden. Er studierte sie einen Moment und entschied dann, dass es das Klügste war, den positiven Teil der Geschichte gleich anzuhängen.
«Heftig, ich weiß», sagte Gustaf. «Es ist verrückt. An diesem Tag hatte ich das Gefühl, es gäbe einen Gott und er hätte mir eine zweite Chance gegeben. Dabei glaube ich eigentlich gar nicht an so etwas.» Er lächelte ein wenig verlegen, als er daran dachte. «Jedenfalls habe ich mit den Selbstverletzungen aufgehört. Und nach meinem letzten Arbeitstag habe ich mir eine WG in London gesucht und bin dahin gezogen. So habe ich Lisa kennengelernt.»
«Ja, das Leben geht manchmal seltsame Wege», sagte Scarlett, aber ihre Stimme klang wie fern, als wäre sie innerlich woanders. Ihr Blick schweifte ebenfalls ab und sie richtete sich auf.
«Entschuldige mich mal kurz.»
Sie stand auf und schlurfte wie benommen ins Badezimmer.
Kurz darauf hörte Gustaf, wie sie sich übergab.

Scarlett atmete heftig, als sie endlich das Gefühl hatte, auch den letzten Rest ihres Mageninhaltes der Toilette überantwortet zu haben. Sie lehnte sich gegen die Wand und wartete darauf, dass ihr Herzschlag sich beruhigte.
Scheisse, Scheisse, Scheisse. Diese Geschichte war zu viel gewesen. Scarlett hatte es unbedingt wissen wollen und sie hatte gedacht, dass sie es würde wegstecken können, aber das erwies sich nun als Irrtum.
Vieles davon erinnerte sie an ihre eigenen Erlebnisse. Die Sache auf der Brücke damals war dabei noch das Geringste. Was ihr mehr zusetzte, waren die streitenden Eltern und die Einsamkeit. Scarlett hatte sich als Kind ebenfalls oft alleine und verlassen gefühlt. Ihr Vater mochte ihr die Welt zu Füssen gelegt und teure Geschenke gebracht haben, aber das hatte nie die fehlende Liebe in ihrem Elternhaus ersetzen können. Vater hatte sich ansonsten nur für seine Karriere interessiert – und wie ihr später klar geworden war, möglicherweise auch Geliebte – und Mutter war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, um Scarlett auch nur wahrzunehmen. Nur im Gegensatz zu Goldie hatte Scarlett keine Geschwister zur Unterstützung gehabt.
Scarlett war überzeugt davon, dass ihre Eltern die Schuld an all ihren Problemen trugen.
«Scarlett», sagte Goldie vor der Tür.
«Alles in Ordnung, keine Sorge», rief sie.
«Kann ich reinkommen?»
«Tür ist offen.»
Goldie kam herein. «Bist du sicher, dass alles okay ist?», fragte er. «Es sieht nämlich nicht danach aus.»
«Kein Thema, ich hatte nur … Ich habe bloß ein kleines Problem mit meinen Emotionen», erklärte sie. «Manchmal spielen sie verrückt und dann kann ich es nicht mehr kontrollieren. Dabei fühle ich mich immer, als wäre ich nicht mehr in meinem Körper und ich möchte einfach nur noch alles niederbrennen.»
«Das ist nicht gut», sagte er, während er sich neben sie setzte. «Ich kenne es, aber ich finde, man muss dagegen ankämpfen.»
«Ich weiß», sagte sie ruhig. Wenn sie doch nur gewusst hätte, wie sie diesen Kampf gewinnen konnte.
«Hast du schon einmal an eine Therapie gedacht?», fragte er.
Scarlett musste ein wenig lachen. Jeder andere hätte einfach geschwiegen, aber er sprach es einfach aus. «Ja, funktioniert nicht», antwortete sie traurig.
Sie hatte schon so viele Therapeuten besucht und keiner hatte sie verstanden. Keiner hatte ihr sagen können, was sie hatte oder wie man dagegen vorgehen musste.
