Was man als Künstler*in noch sagen darf

Da ist eine Sache, die mir immer wieder begegnet. Sätze wie: „Heutzutage darf man ja nichts mehr sagen.“ „Was darf ich eigentlich noch schreiben?“ „Ich lasse mich nicht einschränken, ich darf doch schreiben, was ich will“ werden von nicht wenigen Autor*innen in nahezu jeder politischen oder sensiblen Diskussion angeführt.

Dabei ist das gar nicht die Frage. „Dürfen“ tut man im deutschsprachigen Raum eine ganze Menge. Sexismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, ja sogar Rassismus und das verbreiten schädlicher falscher Vorstellungen ist in Deutschland, der Schweiz und Österreich zu grössten Teilen noch nicht illegal. Theoretisch „darfst“ du (fast) alles sagen. Von irgendwelchen Einschränkungen, Zensur oder gar einer „umgekehrten Diskriminierung“ kann da keine Rede sein. Du kannst alle diese Dinge ohne Weiteres in deinem Buch einbauen und das einzige, was du fürchten musst, ist das einige Leute das bescheiden finden werden.

Hier kommt nun die eigentliche Frage ins Spiel: Nämlich nicht, was man „darf“, sondern, was man möchte. Wenn ich verletzende Dinge verbreite, wird das die betreffenden Menschengruppen stören und sie werden das sagen. Denn das dürfen sie. Ich darf an dieser Stelle natürlich auch zurückschiessen. Ich darf einen Shitstorm gegen jemanden auslösen, genauso wie dieser jemand einen Shitstorm gegen mich auslösen darf. Nur wird das nichts an der Situation ändern. Ich darf auch völlig verantwortungslos drauflos schreiben und zum Beispiel negative Klischees über Homosexuelle zementieren, die dann zu Aggressionen gegenüber selbigen führen, die wiederum zu Verletzten oder sogar Toten führen (und ja, das passiert tatsächlich auch bei uns und heutzutage noch). Wenn ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann.

Wenn ich aber so etwas schreibe und jemand tatsächlich aufgrund meines Buches – oder weil er sich durch mein Buch bestätigt fühlt – so etwas tut, muss ich hinterher auch nicht sagen: „Aber das habe ich doch gar nicht gewollt.“ Denn ich habe es gefördert, in dem ich mich entschieden habe, diese schädlichen Klischees einzubauen. Oder indem ich mich entschieden habe, mich nicht mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dann bin ich Mitschuld. „Ich hatte keine Ahnung“ zählt nicht, denn ich hätte eine Ahnung bekommen, wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, mir das Ganze näher anzusehen.

Würdet ihr das wollen? Also, ich nicht.

Wenn ich nun aber kein Problem mit so etwas hätte, und fröhlich vor mich hin schreiben würde, ohne auf sensible Problematiken zu achten, könnte es auch passieren, dass einige von einem Thema betroffene Personen das bemerken und schlecht finden. Die werden mir das wahrscheinlich sagen, oder sogar einen Shitstorm erzeugen. Dürfen sie. Nun darf man sich als beschossene*r Autor*in natürlich ungerecht behandelt fühlen, sich verteidigen oder gar auf bestimmten Ansichten beharren. Auch hier ist die einzige Frage, die sich wirklich stellt: Möchte ich das? Und auch hier brauche ich hinterher nicht zu sagen: „Aber das wollte ich nicht.“ Ich habe mich in dem Moment dafür entschieden, in dem ich mich gegen die Verantwortung – oder auch nur die Recherche – entschieden habe. So einfach ist das.

Wobei, naja, es geht noch weiter. Selbst wenn ich meine Verantwortung wahrnehme, mich mit einem Thema auseinadersetze und mir Mühe gebe, kritische Inhalte sorgfältig zu behandeln und schädliche Darstellungen zu vermeiden, kann ich noch in das eine oder andere Fettnäpfchen treten. Viele Themen sind einfach so komplex, dass man selbst mit der Hilfe von Experten nicht alle potenziellen Probleme finden kann. An dieser Stelle empfiehlt es sich, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, weshalb man das Thema überhaupt aufgreift.

Was will ich damit erreichen? Inwiefern ist es relevant für die Geschichte? Wen will ich unterstützen, wen nicht? Was will ich mit meinem Buch/dieser Szene/Sequenz sagen? Wie viel muss ich zu dem Thema sagen, um das auszudrücken, was ich möchte? Wie viel muss ich dafür wissen?

Allen recht machen kann man es nicht, aber man tut schon vieles, indem man sich damit auseinandersetzt. In der stoischen Philosophie gibt es einen Grundsatz, der besagt, „wenn du nicht Gutes tun kannst, so richte zumindest keinen Schaden an.“ Das ist ein Ziel, das ich verfolgen will. Ich will niemandem schaden und ich will bestimmte Menschen unterstützen. Ich will es „richtig“ (=weder verletztend noch schädlich) machen. Ich will mich weiterbilden und verbessern, um diesem Ziel näher zu kommen.

Deshalb fühle ich mich auch nicht eingeschränkt durch Sensibilität und Verantwortung, denn ich will sie wahrnehmen. Doch selbst, wenn ich es nicht wollte, wie könnte der Wunsch von anderen Menschen mich dann aufhalten? Wäre ja egal, ich würde mich ja nicht interessieren. Am Ende ist es nur das Ego, das verursacht, das wir uns von etwas eingeengt fühlen, was wir gar nicht beachten müssen. Die Angst davor, was eben jene anderen sagen werden. Schränkt uns das nicht ein? Letztendlich ist es unsere Entscheidung.

Also, wenn du dich das nächste Mal fragst, ob du irgendetwas sagen „darfst“, frage dich zuerst, ob du das sagen willst und warum. Niemand ist gezwungen, sein Buch in einer bestimmten Art und Weise zu schreiben. Niemand ist gezwungen, diverse Charaktere einzubauen, ein sensibles Thema aufzugreifen oder heiklen Fragen nachzugehen. Aber wenn man das will, sollte man sich auch einen Moment nehmen, um zu überlegen, wie man es tun will. Und anschliessend die entsprechenden Konsequenzen tragen.

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