Kapitel 23 – Die Wahrheit

Gegenwart

Der Bus bretterte über eine französische Autobahn, als Gustafs Handy klingelte und Scarletts Name auf dem Display erschien. Er ignorierte es. Was konnte sie von ihm wollen? Und wie sollte er sie abwimmeln, wenn sie ihn um ein weiteres Treffen bat? Nein, er durfte nicht antworten. Es war vorbei und Scarlett würde darüber hinwegkommen.
Erst nach einem weiteren halben Dutzend Anrufversuchen von ihr wurde ihm klar, dass es nur eine Möglichkeit gab, seinen Standpunkt ein für allemal klarzumachen. Er musste ihr sagen, dass sie ihn in Ruhe lassen sollte. Auch wenn es hart war und er sie damit verletzte. Das hatte er ja ohnehin schon getan und es war der einzige Weg, wie sie es verstehen würde.
Resigniert nahm er das Telefon entgegen, als er beim Hinterausgang eines Clubs auf der Bustreppe saß.
«Hey», begrüßte sie ihn.
«Hi», antwortete er knapp. «Was willst du?»
«Nette Begrüßung», entgegnete sie. «Hast du einen schlechten Tag?»
Gustaf seufzte leise. «Ich habe nicht nur einen schlechten Tag, ich habe eine schlechte Tour», sagte er gereizt. «Also, mach es kurz, ich habe nicht viel Zeit.»
«Goldie, was habe ich falsch gemacht?», wollte sie wissen.
«Scarlett …» Er rieb sich die Stirn, um seine Gedanken zu klären. Natürlich war es nicht fair, so ungehobelt zu ihr zu sein, sie hatte ja keine Ahnung, was wirklich in ihm vorging. Sie hatte von Anfang an nicht den leisesten Schimmer gehabt. Er hatte gehofft, sein Abgang in dem Hotel wäre genug gewesen, aber es sah so aus, als müsste er ihr doch die ganze Wahrheit offenbaren.
«Ah, verstehe, jetzt kommt der Teil, wo du mir sagst, dass alles ein Fehler war und du dich nicht gemeldet hast seit dem Bloodfield, weil du mich nicht wiedersehen willst», kam Scarlett ihm zuvor.
Gustaf seufzte erneut. «Scarlett, hör zu, es tut mir leid. Ich mag dich, aber ich fürchte …»
«Schon okay», unterbrach sie ihn.
«Was?» Gustaf gab sich keine Mühe, seine Überraschung zu verbergen.
«Ich habe nachgedacht», erklärte sie. «Ich hätte dich ja um ein Treffen gebeten, aber wir sind jetzt auch auf Tour und du weißt ja, wie das ist. Jedenfalls habe ich nachgedacht. Du hast recht. Es war alles ein Fehler und wir sollten es einfach vergessen.»
Gustaf brauchte einen Moment, um ihre Worte zu verarbeiten und seinen eigenen wiederzufinden. «Warte, du … Ich dachte, du wolltest … Ich bin etwas verwirrt.»
«Es ist echt Scheisse, so etwas am Telefon zu sagen, aber es bleibt nichts anderes übrig», erwiderte sie. «Gustaf, ich habe gelogen. Es tut mir leid und ich war eine blöde, egoistische Bitch und ich hätte es nie tun sollen und ich verstehe es, wenn du mich jetzt hasst.»
«Was?», sagte er erneut. Er kam nicht mehr mit. Wovon sprach sie überhaupt? «Ich verstehe nicht ganz, du wolltest es doch unbedingt mit einer Beziehung versuchen.»
«Ja, zuerst schon, ich meine, ich dachte, ich wollte es. Aber da ist noch mein Mann und … In Wirklichkeit vermisse ich ihn. Das ist die Wahrheit. Er fehlt mir und deshalb habe ich versucht … Nun ja …»
Gustaf musste lachen. Laut und unkontrolliert brach es aus ihm heraus und er fürchtete schon, Scarlett damit vor den Kopf zu stoßen, aber er konnte sich einfach nicht beherrschen. Er krümmte sich vor Heiterkeit.
