„Höre auf dein Herz“ – Doch was sagt es einem wirklich?

„Folge deinem Herzen.“
„Tu das, was du liebst.“
„Höre in dich hinein und gehe deinen Weg.“

Diese und ähnliche Sätze begegnen uns dauernd. Erfolgscoaches posaunen sie auf Social Media hinaus, kreative Kolleg*innen legen sie uns nahe, berühmte Leute aus unserem Feld erklären es in Interviews. Daran ist erst einmal auch nichts auszusetzen, denn wir alle werden uns darin einig sein, dass es uns damit gut geht. Doch was genau heisst das eigentlich?

„Was fragst du?“, wirst du jetzt sagen, „ist doch klar.“ Wirklich? Du hast nie das Gefühl, etwas wieder und wieder zu versuchen, ohne dass es klappen möchte? Du hast dich nie gefragt, warum dir bestimmte Dinge scheinbar mühelos gelingen, während du bei anderen einen einzigen Krampf hast, um auch nur die Basics zu verstehen? Du hast nie den Eindruck, das Universum hätte sich irgendwie gegen dich verschworen, dass du irgendetwas komplett falsch machst und du weisst nur nicht, was? Bist du wirklich zufrieden mit der Kunst, die du machst?

Dabei spreche ich nicht von Zweifeln an der handwerklichen Qualität, sondern von Zweifeln am Inhalt. Daran, ob das so wirklich das Richtige ist. Welchen Sinn es hat. Warum man das überhaupt tut oder warum es jemanden interessieren sollte. Wozu man weitermachen soll und was es bringt. Was der Nutzen davon ist. Spoiler: Wenn es dich interessiert, sprich du einen Sinn darin siehst, wird es auch andere interessieren! Wenn du jedoch diesen Sinn nicht siehst, lohnt es sich, zu fragen, woran das liegt.

Denn manchmal spricht unser Herz sehr, sehr leise. Es ist diese zaghafte, innere Stimme, die uns fast pausenlos etwas zuflüstern möchte und die wir allzu oft ignorieren. Es ist dieses seltsame Gefühle, dass irgendetwas nicht stimmt, aber man weiss nicht, was genau. Es ist das Gefühl, dass man eigentlich eher etwas anderes machen sollte – nicht jenes, das uns während einer Frustphase überkommt, sondern das, das permanent da ist. Dieses kaum hörbare Klopfen an der Hintertür, das wir für seltsames Tier halten, in Wirklichkeit aber das Produkt unserer eigenen Täuschungen ist.

Bei mir war es zum Beispiel die Tatsache, dass ich eine wirklich schlechte Fantasyautorin war. Ich liebe Fantasy. Ich bin mit dem Genre aufgewachsen und ich mag es noch heute. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als mich in fremden Welten mit Drachen, Elfen, Hexen und Co. zu verlieren. (Vor allem Hexen und Drachen). Als ich mit dem Schreiben anfing, war es für mich daher logisch, Fantasy zu schreiben. Ich liebte das Genre ja und kannte mich da auch schon ein bisschen aus.

Doch keine meiner Geschichten wollte Fantasy werden. Nur mit Biegen, Brechen, Würgen und gewalttätigem Charaktere-zum-Plot-zwingen habe ich es hingekriegt. In meinem ersten Manuskript habe ich das Fantasyelement buchstäblich reingequetscht, weil ich es mir nicht ohne vorstellen konnte, obwohl es sich fast von alleine so schrieb. Als ich es an Verlage und Agenturen schickte, kam prompt die Antwort: „Wir denken, die Geschichte wäre besser ohne den Fantasy-Aspekt.“ Von mehreren. Als ich es dann endlich zur Veröffentlichung geschafft hatte, kamen die Leser*innen und sagten dasselbe.

Damals habe ich das nicht verstanden. Ich sah nicht ein, wieso ich, als Fantasyliebhaberin, keine Fantasy schreiben sollte. Aber ich brachte das menschliche Drama und den Quest-Plot einfach nicht zusammen und blickte neidisch auf jene Autor*innen, denen das gelang. Ich fragte mich „warum“, bis ich fast verrückt worde. Natürlich ging es mir bei allen Manuskripten gleich, bis ich beschlossen habe, es halt eben einmal ohne Fantasy zu versuchen. Und siehe da, es funktionierte! Auf einmal konnte ich das, was ich mir so lange gewünscht hatte. Plötzlich erschien mir alles viel einfacher und natürlicher.

