Ziele sinnvoll setzen ohne sich zu verzetteln

Es ist wieder so weit: Das Jahresende steht vor der Tür und überall kursiert die Frage nach unseren Zielen für das nächste Jahr. Davon haben wir natürlich bereits Dutzende. Den einen Entwurf endlich fertigstellen, Projekt X an die Öffentlichkeit bringen, Projekt Y beginnen, hier und da etwas Neues lernen oder diese eine Hürde, an der wir schon lange Knabbern, zu knacken. Das Künstler*innnen-Gehirn schläft schließlich nie und somit haben wir viel vor. Wir ahnen jetzt schon, dass wir vermutlich wie immer zu wenig Zeit für alles haben werden. Das real life wird zweifellos dazwischen kommen und es werden auch im kommenden Jahr unerwartete Dinge passieren.

Die Gefahr, sich zu verzetteln, beginnt bei uns selbst. Am 1. Januar betrachten wir unsere Liste und stehen vor den ersten Entscheidungen: Welches Projekt solch ich zuerst angehen? Welche Dinge kann ich zurückstellen, welche nicht? Wie soll ich den Überblick behalten? Wie stelle ich sicher, dass ich nicht abschweife? Es könnte mir ja plötzlich noch etwas anderes Interessantes einfallen …

Solche Gedanken treiben uns alle um, selbst die Erfahrensten unter uns. Glücklicherweise kann man dem Abhilfe schaffen. Ich orientiere mich dabei an zweierlei: ein übergeordnetes Ziel und ein Plan (keine Panik, es muss kein detaillierter Plan sein, weiter unten mehr dazu).

Das übergeordnete Ziel

Um die Prioritäten richtig setzen zu können, müssen wir uns erst einmal darüber klar werden, was wir eigentlich wollen. Wir brauchen das, was in Autorensprache „story goal“ genannt wird. Das story goal ist das Endziel einer Geschichte, das der Held bis dahin erreicht haben soll. Z.B. soll Frodo den Ring ins Feuer werfen, Thor seinen Hammer zurückholen, Alice das Wunderland retten, und so weiter. Natürlich enden die Geschichten realer Menschen an dieser Stelle nicht, aber wir denken uns unsere eigene vorerst mal nur bis dahin. (Wenn wir das story goal erreicht haben, setzten wir dann einfach ein Neues. Ideen haben wir ja genug.)

Dein story goal kann mit äußeren Faktoren verknüpft sein, muss es aber nicht. Meins ist, richtig gute, emotionale und möglichst gesellschaftlich wertvolle Bücher zu schreiben und dabei asexuelle Menschen und die LGBTQ-Community zu unterstützen. Deins kann etwas völlig anderes sein, z.B. einen bestimmten Stil zu erlernen, ein politisches Statement zu setzen, auf ein Thema aufmerksam zu machen oder einfach nur die Fans möglichst gut zu unterhalten … Du entscheidest, was es ist. Wichtig ist nur, dass es etwas ist, das tief aus deinem Inneren kommt. Es sollte nichts so Allgemeines sein wie „Erfolg haben“ oder „meine Kunst veröffentlichen“, sondern etwas, das du durch oder mit deiner Kunst erreichen möchtest und das dir wirklich entspricht.

Hast du es? Wenn nicht, nimm dir Zeit, darüber nachzudenken. Du musst es nicht sofort wissen. Wir wollen uns daran orientieren, und zwar nicht nur heute, sondern immer. Es ist sozusagen unser Polarstern, der Orientierungspunkt für unseren inneren Kompass. Deshalb soll es auch etwas wirklich Gewichtiges sein, was uns voraussichtlich auch über längere Zeit begeistern kann.

Wenn wir dieses übergeordnete Ziel haben, können wir unsere Entscheidungen darauf abstimmen. Die wesentliche Frage dabei lautet: Fördert das, was ich hier tue, dieses Ziel oder hält es mich davon ab? Alles, was uns davon abhält, können wir schon mal in aller Ruhe beiseitestellen. Das heißt nicht, dass wir komplett diese Dinge verzichten müssen, sondern nur, dass sie keine Priorität haben. Sie sind für zwischendurch oder für eine Zeit, in der wir mal eine Pause von unserem Hauptziel brauchen.