«Gustaf?», erklang Scarletts Stimme aus dem Telefon.
«Sorry», gluckste er und musste sogleich erneut lachen. Seine ganzen Sorgen waren völlig umsonst gewesen! Er hätte ihr einfach alles beichten können! So viel zum Thema offene und klare Kommunikation.
«Gustaf, alles in Ordnung bei dir?» Sie wirkte unsicher und besorgt.
Gustaf atmete tief durch. Er stand auf, um mehr Luft zu bekommen, und langsam beruhigte er sich. «Sorry», sagte er. «Es ist nur … Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass es irgendwie nicht richtig wäre, weißt du. Nicht wegen dir, sondern …» Das brauchte sie nicht zu wissen. «Wir hätten nicht zusammengepasst. Nicht so richtig. Glaube ich.»
Er hörte sie atmen. «Ja. Aber es spielt keine Rolle mehr.»
«Da hast du wohl recht», antwortete er.
«Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber ich fände es schön, wenn wir im Guten auseinandergehen könnten?», sagte sie. «Als Freunde?»
Gustaf überlegte einen Moment. Warum eigentlich nicht? Die Dinge, die sie zusammen erlebt hatten, änderten nichts an seinen freundschaftlichen Gefühlen für sie.
«Klar», sagte er.
«Danke», flüsterte sie.
«Wofür?»
«Es ist nicht selbstverständlich.»
«Sollte es aber sein», erwiderte er. Das sollte es wirklich. Gustaf musste lächeln, weil es auch ein wenig absurd war, aber das war jetzt ohnehin egal. «Scarlett?», sagte er.
«Ja?»
«Sag deinem Stephen, was du für ihn empfindest. Man weiß ja schließlich nie, wann es vorbei ist.»
Sie antwortete nicht, aber Gustaf hätte schwören können, dass er ihr Lächeln hörte.
«Bis bald, Goldie Aberdeen», witzelte sie.
«Bis dann, Scarlett O‘Bannon.»

Es dauerte einen Moment, bis Stephen die Tür öffnete. Dann sah er sie an, als wäre sie eine Außerirdische.
«Hi», sagte Scarlett, weil sie nicht wusste, wo sie sonst anfangen sollte.
«Hey», erwiderte er etwas misstrauisch. «Was machst du hier?»
«Ich wollte mich entschuldigen», erklärte sie. «Für alle die Scheisse, die du wegen mir durchmachen musstest.»
«Okay …» Stephen schien zu überlegen, was er damit anfangen sollte.
«Das ist auch schon alles, ich wollte nur sicherstellen, dass es angekommen ist», erklärte sie. «Es ist mir wichtig, dass du das weißt.»
Stephen atmete langsam ein und aus. «In Ordnung. Entgegengenommen.»
«Okay. Dann möchte ich dich auch nicht weiter aufhalten, ich …» Sie brauchte alle ihre Überwindung, um den nächsten Satz auszusprechen. Aber sie hatte sich vorgenommen, nicht mehr so egoistisch zu sein und die Bedürfnisse anderer zu respektieren. Sie wusste, dass sie nicht erwarten konnte, dass er sie zurückhaben wollte. Es ging ihr hier nur darum, das Richtige zu tun. «Ich wünsche dir eine gute Zeit. Mach’s gut.»
«Danke», sagte Stephen langsam, als denke er immer noch über die Sache nach. «Ebenso.»
Scarlett drehte sich um und achtete nicht mehr auf ihn. Sie ignorierte das Türgeräusch, als er sich wieder in die Wohnung zurückzog, versuchte, nicht über seinen Gesichtsausdruck nachzudenken, oder seine Worte, oder was er dachte, und ging die Treppe hinunter.
Sie versuchte auch, nicht mehr an die Sache auf dem einen Festival zu denken. Sie hätte an seiner Stelle wahrscheinlich dasselbe getan.
Der Spruch «neues Jahr, neues Leben», fiel Scarlett ein und sie lachte kurz. Sie hielt nichts von guten Vorsätzen, aber diesen hätte sie schon lange fassen sollen. Zu lange hatte sie sich eingeredet, alleine mit ihrer Vergangenheit fertig werden zu können, ehe sie Goldie begegnet war. Er hatte Scarlett klargemacht, dass sie sich irrte.
