Kapitel 22 – Ablenkung

Gegenwart

Gustaf starrte in die Menge. Es waren vielleicht tausend Leute in dem Club, genug für die Verhältnisse von Mary Read. Das Publikum wirkte ein wenig reserviert und Gustaf konnte es ihnen nicht verübeln. Er hob das Mikro wieder an den Mund und sang den ruhigen Mittelteil des Liedes, aber es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.
Immerzu musste er an Scarletts Gesicht denken, wie es ausgesehen hatte, als er sie in dem Hotel zurückgelassen hatte. Es war herzzerreißend gewesen. Offensichtlich wollte sie mehr von ihm, doch er fühlte sich nach wie vor, als würde er sie verarschen, wenn er sich darauf einließ.
Er wusste noch nicht einmal, wie viele seiner Gefühle für sie lediglich auf die sexuelle Anziehung zurückzuführen waren. Sein Verlangen war inzwischen wirklich nur noch eine Qual und er wünschte sich nichts mehr, als dass es aufhörte. Und ihr Ex. Gustaf konnte einfach nicht vergessen, was dieser Stephen gesagt hatte. Bestimmt hätte der Typ alles getan, um ihn von Scarlett fernzuhalten, aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Gustaf würde Scarlett ohnehin nie wiedersehen.
In Gedanken ermahnte er sich, im Hier und Jetzt zu bleiben. Er stand auf einer Bühne und die Leute hatten eine tolle Show verdient. Er konnte sich keine Ablenkung leisten. Trotzdem entglitten die Töne ihm immer wieder. Ihm fehlte die Kraft und deshalb ging ihm zu früh die Luft aus. Er drehte sich die Liedteile zurecht, aber er war überzeugt davon, dass das Publikum es merkte. Es musste schrecklich klingen.
Ab und zu warf er Lisa einen Blick zu, doch er sang weiter und weiter. Und weiter und weiter. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig. An ausgewählten Stellen machte er Gesten, die das Publikum zum Mitmachen animieren sollten. Einige kleinere Grüppchen reagierten sofort, aber der Großteil blieb ungerührt.
Ronnie bemerkte Gustafs Not und unterstützte ihn tatkräftig. Der Gitarrist ging zur Ecke der Bühne und blödelte herum. Während dem Refrain, den sie gerade spielten, hatte er nur wenig zu tun und so konnte er es sich leisten, ab und zu die Saiten loszulassen.
Gustaf sang sich die Seele aus dem Leib, aber er war heilfroh, als der Teil mit dem Gitarrensolo kam. Er stellte sich neben Jesse, damit Ronnie genug Platz hatte. Währenddessen beobachtete er die Menge. Einige wogten hin und her, andere headbangten, wieder andere spielten Luftgitarre und einige tanzten sogar ein wenig. Trotzdem konnten sie das Publikum heute nicht so sehr mitreißen wie sonst. Nebst den schwachen Reaktionen merkte man es auch an dem spärlichen Applaus.
Nach dem Solo kam wieder erneut ein ruhigerer Gesangspart. Gustaf trat zur Mitte der Bühne. Er demonstrierte dem Publikum, dass sie klatschen sollten, und Ronnie stimmte mit ein. Nur wenige machten mit. Normalerweise hätte Gustaf an dieser Stelle etwas gesagt, einen Spruch, etwas Erheiterndes, Lustiges, irgendetwas, dass die Leute auflockerte. Doch heute fiel ihm einfach nichts ein und ein «kommt schon, Leute» war ihm zu abgedroschen.
Während er darüber nachsann, verpasste er beinahe seinen Einsatz. Im letzten Moment fing er sich und sang. Der langsame Teil fühlte sich an wie eine Atempause, bevor er wieder in einen schnelleren überging und das Lied letztendlich mit dem Refrain ausklang. Der letzte Ton gehörte Lisa und dem Schlagzeug.
Verhaltener, wenn auch respektvoller Applaus erklang. Gustaf schaute zu Ronnie. Der Gitarrist grinste zufrieden. Ronnie war einfach immer gut drauf, aber das half Gustaf auch nicht weiter. Also wandte er sich wieder dem Publikum zu.
«Was meint ihr Leute, ist es Zeit für etwas Schnelleres?» Er hob das Mikro in Richtung Publikum. Normalerweise erklang an dieser Stelle ein ohrenbetäubender Zustimmungsjubel, doch Gustaf hörte nur ein halbherziges «Ja», das sogleich wieder verebbte.
Er nahm das Mikro wieder zu sich und ließ den Blick über die Gesichter schweifen. Keine Leute mit Augenmakeup dieses Mal.
«Klingt nicht so überzeugt», raunte er ins Mikro. «Also, ich frage noch einmal, nur falls mich jemand nicht richtig verstanden hat: Wollt ihr etwas Schnelleres?»
Dieses Mal fiel die kollektive Reaktion wesentlich lauter aus. Gustaf beschloss, es gut sein zu lassen und nickte Jesse und Lisa zu. Zwar sah er Lisa von dieser Position aus nicht, doch er wusste, dass sie ihn sah. Die beiden begannen die treibende Melodie des nächsten Liedes zu spielen. Gustaf rannte auf die andere Seite und leitete den Textteil von dort aus ein. Dann wechselte er die Seite wieder.