Woran es lag? Nun, ich liebe zwar Fantasy als Empfängerin, aber die Geschichten, die ich im tiefsten Herzen erzählen will, sind es einfach nicht. Das, was mein Herz wirklich beschäftigt, ist nicht die Fantasy, sondern das nicht so romantische Drama mancher zwischenmenschlicher Beziehungen. Menschliche Abgründe. Warum Menschen so sind, wie sie sind. Diese Frage lässt mir auch nach über dreissig Jahren auf dieser Erde keine Ruhe und ihr möchte ich in meinen Geschichten nachgehen. Mein Herz hatte mir das schon lange sagen wollen – aber ich war zu beschäftigt damit gewesen, etwas anderen nachzueifern, um es zu hören.

In den 80er- und frühen 90er-Jahren gab es im englischssprachigen Fernsehen die Serie „The Joy Of Painting“ (die die BBC heute wieder zeigt), mit dem Ölmaler Bob Ross, der dort Realtime-Tutorials für Landschaftsmalereien macht. In einer Folge erschafft er einen Wald mit einem Lagerfeuer, an dem ein Typ mit Hut sitzt. Der Maler erklärt sodann, warum er sonst nie Menschen malt: Er hätte einmal einem Lehrer erzählt, Menschen fielen ihm schwer, woraufhin dieser geantwortet hätte, wenn sein Herz den Bäumen und Bergen gehöre, solle er bei diesen bleiben. Das gefiel mir sehr, denn ich spüre bei mir immer wieder dasselbe. Jene Dinge, die wirklich meinem Herzen entsprechen, gelingen besser, fühlen sich natürlicher und einfacher an. (Vorausgesetzt, ein gewisses Handwerkliches Basis-Know-How ist gegeben.)

Von vielen Künstler*innen bekommt man Ähnliches zu hören, wenn man sich ein wenig mit ihrem Werdegang beschäftigt. Wie sie sich verstellt haben, weil sie dachten, das wäre erfolgsversprechend. Wie sie verschiedenste Dinge versucht haben, bis ihnen klar wurde, dass sie eigentlich schon immer dieses Gefühl hatten, die eine Sache tun zu müssen, für die sie später bekannt geworden sind. Oder umgekehrt jene, deren Kunst uns immer weniger zusagt, wie mehr sie sich auf Verkaufszahlen konzentrieren und sich somit vom Kern der Sache entfernen.

Das ist kein leeres Blabla, das man einfach erfindet. Es ist keine Aschenputtel-Geschichte, die sich gut verkauft. Hier geht es um genau diese zaghafte innere Stimme, dieses leise Klopfen, dieses schattenhafte Ding, das immer da ist, wir aber entweder als unwichtig abtun oder verdrängen, weil es uns nervt. Aber vielleicht muss es das tun, damit wir lernen, es ernst zu nehmen und zu erhöhren. Vielleicht will es uns etwas total Wichtiges mitteilen, das uns eine ganz neue Welt – und neues Glück – eröffnet, wenn wir es sprechen lassen und es annehmen.

Wenn uns also eine Sache nicht so gelingt, wie wir uns das wünschen, obwohl wir das Handwerk üben und üben und ständig dazu lernen, hat das mehr mit uns selbst zu tun, als uns klar ist. Dann liegt es nicht mehr an fehlenden Skills oder unzureichender Vorbereitung. Dann ist es unser Herz, das uns etwas sagen will. Dass wir in die falsche Richtung gehen. Dass der Sinn unserer Kunst ein anderer ist. Dass wir einmal eine andere Sache ausprobieren sollten. Dass wir den Weg nicht vordefinieren können und dass tief in uns etwas hinaus will. Etwas Wichtiges und Sinnvolles, das uns – und andere – interessieren sollte.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Eine sehr interessante Betrachtungsweise ist das. Ich gebe zu, dass sie mich zum Denken anregt. Danke für diesen Anstoß. Ich glaube, ich sollte mal genaustens unter die Lupe nehmen, was ich bislang so fabriziert habe und woran ich scheinbar schon ewig arbeite … 😀

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    1. Tamara Guidolin sagt:

      Danke für deine lieben Worte. Ich kenne das nicht nur von mir selbst, sondern habe es auch von anderen Künstler*innen schon oft gehört, daher meine Schlussfolgerungen. Wenn du später erzählen möchtest, was bei deiner Reflektion herausgekommen ist, würde mich das sehr interessieren. 🙂

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  2. Es kostet Kraft und Zeit, das zu tun. Wenn es aber soweit ist, werde ich darauf zurückkommen. 🙂

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