«Das ist nicht fair», sagte Goldie.
«Das Universum ist nicht fair, so ist das», antwortete sie. «Aiden behauptet zwar etwas anderes, aber das ist mir inzwischen sowas von schnuppe. Ich weiß nicht, wie er das immer macht mit seiner Positivity.»
Goldie lachte auf. «Manche haben das einfach im Blut, schätze ich.»
«Ja.» Sie wagte einen Blick auf ihn und versuchte, abzuschätzen, in welcher Stimmung er war. Da Scarlett nichts ausmachen konnte, was dagegen sprach, fragte sie: «Wie hast du es gemacht?»
«Was?», wollte er wissen.
«Na, dein Leben wieder in den Griff zu bekommen.»
Er lehnte den Kopf an die Wand und seufzte leise. «Du hast keine Ahnung von meinem Leben», sagte er, aber er lächelte dabei. «Ich schätze, die Musik hat mir geholfen.»
«Ja, mir auch», sagte sie, weil es das Einzige war, was ihr einfiel.
«Ich sollte gehen», sagte Goldie und stand auf.
«Was?» Sie zog sich ebenfalls hoch und sah ihn an. Das verstand sie nicht. «Warum denn? Ich meine, wir haben es doch gut, wir können noch ein bisschen Kuscheln und ich schulde dir eine Geschichte …»
Goldie legte einen Finger an seine Lippen. Scarlett verstummte und wartete auf die Erklärung.
«Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist», sagte er.
«Was?» Scarlett war ein wenig verwirrt. Einfach das? Nichts weiter? «Warum nicht?»
«Siehst du es nicht auch?», fragte er zurück. «Es ist ungesund, Scarlett.» Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. «Das, was wir hier tun, führt zu nichts Gutem. Für uns beide nicht.»
«Aber wir mögen uns doch», sagte sie und legte eine Hand auf seine Wange.
Auf einmal überkam sie eine Art Panik. Sie wollte nicht, dass er ging. Sie wollte nicht schon wieder allein gelassen werden. Sie brauchte ihn. Wenn ihr jemand helfen konnte, über Stephen hinwegzukommen, war er es!
«Ja, aber das reicht mir nicht», erwiderte er. «Scarlett, ich … Hör zu, ich mag dich wirklich. Aber ich habe keine … weiteren Gefühle für dich. Ich meine, ich finde dich toll und attraktiv, aber das ist alles, verstehst du?»
«Nein, verstehe ich nicht», erwiderte sie. Was redete er denn da? Jemanden attraktiv zu finden war doch der Beginn von allem! Jedenfalls in ihrer Erfahrung.
«Und dann ist da noch … Nun ja, dein Ex», ergänzte er ohne Umschweife.
Darauf wusste sie keine Antwort. Vielleicht hatte er recht. Wahrscheinlich. Wenn sie ehrlich war, empfand sie dann nicht genau das Gleiche? Sie hatte Sex mit Goldie gehabt, weil es Spaß gemacht und sie von ihrer gescheiterten Ehe abgelenkt hatte. Die Wahrheit war, dass sie sich eine Beziehung mit Goldie nicht wirklich vorstellen konnte. Nicht so, wie mit Stephen oder irgendjemandem, der so war, wie Stephen. Goldie war völlig anders.
«Vielleicht», sagte sie, weil sie keine bessere Antwort hatte. Sie wusste nicht mehr, was sie denken sollte, sie wusste gerade überhaupt nichts mehr. Nur, dass Stephen ihr fehlte und dass sie keine Ahnung hatte, wie sie das alleine durchstehen sollte.
Goldie wandte sich ab und zog seine übrigen Klamotten an.
«Nein, Scarlett», sagte er, als er fertig angezogen war. «Es gibt kein ‚Vielleicht‘. Tut mir leid.» Mit einem entschuldigenden Lächeln verließ er das Zimmer.
Scarlett zitterte am ganzen Leib, doch sie wartete, bis die Tür hinter ihm zugefallen war, bevor sie die Tränen zuließ.

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