Genau in der richtigen Sekunde, bevor der Gesang weiterging, kam er bei dem Verstärker an, der dort auf dem Boden stand. Noch während den letzten Schritten stellte er einen Fuß darauf. In diesem Augenblick jagte ein stechender Schmerz sein Bein hinauf durch seinen ganzen Körper. Er verlor die Kontrolle über seine Stimme und kam nur wieder in den richtigen Rhythmus, indem er einige Worte übersprang. Als er das Lied auf gewohnte Weise weiterführte, spürte er ein Kräuseln in seinem Fuß. Er nahm den anderen Fuß vom Verstärker, um mehr Halt zu haben. Der Schmerz lenkte ihn zusätzlich ab. Nur unter größter Anstrengung und ohne weitere Bewegungen schaffte er es, das Lied zu Ende zu bringen.
Danach brauchte er einige tiefe Atemzüge, bis er wieder sprechen konnte. Ronnie und Jesse warteten und schenkten ihm besorgte Blicke, während er sich zur Bühnenmitte hinüber kämpfte. Gustaf versuchte sich an einem Grinsen, das ihnen bestätigen sollte, dass er alles im Griff hatte, aber er war ein schändlicher Lügner. Der Schmerz ließ zwar allmählich ein wenig nach, doch jedes Mal, wenn Gustaf auftrat, jagte eine neue Welle durch ihn hindurch.
Glücklicherweise kam jetzt das Ende. Anschließend noch zwei oder drei Zugaben und dann wäre es vorbei.
«Okay», sagte Gustaf ins Mikro, immer noch ein wenig außer Atem.
Ronnie warf ihm einen Blick zu, doch Gustaf winkte ab. Er würde niemals eine Show abbrechen und schon gar nicht so kurz vor dem Ende!
«Wie einige von euch vielleicht wissen, sind wir alle sehr große UFO-Fans.»
Jubel breitete sich im Publikum aus. Sie alle wussten, was sie erwartete. Gustaf freute sich, denn das war seine Lieblingsstelle in der Show.
«Deshalb spielen wir jetzt einen Song von ihnen.»
Erneutes Jubelgeschrei, lauter als vorhin.
«Lights Out!»
Gustaf schrie den Titel hinaus und im selben Moment startete Ronnie das eingängige Gitarrenriff. Gustaf schüttelte seine Haare und trat einige Schritte vor und zurück, aber mehr ließ sein Fuß nicht mehr zu. Also fügte er sich dem Übel. Er blieb stehen und sang die erste Strophe. Während dem Refrain hielt er zwischendurch das Mikro ins Publikum, damit sie mitmachten. Es wurde kräftig mitgesungen, was Gustaf als enorme Erleichterung empfand. Wenigstens etwas, woran sie Freude hatten.

Als die Band wieder in der Garderobe war, zog Gustaf seine Schuhe und Socken aus, um seinen Fuß zu untersuchen.
«Ach, du Scheisse!», sagte Lisa, als sie den Schaden sah.
«Fuck, Mann, du brauchst einen Arzt!», rief Ronnie aus.
Gustaf warf ihm einen abfälligen Blick zu. «Ach, was, rede keinen Scheiss.» Er widmete sich wieder seiner geschwollenen, dunkelrot angelaufenen kleinen Zehe. Sie stand ein wenig von den anderen ab, als gehöre sie nicht richtig dazu.
«Er hat recht», kommentierte Lisa. «Sieht gebrochen aus.» Sie setzte sich auf einen anderen Stuhl und begutachtete Gustafs Fuß ernst.
Ronnie trocknete sich mit einem Handtuch den Schweiß von Gesicht und Haaren und Jesse hatte sich daran gemacht, die unzähligen Gurte und Ketten seines Bühnenoutfits abzulegen.
«Ich habe einmal gehört, dass das scheissgefährlich sein kann», warf er ein. «Wenn du es nicht richtig behandelst, wächst das falsch zusammen und dann bekommst du einen komischen Gang.»
«So ein Quatsch!», entgegnete Lisa. «Wenn nur die Zehe gebrochen ist, passiert überhaupt nichts, außer dass es Wochen dauert, bis es verheilt.»
«Könntet ihr mir einen Gefallen tun und eure Gedanken für euch behalten?», sagte Gustaf gereizt.
«Jetzt komm mal runter, ja?», entgegnete Ronnie.
Sie tauschten wieder einen Blick aus und dann lachten sie kurz. Ronnie beschloss, zu schweigen.
Gustaf berührte die Zehe, doch er zuckte sofort zurück. Schon der kleinste Druck verstärkte den Schmerz erneut. Gustaf stöhnte leise auf und platzierte den Fuß so, dass die Zehe in der Luft war.
Jesse verstaute gerade seine unzähligen Accessoires, als der Boss der Roadcrew eintrat. «Hallo, Leute.»
«Hallo, Jim.» Die Bandmitglieder sprachen fast gleichzeitig, aber mit wenig Enthusiasmus.