Der neue Therapeut war gut, jedenfalls soweit sie das nach zwei Sitzungen einschätzen konnte, und Scarlett war zuversichtlich, dass sie es dieses Mal in den Griff bekommen würde.
Das hier war nur der erste Schritt gewesen. Stephens Entscheidung zu respektieren und zu erkennen, dass er eigene Gefühle hatte, auf die Rücksicht genommen werden musste. Es war der erste Schritt in einer langen Reihe von Übungen, die auf Scarlett zukommen würden. Sie musste nun endlich lernen, ihr Leben wie eine Erwachsene zu meistern, und nichts wollte sie mehr.
Gerade, als sie die Haupteingangstür öffnete, rief eine vertraute Stimme nach ihr. Scarlett drehte sich um und sah Stephen vor seiner Wohnung auf der Galerie stehen.
«Warte!», sagte er.
Scarlett blieb stehen und ließ die Tür vor sich zufallen. Stephen kam die Treppe hinunter geeilt. Ein wenig außer Atem stoppte er nur einen halben Schritt vor Scarlett.
«Mir tut es auch leid», sagte er. «Ich war ignorant und selbstsüchtig. Oh Gott, ich war so furchtbar frustriert, dass ich nie erkannt habe, wie schwer es für dich war. Deine Drachen und all das, ich hatte ja sowas von keine Ahnung. Ich habe mich verhalten wie ein Arschloch und das tut mir leid.»
«Das nehme ich dir nicht übel», entgegnete sie. Auch diese Worte kosteten sie einige Überwindung. «Du kannst es gar nicht wissen, wenn du diesen Gefühlen nie ausgesetzt gewesen bist. Niemand kann das. Sogar für mich ist es kaum zu verstehen. Es ist in Ordnung. Und ich war eine Bitch.»
«Nein», erwiderte er. «Nein, es ist nicht in Ordnung. Ich habe versucht, dich zurückzuhalten. Ich habe sogar versucht, deine neue Beziehung zu sabotieren.» Er gestikulierte und atmete aus, als hätte er den größten Anschiss der Welt. «Ach, vergiss das Gelaber, seien wir einfach ehrlich. Die Wahrheit ist, du fehlst mir, Scarlett. Ich vermisse dich. Und ich würde alles tun für eine zweite Chance. Aber du hast jetzt Goldie und ich hoffe, du wirst glücklich mit ihm.»
Damit hatte Scarlett nicht gerechnet. Müsste er sie nicht hassen, nach allem, was sie getan hatte? Auf einmal kamen Erinnerungen zurück, aber es waren nur die positiven. Scarlett spürte wieder die Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit, die Stephen ihr immer gegeben hatte.
Ehe ihr Verstand sie zu irgendetwas anderem bewegen konnte, ließ sie sich nach vorne fallen und umarmte ihn. Nein, sie drückte ihn. Sie umklammerte ihn so fest, als könnte er sich jeden Augenblick in Luft auflösen, auch wenn sie wusste, was für ein absurder Gedanke das war.
«Ich bin nicht mit Goldie zusammen», sagte sie, als sie endlich wieder sprechen konnte. «Wir … Es hat nicht funktioniert.»
Stephen drückte sie an sich. Scarlett konnte richtig spüren, wie erleichtert er war.
Lange Minuten standen sie einfach nur da, schweigend und beinahe zitternd vor Erleichterung und Angst.
«Ich möchte dich am liebsten nie wieder loslassen», sagte Stephen schließlich.
«Musst du nicht», antwortete sie.
Stephen löste sich so abrupt, dass es Scarlett ein wenig überraschte.
«Heißt das, du gibst uns noch eine Chance?», fragte er. «Wärst du wirklich bereit, es noch einmal zu versuchen?»
Die Frage kam Scarlett irgendwie absurd vor, auch wenn irgendetwas in ihrem Gehirn ihr sagte, dass es für ihn vollkommen logisch war.
«Ja», sagte sie. «Ja, das würde ich gerne.»

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