Muss man leiden, um gute Kunst zu machen?

Es gibt eine Idee, die sich hartnäckig hält. Sowohl unter Künstler*innen als auch im Fandom und in den Medien wird sie immer wieder aufgegrfiffen, manchmal heiss diskutiert, manchmal als unumstössliche Tatsache behauptet. Ein wenig erinnert sie an einen Parasiten, der sich einfach nicht vertreiben lässt, zumal es Künstler*innen gibt, für die sie einen wesentlichen Teil des Mythos um ihre Person ausmacht. Sie schlagen geradezu Kapital daraus, treten es in Interviews oder Büchern breit und festigen damit ihr Image.

Die Rede ist von der Vorstellung, dass gute Kunst aus Leid entsteht. Ja, man bekommt fast das Gefühl, man müsse eine schreckliche Kindheit, ein Trauma oder eine psychische Krankheit erfahren haben, um wahre, authentische Kunst zu machen. Schliesslich ist das ja bei allen anderen auch der Fall, nicht wahr? Jedenfalls scheint es so, wenn man sich die Biographien bekannter Künster*innen – egal, aus welchem Bereich – so anschaut. Schlimme Familienverhältnisse da, Schicksalsschlag als Teenager dort, schreckliche Erlebnisse hier. Nicht, um zu leugnen, dass diesen Menschen solche Dinge wirklich passiert sind oder sie kleinzureden, aber …

… die Idee, dass das die eine Sache ist, die ihre Kunst ausmacht, ist – wie soll ich es nett ausdrücken? – Quatsch. Natürlich gibt es viele Künstler*innen, die schlimme Erfahrungen hinter sich haben oder nach wie vor erleben. Sicherlich hat das einen Einfluss auf die Kunst und kann sogar von Nutzen sein, wenn man deswegen zum Beispiel gewisse Gefühle aus erster Hand beschreiben kann oder viele Menschen aus einer bestimmten Gruppe kennt und so ein erweitertes Bild davon bekommt. Zweifellos kann ein Buch, ein Lied oder vielleicht auch eine Illustration eine stärkere Wirkung entfalten, wenn Autor*in persönliche Emotionen miteinfliessen lässt.

Das gilt aber nicht nur für leidvolles Erleben, sondern für jegliche Art von Erfahrung. Ich kann auch eine positive Erfahrung, die ich selbst gemacht habe, genauer beschreiben als eine, die ich nicht gemacht habe. Es wäre jedoch sehr einseitig und langweilig, wenn jede*r Autor*in nur das verarbeiten würde, was er selbst erlebt hat. Sobald man darüber hinausgehen möchte, ist Recherche und Empathie gefragt, um möglichst viel über eine Sache herauszufinden und die dann möglichst korrekt darzustellen.

Kommen wir zurück zur Eingangsfrage: Muss man nun leiden, um gut zu sein? Natürlich nicht. Eine schwierige Kindheit oder eine traumatische Erfahrung mag ein Grund sein, um mit der Kunst anzufangen, vielleicht auch ein Antrieb, um weiterzumachen. Frei nach dem Motto „meinem Vater, dem Mistkerl, werde ich es zeigen!“ oder „ich muss das einfach verarbeiten, sonst platze ich“. Aber das macht uns nicht automatisch zu Meistern unseres Handwerks und umgekehrt kann man auch aus anderen Gründen eine Kunst betreiben, was ebenfalls zunächst einmal nichts mit dem Können zu tun hat.

Denn jede Kunst ist auch ein Handwerk und Handwerk kann und muss man lernen, unabhängig davon, was unser innerer Antrieb für eine Sache ist. Im Grunde handelt es sich bei jeder Kunst nur um eine Aneinanderreihung von Tricks und Kniffs, die gezielt eingesetzt werden, um bestimmte Effekte zu erzeugen. Wie mehr dieser Tricks und Kniffs wir kennen, umso treffsicherer können wir sie anwenden. Wie mehr wir üben und lernen, umso mehr Werkzeug haben wir zu Verfügung, um unsere Botschaft richtig zu verpacken. Das ist es, was unsere Kunst gut macht. Alle Künstler*innen, die wir aus irgendeinem Grund super finden, beherrschen ihr Handwerk. Sie wissen, welche Tools wozu zu gebrauchen sind und wann sie welches einsetzen wollen.

Das ist unabhängig von der eigenen Erfahrung. Ich kann eine eigene Erfahrung mit irgendetwas haben, wenn mir dafür der Wortschatz fehlt, bin ich aufgeschmissen. Ich kann über Gefühle singen, die ich selber habe, wenn ich die Töne nicht treffen, klingt es trotzdem schlecht. Wenn ich blau und gelb auf dem Papier mische, gibt es grün, egal wie oft ich die Sonne im Himmel schon gesehen habe. Auch jene Künstler*innen, die behaupten, es käme alles von ihren Emotionen, haben dennoch ein Handwerkszeug zur Verfügung, um diese zu transportieren. Denn ohne dieses Handwerkszeug wird es schwierig, das, was wir vermitteln wollen, in die richtige Form zu bringen, Emotionen hin oder her.

Lange dachte ich, „intakte“ Menschen hätten gar kein kreatives Bedürfnis, aber die Wissenschaft sagt, Kreativität ist etwas Natürliches, das jeder Mensch in sich trägt. Will heissen, es spielt keine Rolle, ob du nun aus einer total kaputten oder einer vollkommen stabilen Familie kommst. Wenn du kreativ sein willst, kannst du das.

Ausserdem, was ist ein „intakter“ Mensch? Haben wir nicht alle unsere Päckchen und unseren Anteil an schwierigen Erfahrungen und Dingen, die uns überfordern? Müssen wir uns davon pausenlos herunterziehen lassen, damit unsere Werke intensiv genug, authentisch genug, emotional genug, wasweissich genug sind? Nein. Es gibt unzählige positiv eingestellte Menschen, die das Gegenteil beweisen. Sei es, weil sie von einer glücklichen Kindheit kommen oder weil sie ihre Probleme zu überwinden wissen. Tatsache ist: Sie machen geniale Kunst aus einer Position der Zufriedenheit und inneren Ruhe heraus. Das ist gesünder und kann bei den Empfänger*innen (also Fans) ebenso viel auslösen wie ein Werk, das einem Zustand tiefen Leids entsprungen ist.

Persönliche Erfahrungen sind zweifellos hilfreich, um unsere Kunst zu gestalten, aber sie sind nicht das A und O jeglicher künstlerischen Existenz. Leid macht einen nicht automatich zu einem guten Künstler und Glück nicht automatisch zu einem schlechten. Jede kreative Kunst ist trotz allen emotionalen Aspekten immer noch ein Handwerk. Einige behaupten sogar, ihre Kunst, die als hochemotional, intensiv und authentisch empfunden wird, basiere bloss auf mathematischen Berechnungen. Ob das stimmt, werden wir wahrscheinlich nie erfahren, aber im Grunde spielt das auch keine Rolle. Die Frage ist, wie man die Tools, die man zur Verfügung hat, einsetzt. Das macht gute Kunst letztlich aus.

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