«Was ist denn los? Oh mein Gott, Scheisse, was ist das denn?» Er starrte ungläubig auf Gustafs Fuß.
«Bin gegen einen Verstärker gestoßen.» Gustaf fand, dass das als Erklärung reichte.
Jim zückte sein Handy aus einer Tasche seiner Arbeiterhose und rief einen Notarzt an. Gustaf lauschte Jims Angaben, doch er widersprach nicht, fragte nicht und sagte auch nichts, als der Techniker aufgelegt hatte. Er war froh, im Augenblick nicht aktiv werden zu müssen.
Jims Telefon verschwand wieder in seiner Hosentasche. «Ich schätze, dann machen wir die Bestandsaufnahme später?», fragte er.
Die anderen wollten schon nickten, als Gustaf aus seiner Starre erwachte. «Nein. Jetzt. Wir müssen ja sowieso auf den Arzt warten.»
Jim zog einen Block und einen Stift aus einer anderen Hosentasche. Lisa ergriff das Schreibzeug und stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab.
«Also, gut», sagte sie. «Spontane Stichworte?»
«Scheisse», sagte Gustaf.»
«Publikum müde, Mittwochabend», sagte Ronnie.
«Das lag nicht daran, dass Mittwoch ist, das lag daran, dass ich es verkackt habe», entgegnete Gustaf.
«Quatsch, so schlecht war es gar nicht», sagte Jesse.
«Habt ihr’s nicht gehört?» Gustaf wusste, dass sie nur versuchten, ihn aufzuheitern, aber es gab nichts, was diesen Zweck erfüllen konnte. Er hatte das heutige Publikum enttäuscht, weil er seinen Frust hatte Überhand nehmen lassen. Da lernte er endlich einmal jemanden kennen, dessen Körper für ihn mehr als nur eine schöne Hülle war, und dann erwies sich das Ganze als ein einziger großer Reinfall. Eigentlich sollte er noch nicht einmal an sie denken. An niemanden von all denen, weder Scarlett noch Jasmin noch andere Leute aus seiner Vergangenheit …
«Okay. Gesang hatte ein paar Schwachstellen», stellte Lisa fest und notierte. «Und: Unfall mit Amp.»
Gustaf sah sie an, aber sie lächelte nur und sagte unschuldig: «Was noch?»
«Soundabmischung war nicht so gut», sagte Ronnie. «Ich hatte ein paar Mal Mühe, weil es so ein Durcheinander war.»
Lisa notierte es.
So machten sie weiter, bis schließlich zwei Notärzte eintrafen. Der eine untersuchte Gustafs Fuß, während der andere daneben stand und genau zusah. Sie erklärten Gustaf, dass sie die Zehe einbinden würden, um sie zu stabilisieren und ihn anschließend ins Krankenhaus bringen würden, damit eine passende Schiene erstellt werden konnte.
«Schiene?», wiederholte Gustaf. Das war doch einfach unglaublich. Ein solches Theater wegen einer solchen Kleinigkeit.
«Ja», bestätigte der Arzt sachlich. «Damit es richtig zusammenwächst. Wenn Sie das nicht machen, besteht die Gefahr, dass Sie die Zehe falsch abdrehen und sie herumgebogen wird. Das ist schmerzhaft und kann zu Folgeschäden führen.»
Jesse grinste triumphierend und gestikulierte mit den Händen. Das bedeutete so viel wie: ‚Habe ich ja gesagt‘.
«Und die Heilung geht schneller voran», sagte der Arzt.
«Wie lange dauert das?», fragte Gustaf.
«Vier bis sechs Wochen.»
«Was?», rief Gustaf aus.
Lisa lachte.
«Das ist nicht lustig», sagte Gustaf.
Der Arzt sah die beiden nacheinander mit fragendem Ausdruck an.
«Wir haben Konzerte», erklärte Lisa.
«Nun, Sie können ihren Alltag weitestgehend normal bestreiten», sagte der Arzt. «Sie sollten bloß außergewöhnliche Belastungen vermeiden.»
«Was heißt ‚außergewöhnlich‘?», wollte Gustaf wissen.
«Nun, Springen, Laufen, Motorradfahren, Radfahren … Am besten vermeiden Sie Sport gänzlich. Normales Gehen ist kein Problem.»
Gustaf seufzte leise. Das bedeutete, dass sie ihre Show anpassen mussten. Er hatte zwar keine Ahnung, wie er das anstellen sollte, aber es blieb ihm wohl nichts anderes übrig.
Das war doch einfach nicht zu glauben. Er hatte sich nichts anderes gewünscht als Ablenkung von der Sache mit Scarlett und sich deshalb völlig auf die restlichen Shows der Tour eingeschossen. Jetzt ging auch noch das den Bach runter.
Als die Ärzte fertig waren, schloss die Band ihre Analyse ab und jeder zog seiner Wege, um zu tun, wonach auch immer ihm gerade der Sinn stand. Gustaf verschanzte sich direkt im Tourbus. Er musste sich wohl oder übel eingestehen, dass Wünsche und Sehnsüchte nicht alles waren, was zählte.

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