Im Optimalfall stehen oben auf unserer Liste jetzt also die Dinge, die zu unserem story goal beitragen, uns also in der Richtung weiter bringen, in die wir wollen. Natürlich haben wir da immer noch eine ziemlich ansehnliche Liste. Meine sieht so aus:

  • Langzeitprojekt fertigstellen inkl. Lektorat
  • Erster Entwurf von neuem Projekt fertigstellen
  • Ein weiteres Projekt überarbeiten

Wie also den Überblick behalten? Wie stelle ich sicher, dass ich mit allem so weit wie möglich komme? Sicherstellen, dass alles fertig wird, können wir nicht, da wir noch nicht wissen, was im real life alles passieren wird. Wir wollen aber, dass eventuelle Zwischenfälle uns möglichst wenig aus dem Konzept bringen. Hier kommt nun der Plan ins Spiel.

Der Plan

Wenn du die wichtigsten Dinge, die dich deinem übergeordneten Ziel näher bringen sollen, herausgefiltert hast, hilft ein Plan. Wie gesagt, er garantiert nicht, dass du alles schaffst. Er sorgt aber dafür, dass wir nicht sofort aus der Bahn geraten, wenn etwas schief geht und uns leichter an Veränderungen anpassen können. Der Plan kann – je nachdem, was für ein Typ du bist, – sehr detailliert oder recht grob sein.

Ich nehme dafür jeweils die priorisierten Projekte und mache eine Teilschritt-Liste: Was ist das erste, was ich tun muss, was das zweite, usw. In der Regel folgt das einer Art „Projekt-Logik“. Wenn ich z.B. ein komplett neues Manuskript anfange, ist mein Schritt 1 immer: Informationen sammeln. Über die Charaktere, über das Setting, vielleicht muss ich etwas recherchieren. Ich tue das, in dem ich beliebige Szenen aufschreibe, die mir ein Gefühl für das Buch geben. Bin ich schon weiter im Prozess, sind die Schritte natürlich andere. Bei meinem Langzeitprojekt ist das aktuell z.B:

  • Szene für Szene überarbeiten
  • Betaleser 2.0 anfragen
  • Erneut überarbeiten
  • Lektor*in suchen

Ich bin sicher, du kennst deine eigene Projekt-Logik auch. Meistens spüren wir ja, wie wir funktionieren und was wir in etwa brauchen. Oder wir wissen es von früheren Projekten. Das Gute an so einem Plan ist ja, dass es unser eigener ist. Wir können ihn jederzeit ändern oder anpassen, sollte es notwendig werden. Deshalb brauchen wir auch keine Angst vor Zwischenfällen zu haben.

Das bringt mich zum letzten Punkt: der Zeitrahmen. Ein Jahr ist wenig, vor allem, wenn man seine Kunst nicht Vollzeit betreibt. Hier gilt, wie bei allem: Mach es so, wie es für dich passt. Wenn du dich sicherer fühlst, wenn du sagen kannst, „bis Ende Januar habe ich Schritt 1 fertig, bis Ende Februar Schritt 2“ und so weiter, dann mache das so. Dein Plan kann detaillierter sein als meiner. Wenn du z.B. festlegen möchtest, wie viele Kapitel deines Buches einen Teilschritt umfassen, dann tu das. Wenn du dich mit grösseren Teilschritten freier fühlst, mach grössere. Du musst es auch nicht aufschreiben, wenn du dich damit nicht wohl fühlst (ich mache diese Pläne hauptsächlich im Kopf). Wie gesagt, tue, was für dich am besten funktioniert.

Es ist dein Plan. Er ist dazu da, den Druck zu verringern, nicht ihn zu erhöhen. Deshalb ist es auch nicht schlimm, wenn er nicht aufgeht. Wenn du z.B. einen Notfall in der Familie hast, wird sich zeitlich alles verschieben. Der Plan ist dein Überblick, damit du schlimmstenfalls auch bei einem mehrwöchigen oder -monatigen Unterbrechung wieder in das Projekt hineinfinden kannst. Er soll kein Zwang sein, sondern eine Stütze.

Dein story goal und dein Plan sollen dir helfen, dich zu orientieren und deine Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie sind dafür da, dass du dich nicht zu lange mit Dingen aufhältst, die nicht wichtig sind. Wenn du dich ganz ohne Plan besser fühlst und lieber fortlaufend entscheidest, tue das. Du hast ja ein übergeordnetes Ziel und weißt, wohin es am Ende gehen soll.

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