Kapitel 24 – Kaltes Bier

Gegenwart

Gustaf betrachtete die gedruckte Version des Fotos, das Jasmin von ihm geschossen hatte, im Albumbooklet. Es war ein schönes Produkt geworden. Die Bilder und Grafiken passten perfekt zur Musik und zu dem Bandexperiment etwas Ruhiges, wirklich Tiefgründiges zu machen.
Er entfernte die Schiene von seinem Fuß und begutachtete die Zehe. Der Bruch war gut verheilt, tat aber immer noch ein wenig weh, wenn Druck darauf ausgeübt wurde. Der Arzt hatte gesagt, man könne jetzt bloß noch abwarten, bis es ganz abgeheilt war.
Bei dem Gedanken musste er lächeln. Genauso war es doch auch mit Beziehungen, nicht wahr? Wenn die ganze Aufregung einmal vorbei war und man den Ärger ein wenig verarbeitet hatte, konnte man sich nur noch darauf verlassen, dass die Zeit ihre Arbeit an den Narben vollführte.
Gustaf klappte das Booklet zu und schob es zurück in die Hülle. Die Resonanz der Fans, insbesondere auf das Foto, war umwerfend. Jasmin hatte ihrem Ruf damit wieder einmal alle Ehre gemacht. Der Gedanke an sie stimmte Gustaf ein wenig traurig, denn es erinnerte ihn daran, dass auch echte Gefühle manchmal nicht ausreichten. Es musste eben alles stimmen.
Er wollte gerade die Überreste des Verbandes wegwerfen, als das Telefon klingelte. Es war Ronnie.
«Hey», sagte Gustaf.
«Hey, wie geht’s?»
«Gut. Warum rufst du an?»
«Wie du weißt, habe ich heute Geburtstag», erklärte Ronnie fröhlich. «Danke für deine Nachricht, übrigens.»
«Keine Ursache. Ich dachte, du wolltest nichts unternehmen.» Gustaf war ein wenig verwirrt.
«Wollte ich erst auch nicht, aber die Pläne haben sich geändert. Heute Abend ab zwanzig Uhr in der Krähe.»
Die Krähe. Diese verdammte Absteige. Alles dort drinnen war schwarz und abgehalftert und die ganze Szene versammelte sich in diesem lärmigen Loch.
«So früh?», sagte Gustaf nur.
«Kannst auch später kommen. Wir sind jedenfalls ab acht dort.»
Mit «wir» meinte Ronnie sich und seine Freundin Ida.
«Okay, ich komme», sagte Gustaf. Eigentlich hatte er keine Lust auf soziale Interaktion, doch er wusste, dass es Ronnie am Herzen lag, auch wenn der das nicht gerne zugab.
«Cool, bis dann.»

