Leseprobe

Prolog

«Letztlich bleibt die Frage: Wer ist Julian Reynolds wirklich?»
Julian knüllte den Zeitungsausschnitt zusammen und warf ihn auf die Rückbank des Autos. Er war nach wie vor stocksauer. Die Information aus diesem unverschämten Artikel machte in allen Boulevardmedien und Musikmagazinen der Welt die Runde. Julian und seine Mitstreiterin Debra, die zusammen die Band Red Reyn bildeten, wurden mit Interview-Anfragen überhäuft. Das Fernsehen berichtete darüber, dass sich die Band zu dem Thema auch nach zwei Tagen noch immer ausschwieg und kein offizielles Statement abgegeben hatte. Fans sprengten mit ihren Sorgen die Kommentarspalten in den sozialen Medien.
Der Verfasser des Artikels war natürlich Glenn Hunter, dieser aufdringliche Arsch von einem Journalisten. Seit Jahren rückte er Julian auf die Pelle, schrieb Berichte über die Querelen innerhalb seiner Live-Besetzung, spionierte in seinem Privatleben herum und wusste immer Erster von neuen Affären. Julian und Debra hatten sich darauf geeinigt, immer alles abzustreiten, es sei denn, es gab eine offizielle Mitteilung zu machen. Bisher hatte das ganz gut funktioniert. Der Journalist produzierte jede Menge Gratis-PR für Red Reyn, Julian hielt sich bedeckt und die Menschen vergaßen alles nach kürzester Zeit. Dieses Mal sah das ein wenig anders aus.
Julians Ziel kam in Sichtweite. «Halten Sie bitte hier an», bat er seinen Chauffeur.
Der Wagen kam an der Seite des Weges zu stehen.
«Warten Sie hier auf mich.»
«Ja, Sir.»
Julian stieg aus. Das gleißende Licht blendete ihn. Er hätte die Sonnenbrille mitnehmen sollen, hatte sie jedoch in seinem Eifer vergessen. Einen Moment lang betrachtete er die hohen Baumwipfel, die die Villa seines Vaters umgaben. Noch immer zweifelte er daran, ob dies eine gute Idee war, aber es gab keinen anderen Weg. Er musste das klären, nur schon, damit die Öffentlichkeit aufhörte, sich das Maul darüber zu zerreißen.
Er ging zu dem großen Eisentor vor der Einfahrt und klingelte. Eine barsche Männerstimme meldete sich durch den Lautsprecher: «Hallo?»
«Hallo.» Julian brauchte nicht mehr zu sagen. Der Sicherheitsmann konnte ihn sehen und wusste, wer er war. Jedenfalls sollte er es wissen.
Nach kurzem Zögern klang es aus dem Lautsprecher: «Mr. Reynolds ist nicht da.»
«Ich will auch nicht zu ihm», sagte Julian.
Einige Sekunden lang passierte nichts mehr. Julian war drauf und dran, doch noch eine Erklärung abzugeben, als das Rattern des Fußgängertors ertönte. Er drückte die Klinke herunter und betrat das Grundstück. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Auf dem Weg über die lange Auffahrt übte Julian sich im ruhigen Atmen. Die niedrige, weitläufige Villa ragte vor ihm auf. Das Haus stammte aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert und war den amerikanischen Antebellum-Villen nachempfunden. Sein Vater hatte das Haupthaus mit dem dazugehörigen Land und dem Nebengebäude für die Bediensteten von seinem ersten Vermögen gekauft und es seither stetig erweitern lassen. Inzwischen enthielt die Anlage drei Ergänzungsbauten zum Haupthaus sowie ein weiteres Nebengebäude.
Julian drehte sich der Magen um, als er an seinen Vater dachte. Er ballte die linke Hand zur Faust um das Zittern darin zu unterdrücken.
Betty, die Haushälterin, stand bereits in der Tür, als er die Veranda erreichte. Sie führte ihn ins Esszimmer und bot ihm Tee und Kuchen an. Er nahm den Tee und lehnte den Kuchen ab. Die Tasse wärmte seine Hände, während er sich umsah.
Hier drinnen veränderte sich kaum jemals etwas. Wie schon in seiner Kindheit setzte er sich an den glattgeschliffenen Holztisch, der mit seiner ovalen Form und seinen dicken Beinen fast den ganzen Raum einnahm, und betrachtete durch die hohen Fenster die wohlgeformten Bäume im Garten. Der Kronleuchter hing bedrohlich über der Mitte des Tisches. Früher hatte Julian immer die Vorstellung gehabt, das Ding könnte jeden Moment über der netten Gesellschaft zusammenbrechen. Seine Lippen verzogen sich zu einem Halblächeln. Heute brauchte er sich nicht mehr vor dem Kronleuchter zu fürchten. Er sah ihn nur noch äußerst selten, seit er vor sechzehn Jahren abgehauen war.
Nach einer gefühlten halben Stunde, die in Wirklichkeit nur einige Minuten umfasste, erschien seine Mutter im Durchgang zum Flur. Sie trug eines ihrer schlichten Hauskleider, das ihr bis knapp unter die Knie reichte. Es betonte ihre zierliche Gestalt besser als die prunkvollen Abendgarderoben, die sie zu gesellschaftlichen Anlässen zur Schau stellte. Das dunkle Blau bildete einen starken Kontrast zu ihrer blassen Haut. Ihr blondes Haar war zu einem losen Knoten auf ihrem Hinterkopf gebunden.
«Hallo Liebling», sagte sie und stöckelte in ihren Pumps auf Julian zu. Er hatte nie verstanden, warum sie die auch im Haus trug.

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