Als Gustaf in der Bar eintraf, war der Tisch um Ronnie bereits voll besetzt. Genau genommen waren es zwei Tische, die sie aneinander geschoben hatten, und um sie herum saßen Leute auf einer Eckbank und auf Hockern. Gustaf begrüßte sie reihum und stellte sich jenen vor, die er noch nicht kannte. Zu Ronnie kam er als letztes.
«Alles Gute zum Geburtstag», sagte er.
«Danke, Mann. Schön, dass du gekommen bist», antworte Ronnie.
«Ein bisschen Gesellschaft kann nicht schaden», entgegnete Gustaf.
Ronnie sah ihn fragend an.
Gustaf erwiderte nichts und ließ das so stehen.
Er holte sich ein Bier und setzte sich zu der Runde. Ein Kerl mit langem, schwarzem Haar deutete auf den Platz neben sich.
«Es ist nicht viel, aber da wir ja nicht fett sind, sollte es gehen», sagte er.
Gustaf lachte und setzte sich hin. «Danke.»
Gustaf kannte den Typen flüchtig, aber er wusste nicht mehr woher. Und er hatte den Namen schon wieder vergessen. Der freie Platz war eng, aber es genügte.
«Wie heißt du nochmal?», fragte Gustaf.
«Peter», antwortete der Typ. «Goldie, nicht wahr?»
«Für meine Freunde Gustaf.»
«Alles klar. Freut mich, dich kennenzulernen, Gustaf.»
«Ebenso.»
Sie schwiegen eine Weile und Gustaf lauschte den verschiedenen Gesprächen in der Gruppe. Die Musik war so laut, dass man sich lediglich mit den Leuten direkt nebenan unterhalten konnte, und Gustaf musste sich konzentrieren, um ihnen zu folgen.
Seine Gedanken wanderten abwechselnd zu Scarlett und Jasmin, doch das war ein weiterer Grund, warum er sich entschieden hatte, zu kommen. Er wollte sich nicht im Selbstmitleid und Frust suhlen.
Peter stupste ihn an. Gustaf wandte sich ihm zu.
«Ich sagte, diese Band ist echt überbewertet», erklärte Peter.
Aus den Boxen dröhnte irgendein Lied von Mötley Crüe. Gustaf war es bis jetzt gar nicht aufgefallen.
«Ja, finde ich auch», antwortete er.
«Was hörst eigentlich du so?», fragte Peter.
«Ich bevorzuge die alten Säcke. UFO und Co., du weißt schon.»
«Ah ja, UFO, da war irgendetwas.» Peter schien zu überlegen, aber nicht drauf zu kommen.
Gustaf amüsierte sich einen Augenblick lang darüber, bevor er sein Gegenüber erlöste. «Wir spielen ab und zu ein Cover von ihnen. ‚Lights Out‘«.
«Stimmt, das war es», bestätigte Peter. «Stelle ich mir schwierig vor, so gesanglich.»
«Geht so. Braucht schon etwas Übung, aber es ist machbar. Schwieriger finde ich die Bewegungen.»
Peter nickte aufmerksam. «Musst es machen wie Phil Mogg.»
Das brachte Gustaf zum Lachen. Zwar bewunderte er den UFO-Sänger dafür, mit wie wenig Gestik er auf der Bühne auskam, aber für Gustaf selbst war das ein Ding der Unmöglichkeit. Er musste sich bewegen. Richtig bewegen.
«Du bist einer der Superaktiven, was?», sagte Peter.
«Kommt drauf an, wie man es betrachtet. Ich kann einfach nicht still stehen.»
«Verstehe ich», sagte Peter. «Kann ich auch nicht.»
«Du spielst in einer Band?»
«Ja, Rosebutt.»
Gustaf lachte erneut. «Wie kommt man denn auf so einen Namen?»
«Weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mehr. Wahrscheinlich waren wir besoffen, aber wir fanden, es passt. Also haben wir angefangen, Gigs unter diesem Namen zu geben. Und jetzt, da wir einen kleine Fandom haben, können wir ihn nicht mehr ablegen.»
«Lass mich raten, du würdest es auch nicht wollen.»
«Erwischt.»
«Und du bist der Sänger?», fragte Gustaf.
«Jep.»
Das Gespräch kam zum Erliegen. Gustaf fand das schade, denn Peter war eine wirklich angenehme Präsenz und er half ihm, seine Gedanken auf etwas anderes als seine Beziehungsprobleme – oder Probleme mit nicht vorhandenen Beziehungen – zu richten.
Um Peters Aufmerksamkeit nicht zu verlieren, fragte er: «Woher kennst du Ronnie?»
«Oh, das ist eine lange Geschichte», antwortete Peter.
«Ich habe nichts anderes vor», entgegnete Gustaf.
Peter nickte und begann, zu erzählen. «Also, es war so. Wir spielten in so einem abgefuckten Club …»
Ronnie war dort gewesen, um sich die Bands anzuschauen, inkognito quasi. Solche Sachen machte er gerne. Ronnie war Peter irgendwie bekannt vorgekommen, aber er hatte nicht sagen können, woher. Ronnie hatte ihn nach dem Konzert an der Bar angequatscht und so hatten sie sich ein wenig ausgetauscht. Das war letzten Frühling passiert, also ungefähr zu der Zeit, als Gustaf mit Jasmin zusammen gewesen war. Alles andere hätte Gustaf auch verwundert. Er teilte praktisch sein ganzes Leben mit den Leuten von Mary Read und sie erzählten sich fast alles.
«Und du? Stimmt es, dass Lisa euch zusammengebracht hat?»
«Ja. Sie, Jesse und ich waren ja bereits eine Band und Ronnie war gerade bei seiner Ex-Band rausgeflogen. Er suchte eine neue Band, wir suchten einen Gitarristen.»
Gustaf erzählte ihm die ganze Geschichte von Anfang an. Peter lauschte ihm interessiert.
So unterhielten sie sich auch noch für den Rest des Abends, bis die Runde sich allmählich auflöste.
Als sie draußen standen und sich verabschieden wollten, überkam Gustaf ein Gefühl, dass er sich jetzt nicht einfach umdrehen und weggehen sollte. Er wusste nicht genau, woher es kam und er konnte nicht den Finger drauflegen, warum ihm das so wichtig erschien, aber er bemerkte, dass Peter ihn fragend ansah.
«War ganz nett, hm?», sagte Peter.
«Ja», antwortete Gustaf.
«Wir sollten das wiederholen», erklärte Peter.
Gustaf fühlte sich so ertappt, dass er sich beinahe an der Luft verschluckte, aber er fing sich, hoffentlich bevor Peter es bemerkte. «Ja, warum nicht», sagte er.
«Wenn du mir deine Nummer gibst, können wir uns ja mal auf ein Bier treffen oder so», sagte Peter.
«Klar.»
Peter nahm sein Handy aus der Tasche und Gustaf nannte ihm die Nummer. Es konnte schließlich nicht schaden, neue Leute kennenzulernen.
Nachdem er Peters Nummer ebenfalls gespeichert hatte, verabschiedeten sie sich freundschaftlich und gingen davon, jeder in eine andere Richtung.
Während Gustaf durch die Straßen schlenderte fragte er sich kurz, ob das Aufflackern in Peters Augen wirklich vorhanden gewesen war, als er das mit dem Bier erwähnt hatte. Doch so schnell wie der Gedanken gekommen war, verflog er auch wieder. Gustaf beschloss, sich nicht in etwas hineinzusteigern, das er sich möglicherweise nur einbildete. Er wusste ja noch nicht einmal, ob dieser Peter überhaupt an Männern interessiert war. Nun, vielleicht würde er es eines Tages herausfinden, bei einem kalten Bier.

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